01.4.04INTERVIEW PROFILE / ONE INTERVIEWEE

Frank Schumann

INTERVIEWEE 04

A Journalist and Publisher Reflecting on the GDR

Frank discusses how GDR citizens encountered news and media from both East and West.

[BACKGROUND TO BE PROVIDED][DATE TO BE PROVIDED][LOCATION TO BE PROVIDED]
Photograph of Frank Schumann
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01.4

Recording & transcript

DEUTSCH / ENGLISH
INTERVIEWEE 04 / MATERIALS

Frank Schumann

INTERVIEW RECORDING

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TRANSCRIPT / TRANSLATION

Full transcript

DE / GERMAN TRANSCRIPT

Ich möchte von Ihnen wissen, wie die Menschen das Leben in der DDR erlebt haben – insbesondere diejenigen, die auch Kenntnisse über das Leben im Westen hatten, zum Beispiel Journalisten, Schriftsteller, Verleger oder Musiker. Wie haben sie ihr Leben in der DDR im Vergleich zum Leben im Westen wahrgenommen?

[Ich glaube] möglicherweise waren die DDR Bürger, die am besten informierten Bürger der Welt, weil sie haben die DDR Zeitung gelesen und sie haben DDR Rundfunk gehört und sie haben DDR Fernsehen gesehen und sie haben aber gleichzeitig Westfernsehen und Westrundfunk gehört. [Achso, sie haben selbst die West Sendungen geschauen?]. Also es war völlig normal, es gab Dresden, das nannte man in der DDR, Spöttisch, das Tal der Ahnungslosen, das war sozusagen mit terrestrischen Fernsehen vom Westen aus nicht zu erreichen, weil das so ein Tal lag. Aber da hat dann die DDR in den Achtzigerjahren in den Neubaugebieten, die in Dresden errichtet wurden, spezielle Antennen errichtet und Westprogramme eingespeist, dass also auch diese Bürger =in der DDR Westfernsehen kamen.

Also alle wussten über den Westen?

Natürlich. Insofern waren sie über den Westen besser informiert als der Westen über den Osten, weil der Westen jetzt immer für den Nabel der Welt, die haben sich nicht dafür interessiert, was hinter dem sogenannten Eisern und Vorrang passiert, das war dem wurscht.

Aber es gab natürlich sozusagen, also und nicht aber, und es gab noch sehr viele verwandtschaftliche Beziehungen. Die Bundesrepublik wurde ja 1949 erst gegründet als westdeutscher Separatstaat, danach wurde die DDR gegründet.

Das heißt also, wie das in jedem Land so ist, dass die einen leben im Süden, die anderen im Norden, die Familien sind also geografisch getrennt, aber damals in einem Land lebte, war das unproblematisch. Dann aber durch die Teilung, durch die Zweistaatlichkeit, stand dann plötzlich eine Grenze zwischen den Familien, aber die Beziehung blieb unverändert.

Das heißt also, es war aufgrund dieser familiären Beziehung gab es sozusagen auch einen Informationsaustausch auf einer anderen Ebene. Und man konnte die DDR als DDR-Bürger im Rahmen einer sogenannten Familienzusammenführung, konnte man die DDR verlassen und den Westen zu seiner Familie ziehen, wenn man es denn wünschte. Auch das war möglich.

Also der Umgang war vor allen Dingen in den letzten 20 Jahren doch sehr entspannt und sehr offen. Also wir haben ja nicht hinter dem Mond gelebt. Und es sind in jedem Jahr ungefähr Drei Millionen DDR-Bürger besuchsweise. 3 Millionen, jedes Jahr in den Bundesrepublikum nach West-Berlin gefahren und die meisten sind auch wieder gekommen.

Das Problem bestand, wir hätten noch mehr fahren lassen können, aber das war eine Frage der Devisen. Weil zum Beispiel, also wenn man hier in Berlin ein Eisenbahnticket gekauft hat für ein Zu, für eine Reise nach Köln, dann musste man als DDR-Bürger hinter der Grenze, also hinter dem Harz bis nach Köln, musste man sozusagen das Invest bezahlen.

Und zwar nicht als einzelner Bürger, sondern der DDR wurde das dann sozusagen insgesamt in Rechnung gestellt. So und so viele Leute haben so und so viele Kilometer auf festdeutschen Gleisen zurückgelegt.

Und da die Devisen in der DDR immer knapp waren, hat man versucht, das auch in gewisser Weise zu deckeln, also dass nicht sozusagen alle in der Gleichzeit fuhren. Wenn ich als Journalist in der Bundesrepublik unterwegs war, dann stand mir am Tag, habe ich das 100 D-Mark bekommen.

Also von den 100 D-Mark musste ich das Hotel bezahlen und Essen und Nahrung und so weiter und andere Ausgaben bestreiten. Und also das war ziemlich knapp. Also es ist nicht so, wie man behauptet wird, dass die Leute hier eingemauert waren und nicht rauskamen.

Entspricht dieses Bild der Realität, oder wussten die Menschen in der DDR doch mehr über das Leben im Westen und in anderen Teilen der Welt?

Dieses Narrativ wird unverändert im Westen gepflegt. Also das ist sozusagen die DDR das größte Gefängnis Europas. Aber das ist wirklich unsinnig. Um das mal zu illustrieren, ich bin zur Ober-Schule gegangen und habe Abitur gemacht in Torgau an der Elbe. Heute liegt das in Sachsen, das war also die tiefste Provinz. Und in dem Haus, in dem wir gewohnt haben, war oben so ein kleines Kämmerchen.

Und da haben wir sozusagen als Peneler, Peneler sind Ober-Schüler die 16, 17, 18 Jahre alt sind, haben wir dort in der Klicke abgehangen. Wir haben dort umgesessen, haben geraucht, Bier getrunken, in dieser Kammer. Und wir haben, und das war 1968, und da kam der Zeichentrickfilm "The Beatles" raus, "Yellow Submarine", das war 1968 ein Zeichentrickfilm.

Und da haben wir die Wände in dieser Kammer mit diesen Figuren aus diesem Zeichentrickfilm bemalt, "The Beatles". Und meine Kinder, ich habe drei Söhne, die haben zu irgendeinem Runden Geburtstag von mir einen Film gedreht und waren in dem Haus, wo ich vor vierzig, fünfzig Jahren noch gelebt habe. Und die Zeichnung war noch dort an der Wand, "The Beatles". Und das haben sie fotografiert. Die Farben waren zwar etwas verblasst, aber das war eindeutig erkennbar. Und das hat mein Jüngster diese Fotos irgendwo auf Social Media gepostet, auf Instagram oder TikTok oder wie es da gehört.

Und da hat er wütende Proteste aus Westdeutschland bekommen, das wäre alles Lüge, weil die im Osten, hat davon überhaupt keine Ahnung. Die wussten ja nicht, dass es "The Beatles" gab und so weiter. Damit will ich nur sagen, und das war 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Und das waren junge Leute, die darauf reagiert haben, die überhaupt nicht die Mauer noch erlebt haben. Aber das zeigt nur, wie tief dieses Narrativ sitzt und die glauben heute wirklich immer noch, also wir sind derartig von der Welt abgeschlossen gewesen. Das glaubte ich auch früher. dass das absoluter Blödsinn ist.

Natürlich war es nicht so, dass du heute hier in die U-Bahn eingestiegen bist und bis drüben gefahren bist. Das konnte man bis 1961. Auf 1961 war das nicht so. Da stand in der Tat die Mauer. Aber wenn du Gründe hattest, Familiengeburtstag, Hochzeiten, irgendwelche Jubiläum, wenn du journalistisch unterwegs warst, wenn du als Künstler unterwegs warst, als Theatertruppen, wenn du als Sportler unterwegs gewesen bist, da hast du deinen Pass gehabt und dann bist du [einfach im freien Westen gekommen]. Vorne am Bahnhof Friedrichstraße war der Grenzübergang, dann bist du da drüben gegangen.

Eine hübsche Geschichte, die mir wiederfahren ist, das war Mitte der 80er-Jahre und das war heute hier in der Akademie der Künstler der DDR. Das ist am Kchplatz wo der heutige Charité ist. Und da fand eine Veranstaltung statt, das muss 1984 gewesen sein, zum 40. Jahrstag, das Attentat auf Hitler, 20. Juli 1944. Da gab es in der Akademie der Künstler eine Veranstaltung, die an diesem Tag erinnerte, da wurde auch ein Dokumentarfilm gezeigt.

Neben mir saß einer und ich merkte, dass der nicht von hierher war, sondern so ein Westberliner war. Er fragte mich dann auch immer, wenn jemand dort vorne auf dem Podium was sagt, und ich habe ihm erzählt wen wer war.

Und die Veranstaltung war zu Ende und dann wollten wir noch einen Tasse Kaffee trinken. Wir sind dann die Straße runter gegangen, da war der Künstlerklub Möwe der hatte geschlossen. Dann sind wir hier vorne, gegenüber das Hotel Adrian, das ist inzwischen abgerissen. Alle Restaurantplätze belegt und irgendwo haben wir dann doch noch etwas gefunden. Und da sagte er, die Westberliner mussten dann immer bis Mitternacht ausgereist sein. Sie haben nur einen Tag.

Der war nur zu dieser Veranstaltung da und der musste da 24 Uhr rüber und ich habe ihn dann noch zum Grenzübergang gebracht und da sagte er, da kommen Sie mich doch mal im Westberlin besuchen. Und da habe ich gesagt:” Gerne, wann?” Da sagte er: “Morgen.” Und vermutlich nahm er an, dass ich nicht käme.

Da habe ich gesagt: “gut, ich komme” Und dann habe ich ihn am nächsten Tag besucht. Er war einer der Söhne von einem Grafen von Schwerin, der damals vom Volksgerichtshof nach diesem Anschlag auf Hitler zum Todevorteil geworden ist.

[Und er war einer der Söhne auf dem Grafen von Schwerin und da war ich bei ihm zuhause in Charlottenburg. Und der ging dann nach Nepal oder Bhutan als Entwicklungshelfer. Und dann kam die Wende und die Mauer fiel und da meldete er sich plötzlich, er war wieder hier, er war in der SPD. Und dann haben wir uns wieder getroffen, diesmal im Westberlin am Sabinjeplatz und er wollte mich dann immer für die SPD werben. Dann habe ich gesagt, nein, das ist sozusagen nicht mein Beritt und der wurde dann Polizeipräsident in Potsdam. Da hat er mich dann auch nochmal eingeladen und da war er dann 90 und in den Nullerjahren, glaube ich, bevor er dann Polizeipräsident in Potsdam zu Hause ist.]

Aber den habe ich, ich gebe es zu, etwas überrascht. Ich habe ihn besucht am nächsten Abend zum Abendbrot und da war, ich komme deshalb drauf, weil ich das gestern meiner Frau erzählte, er, seine Frau und seine beiden Kinder saßen mit am Tisch und ich. Alle hatten Stoff-Servietten mit Monogramm. Ich hatte eine Papierserviette. Damit war sozusagen auch der soziale Unterschied deutlich gemacht mit der Serviette.

Also auf solche Feinheiten haben Sie sehr geachtet. Also die DDR-Bürger könnten, auch wenn sie wollten, in den Westen vereisen.

Ich war mal in Köln, im römisch-germanischen Museum, der gleich neben dem Dom steht. Das Museum war leer und nur Aufpasser waren drinnen, die aufgepasst haben dass mann da nichts rausträgt. Dann kam ich zu den und sagte: “ich komme aus der DDR.” Er guckte und sagte dann, ich sei dann bestimmt Sportler. Ich sagte, nee, mit Sicherheit nicht. Weil er wusste, dass DDR-Sportler ja auch ins Westen gehen. Oh, im Westen machen. Ich sage, “nee, ich bin Sportler”.

Und dann guckte er mich ziemlich mitleidig an. Ja. Und ich sage, was ist? “Dann müssen sie bestimmt Invalidenrentner sein!” “Nee”, sagte ich, “ich bin Journalist”. Dann war ich auch genau überrascht, weil, also wie gesagt, die Westdeutsche dachten dass man musste entweder Sportler, Rentner oder Invalide sein um ins Westen zu verreisen

Dass ich nicht [einen den Berufe] war zeigt diese Lüge, dass sozusagen die DDR-Bürger eingemauert waren und nicht raus kamen.Also die [die Miserinnerung] pflegen sie bis heute sehr intensiv. Und, und es gibt genügend Westdeutsche, die noch nie hier im Osten waren. Immer noch nicht. Und die haben auch keine Interesse dran, und sie glauben an was man ihnen über die DDR erzählt.

Das Leben hier war natürlich anders als heute. Es gibt so ein witz dass in der DDR wir Geld hatten, aber keine Devisen. Heute haben wir Devisen, aber kein Geld.

Die klassischen bürgerlichen Freiheiten waren natürlich begrenzt, aber sie existierten. Man hat in sozialer Sicherheit, z.B. Sicherheit des Arbeitsplatzes, Sicherheit der Rente, doch gelebt. Die Kinder konnten zur Schule gehen, sie wurden betreut, es gab Kindergärten; man konnte sich sozusagen auch beruflich qualifizieren. Das war alles garantiert. Sie sollen natürlich verstehen dass das Verständnis der sozialistische Demokratie war natürlich anders als das der bürgerliche Demokratie. Und das hat sich nun sozusagen dadurch etwas geändert.

Aber die Einschränkung, die du jetzt in dieser Gesellschaft hast, ist erstens, dass du natürlich sozusagen für diese Art von Freiheit Geld brauchst. Ja. Und wenn, wenn du wenig Geld hast, und das sind immer mehr Menschen in dieser, in diesem Lande, kannst du nicht sagen, dass du frei bist. Ja.

Wenn sich Freiheit darauf reduziert, dass ich alle vier Jahre wählen darf und Kandidaten wählen darf, die ich nicht ausgesucht habe. Das war in der DDR anders. Also, in der DDR, weil ich sage, hieß es ja immer, also es gibt ja keine freien Wahlen.

Das gab eine Einheitsliste, da standen Namen, und die hat man dann in Zettel gefaltet am Wahltag, und dann waren die gewählt. Was bei dieser Erzählung immer nicht erwähnt wird ist dass die Leute, bevor sie sozusagen auf diese Liste kamen, die mussten sich auf öffentlichen Wahlversammlungen stellen. Da konnte jeder hingehen, und jeder dort konnte Fragen stellen. Wenn dieser Kandidat keine gute Figur machte bei so einem Wahlveramt, dann kam der auch nie auf die Liste. Wer aber sozusagen dort bestanden hatte, der kam auf die Liste. Die wurden dann vorgeschlagen von Parteien, wir [die DDR] hatten mehrere Parteien, vom Kulturbund oder von der FJ oder von der Gewerkschaft.

Aber es ist im Prinzip sozusagen, die Vorgabe ist wesentlich wählerunabhängiger als in der DDR. Also das ist im Prinzip, wenn man so will, das konfuzianische Prinzip. Dass man sozusagen sich bewähren muss auf den unterschiedlichen Ebenen. Ja, stimmt. Und wenn man die Ebene schafft, dann schafft man die nächste. Das ist konfuziös.

Gerade die erkennen. Aber nach diesem Prinzip wurden sozusagen Kandidaten in der DDR gewählt. Nominiert zunächst. Und dann wurden sie kollektiv gewählt, wenn sie auf der Liste waren, und das war das Verständnis von sozialistischer Demokratie. Währenddem diese Demokratie natürlich dadurch eingeschränkt wird, dass du, das ist ja sozusagen das Plan, das wir heute erleben.

Dass Leute glauben, wenn sie viel Geld haben, dann können sie sich alles erlauben. Dann stehen sie über den Gesetz. Und das ist sozusagen dieses urklassische kapitalistische Prinzip, das Recht des Stärkeren. Wenn der Iran nicht so will, wie die Amis wollen, dann wird er halt bombardiert. Und wenn der gewählte Präsident Maduro von Venezuela, nicht der Freund der Americanos, was macht man, dann wird er entführt. Ja. Entschuldigung, wo leben wir denn hier? Wir leben hier in China. Was ist das für eine Freiheit, wenn sozusagen derjenige, der sich sozusagen für die mächtigsten Mann der Welt hält, sozusagen sie über Völkerrecht und andere Rechte von anderen Nationen wegsetzt, stell dir mal vor, die fliegen mit dem Hubschrauber ein und kidnappen Xi Jinping. Wie würden sich die Chinesen verhalten? Die würden nicht auf die Straße gehen sagen, wunderbar, jetzt sind wir los, sondern sie würden sozusagen zum Waffen greifen. Das hießt Krieg.

Venezuela war nicht in der Situation sozusagen, nachdem ihr Präsident entführt worden ist, sozusagen Krieg gegen die Amerikaner zu machen, zu führen. Und das ist genau das Problem. Die Amerikaner wissen, sie sind die stärkste Militärmacht der Welt. Und das setzen sie rigoros ein. Sie pfeifen auf das Völkerrecht, sie pfeifen auf nationale Rechte anderer Staaten, sie pfeifen auf die Freiheit anderer Länder, sich ihrer Führer selber wählen zu können oder nicht. Was? Was hat das mit Demokratie zu tun? Stimmt. Also man sollte sozusagen mit diesen Begriffen "Freedom and Democracy" immer sehr vorsichtig umgehen und fragen, Freiheit für wen und Demokratie für wen.

Ich habe von vielen leute gehört das sie glauben dass der Herr. Hönecker ein Idiot war, also glauben sie das auch?

Nein(Starke Opposition).

Also wenn ich, also ein Idiot in der Regierungsverantwortung, da kenne ich nur einen und der ist Trump. Also Hönecker war kein Idiot. Er war in seiner Funktion überfordert. Also man muss Folgendes sehen und deshalb bin ich immer sehr vorsichtig mit solchen Aussagen, das war ein Idiot. Der Hönecker hat von 1935 bis 1945 zehn Jahre lang im Knast gesessen, weil er gegen die NSDAP war.

Weil er anti-faschistich war. Er war erst Jahrgang 1912, und als er in den Knast kam, war er 23 Jahre alt. Ja, ziemlich jung. Ziemlich jung. Und das ist auch eigentlich das Alter oder der Lebensabschnitt, wo man sozusagen studiert, wo man lernt, wo man durch die Welt reist, um die Welt zu erkennen. Er saß im Knast und hatte davon nichts. Das heißt also ihm wurde nicht nur die Lebenszeit gestult, sondern auch die Jugend und auch die Möglichkeit, sagen wir, sich zu bilden. Ich habe mich spaßeshalber in die Zelle von Julia Timoschenko einschließen lassen. Ich war in Minnesota, in St. Paul, also Minneapolis, und habe mich dort sozusagen in eine Zelle einschließen lassen. Einfach nur um dieses Gefühl zu haben, wie das ist hinter Gittern. Du wusstest es nur für wenige Minuten, also nicht tageweise. Aber du kriegst nie Wissen. Ich kenne die Knäste hier in der DDR. Also Knast ist nirgendwo auf der Welt Erholung. Nirgendwo. Also dir wird vorgestiegen, wann aufzustehen hast, wann zu essen ist, wie du dich bewegen musst. Und du hast dann so einen Raum, dreimal vier Meter. Und wenn sich die Zellentür hinter dir schließt und du sitzt dann allein auf deiner Pritsche, dann bist du wirklich nur mit dir allein. Da bist du einsam und verlassen. Und du kriegst nicht mit, was draußen in der Welt passiert. Also diese zehn Jahre, glaube ich, haben den Monika, die haben nicht nur Lebenszeit, die verloren gegangen ist, sondern sozusagen auch die Möglichkeit, sich zu bilden, was über die Welt zu erfahren.

Weil wie gesagt, in diesem jugendlichen Alter ist man einfach aufgeschlossener und neugieriger auf der Welt. So, und der ist dann nach 1945 sozusagen gleich in politische Funktionen gekommen. Er war sozusagen Vorsitzender des antifaschistischen Hauptjugendausschusses hier in Berlin. Dann wurde er 1946 Vorsitzender der FDJ, des Jugendverbandes.

Dann ist er Mitte der 1950s nach Moskau zum Studium geschickt worden. Dann wurde er Sekretär des Zedkader SED. Und 1971 wurde er erster Sekretär des Zedkader SED. Und 1976 auch noch Staatsratsvorsitzender der DDR. Und Staatsratsvorsitzender, Generalsekretär des Zedkader SED und Vorsitzender des Nationalverteidigungsrates war er bis 1989 bis zu seinem Sturz. Also 13 Jahre lang diese Ämter.

Er war kein besonders intelligenter Mensch. Aber er konnte mit Menschen umgehen. Er hatte so eine Attitüde, man sagte in Deutschland Gutsherrn-Mentalität. Also er entschied dann sozusagen alles Mögliche, dass sie viel lieben. Aber und wenn Leute ein Problem hatten, sie wollten ausreisen und die Behörden haben ihnen das nicht erlaubt. Da hat man an Hönecker geschrieben und dann hat Hönecker entschieden. Also das meine ich mit Gutsherrn-Mentalität. Also westliche Politiker, die mit ihm zu tun hatten, also von Helmut Schmidt bis hin zu Günter Gauss, die haben wir schon.

Wir haben an ihm sein phänomenales Gedächtnis geschätzt, ein phänomenales, also wie ein Elefant. Und Helmut Schmidt, der Bundeskanzler, hat ihn bewundert, er hat gesagt, also die ökonomischen Zahlen über die Wirtschaft, die er im Kopf hat, er brauchte da immer seine Mitarbeiter, also er Helmut Schmidt, er musste seine Mitarbeiter fragen, das hatte Honecker alles im Kopf. Also einen solchen Menschen mit, wie gesagt, eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten als Idiot zu bezeichnen, halte ich für völlig falsch und deplatziert. Und ich kenne ja auch seine Frau, die war ja von Hause aus Lehrerin, also Margot Honecker, sie war ihm, also Erich Honecker, intellektuell überleben. Was aber nicht heißt, dass er sozusagen ein Idiot und ein Trottel gewesen hat.

Also er unterschied sich von seinem Vorgänger, Walter Ulbricht, in vielen Punkten. Ulbricht war ein Strateger, er traf Entscheidungen sozusagen auf lange Zeit und stellte sich da auch immer die Frage, wenn ich so und so entscheide, was passiert dann? Also diese eher strategische Linie, was bei Hönecker nicht der Fall war, in Deutschland sagen wir, der spielte Feuerwehr, das heißt, man hat ein Problem, das war akut, das wurde dann auch sofort entschieden, ohne zu bedenken, welche Konsequenzen hat das.

Also Ulbricht war ein Stratege und wusste sozusagen über die Begrenzung seiner intellektuellen Fähigkeiten. Und deshalb hat er Leute um sich geschart, die glüger waren als er selbst. Was einerseits der Ausdruck von großer Souveränität war, nämlich zu sagen, ich habe Leute um mich herum, die mehr wissen als ich, aber ich nutze sozusagen ihr Wissen.

Diese Größe hatte Honecker nicht, der hat sich lieber sozusagen mit Nullen umgeben und die ihm zum Munde redeten und sagten, wie toll er ist und wie klug die Entscheidungen sind, die er wieder getroffen hat. Also da war wie gesagt sein Vorgänger Ulbricht aus anderem Holz. Es gibt kein Universalgenie, was alles beherrscht und es geht wirklich darum, wenn man einen Staat lenkt und leitet, dass man so viel wie möglich die glücksten Köpfe des Landes benutzt, um sozusagen eine kluge Politik zu machen. Und dazu war Honecker nicht fähig, aber er war kein Idiot. Also könnte es ein Grund sein, dass alle Jungen einen Idiot nennen, weil das Leben in der DDR in den letzten zehn Jahren nicht so toll war? Der Grund ist ganz anderer Natur. Ich vermute mal, die meisten, mit denen Sie gesprochen haben, waren früher Mitglieder der SED. Einer war, aber nicht alle. Gut, wenn ehemalige Mitglieder der SED das sagen, dann auch immer mit diesen Gedanken. Also ich bin ja nicht daran schuld, was mit dieser DDR war. Es war ja der. Aber man gehörte eigentlich zu dieser Partei und hat dem Honecker in gewisser Weise zum Munde geredet.

Es gab keinen, der gesagt hat, Honecker muss weg. Zumindest nicht vor 1989, in den späten 80 Jahren schon. Aber das war keine öffentlich in der Partei vorgetragene Forderung. Sondern es war sozusagen nur die interne Diskussion und keiner hat sie gemacht. Und hinterher, als Honecker weg war, da war man schon immer dagegen. Und deshalb ist Honecker dann kein Idiot. Man sagt dann immer "belogen" und "betrogen" haben Sie uns. Was natürlich unsinnig ist. Wenn man sich dann hat betrügen lassen, dann war man selber dann schuld. Es ist sozusagen der Versuch, Verantwortung zu delegieren.

Es gibt auch viele, die die DDR im Groll verlassen haben, weil sie mit dem politischen System nicht klarkam. Das ist doch wie in jedem Land der Welt. Nicht alle, die in einem Staat leben, finden den Staat, in dem sie leben, toll. Das ist in China so, das war in der DDR so, das ist in den USA heute so. Da gibt es dann immer zwei Möglichkeiten. Entweder man passt sich an und hält die Klappe, verhält sich opportunistisch, oder man geht raus, man verlässt dieses Land. Das machten viele, die die DDR verlassen haben.

Könnte man eigentlich eine DDR-Bürgerschaft selbst verlassen?

In dem Moment, wenn ich aus der DDR ausgereist bin, für immer, dann verloren wir die DDR-Staatsbürgerschaft. [Also man geht in den Westen und dann kommt man nicht mehr zurück? So ist es] Man kriegt dann die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft. Das war ja das, wo sich die DDR immer gewandt hat. Das war die sogenannte Hallstein-Doktrin. Oder in den sogenannten ehemaligen ostdeutschen Gebieten, also Ostpreußen, Pommern, Schlesien. Also wenn die sozusagen deutschen Vorfahren hatten, dann waren sie auch deutsche und für die maßte sich die Bundesrepublik an, für sie sprechen zu dürfen. Das hatte zur Konsequenz, du konntest als DDR-Bürger, wenn du irgendwo in der Welt unterwegs warst, was weiß ich, in Brasilien oder Indonesien, dann konntest du in die bundesdeutsche Botschaft gehen und sagen, ich bitte um Asyl, dann kriechtest du sofort.Also da konnte man hingehen und kriegt dann sofort, sagen wir, einen westdeutschen Pass.

Und dagegen war die DDR-Staat völlig klar. Aber konnte man so etwas vermeiden? Es ging darum, und diese Forderung hat die DDR Zeit, solange sie existiert, immer wieder hoch, sie sollten ja nicht die Staatsbürgerschaft, die Bundesrepublik sollte ja nicht die Staatsbürgerschaft der DDR anerkennungsvoll erreichen, wenn sie die Staatsbürgerschaft der DDR respektierte und die DDR-Bürger nicht wie Bundesbürger behandelte, indem man ihnen sozusagen einen westdeutschen Pass gab.

So, aber jetzt, es reißt Leute aus in die Bundesrepublik, und nachdem sie eine Weile dort waren, stellten sie plötzlich fest, dass sozusagen diese Bundesrepublik doch nicht so toll war, wie sie das vorgestellt haben. Und deshalb mussten sie, das lässt sich so logisch erklären, deshalb mussten sie das Land, aus dem sie kamen, im möglichst schwarzen Farben schildern, um sich selbst das Gefühl zu geben und die Gewissheit zu vermitteln, dass sie sich sozusagen verbessert haben.

Es geht ihnen jetzt besser, als es ihnen vorgegangen ist. Und deshalb übertrieben sie und überzeichneten sie dieses Bild in der DDR. Und das, also ganz schlimm, das Kuriose ist, dass nicht wenige von diesen Leuten, die ausgereist waren, nach der Wende wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind und dort sozusagen sauer waren, dass nun in dem Haus, in dem sie mal gewohnt haben, da wohnten nun andere, weil das Haus hatten sie ja verkauft, als sie ausgereist sind. Und nun sagten sie, da gab es dann auch sehr viele gerichtliche Auseinandersetzungen, aber es sind sehr viele wieder zurückgekehrt.

Aber wenn sie zurückgekommen wären, hätten sie dann nicht vor Gericht gestanden, weil sie Republikflucht begangen hatten?

Nein, denn sie kamen ja erst nach der Wende zurück, also nach dem Ende der DDR.

Gab es auch Menschen, die bereits vor der Wende ausgereist waren und anschließend wieder in die DDR zurückkehrten?

Das waren nur wenige. Die meisten blieben im Westen. Nach der Wende kehrten allerdings sehr viele in ihre alte Heimat zurück. Sie hatten festgestellt: Erstens ist das ihre Geschichte; dort waren ihre Freunde, dort waren sie zur Schule gegangen und so weiter. All das kann man nicht einfach mitnehmen. Deshalb kehrten sie zurück.

Auf der anderen Seite sagt man, dass zwischen 1949 und 1989, als die beiden deutschen Staaten existierten, ungefähr drei Millionen DDR-Bürger in die Bundesrepublik übersiedelten – drei Millionen. Nach westdeutscher Lesart war das eine sogenannte „Abstimmung mit den Füßen“.

Das bedeutet, dass jeder, der in den Westen ging, dem Sozialismus der DDR damit sozusagen die rote Karte zeigte. Sein Weggang wurde als eine Entscheidung für das westliche und gegen das östliche System verstanden. Das war die offizielle Lesart. Denn das würde im Klartext bedeuten, dass ihre Ausreise eine politische Entscheidung gewesen sei. Das stimmt aber nicht. Die meisten waren sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sagten sich ganz einfach: „Ich habe nur ein Leben und nur ein Arbeitsleben. Deshalb suche ich mir das Land aus, in dem es mir besser geht.“ Dabei herrschte die Vorstellung, dass es ihnen in der Bundesrepublik besser gehen würde als in der DDR.

Dann gehe ich eben in den Westen. Nach heutiger Lesart bedeutet das: Es handelte sich um Wirtschaftsflüchtlinge und nicht um politische Flüchtlinge. Im Westen wurden sie jedoch als politische Flüchtlinge behandelt. Wenn es sich tatsächlich um politische Flüchtlinge gehandelt hätte, also um Menschen, die die DDR aus politischen Gründen verlassen hatten und in die Bundesrepublik gegangen waren, würde das im Klartext Folgendes bedeuten: Nachdem die DDR verschwunden war und auch hier im Osten das politische System des Westens eingeführt worden war, hätten sie eigentlich alle hierbleiben können.

Seit 1990 sind inzwischen etwa drei Millionen Ostdeutsche in die westlichen Bundesländer gezogen. Das sind genauso viele Menschen, wie zwischen 1949 und 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik gegangen waren. Seit 1990 sind also ebenso viele Ostdeutsche in die westdeutschen Bundesländer gezogen. Das hatte demnach überhaupt nichts mit Politik zu tun, sondern war eine rein ökonomische Entscheidung. Die Politik war zwar ein Grund, aber sie war nicht der wichtigste und auch nicht der entscheidende Grund. Die Ausreise wurde jedoch vom Westen politisch instrumentalisiert. Es gab Förderbeihilfen, Unterstützung und so weiter. Der Westen wollte, dass die DDR personell ausblutete. Das war zumindest bis 1961 der Fall.

Deshalb wurde schließlich auch die Mauer gebaut, sodass eine Ausreise nur noch kontrolliert erfolgen konnte. Das ist ebenfalls interessant: Bis 1961 gingen vor allem qualifizierte Menschen in den Westen – Facharbeiter, Ärzte und andere Wissenschaftler. Sie gingen in den Westen, weil beispielsweise ein Arzt in der DDR wesentlich weniger verdiente als ein Arzt in der Bundesrepublik. Das bedeutet: Die DDR hatte die Ausbildung dieser Menschen finanziert, aber der Westen profitierte anschließend von ihrer Arbeit.

Mit dem Bau der Mauer im Jahr 1961 war damit Schluss. Dadurch bekam die Bundesrepublik ein Problem: Es fehlten Arbeitskräfte. Daraufhin begann die Bundesrepublik, sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Spanien und Portugal anzuwerben. Diese schlossen im Prinzip die Lücke, die dadurch entstanden war, dass keine DDR-Bürger mehr in den Westen kamen. So hing das miteinander zusammen. In den 1960er-Jahren wurden dann die sogenannten Gastarbeiter angeworben. Ich habe früher einmal ein Buch über Gastarbeiter gelesen. Ich möchte noch einmal nachschauen, wann die Gastarbeiter eigentlich nach Deutschland kamen. Das war in den 1960er-Jahren. Ich muss das noch einmal überprüfen.

Wie gesagt: Etwa 1962, 1963 oder 1964 – ungefähr in diesem Zeitraum – begann man, massiv Gastarbeiter anzuwerben. Dann entstand jedoch ein Problem: Die Gastarbeiter holten ihre Familien nach und blieben dauerhaft in Deutschland. Daraufhin kam das sogenannte Rotationsprinzip.

Das Rotationsprinzip. Damit war eine Politik gemeint, nach der Gastarbeiter zwei oder drei Jahre in Deutschland arbeiten und anschließend in ihre Heimat zurückkehren sollten. Nach Ablauf dieser Zeit sollten sie zurückgeschickt und durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden. Viele hatten inzwischen jedoch ihre Familien nach Deutschland geholt. Durch das Rotationsprinzip wollte man vermeiden, dass sich die Familien dauerhaft in Deutschland niederließen.

Inzwischen kommen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge aus der ganzen Welt hierher. Viele von ihnen sollen nun abgeschoben werden, weil man sie nicht im Land haben möchte. Wenn man die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte als Ganzes betrachtet, ist das eine Folge dieser klassischen Einwanderungspolitik.

Wenn Arbeitskräfte oder wissenschaftliches Fachpersonal benötigt werden, versucht man, Menschen aus der ganzen Welt anzuwerben. Zurzeit sucht Deutschland beispielsweise in Vietnam nach medizinischem Pflegepersonal. Wenn diese Menschen dann hier sind, wird man sie aber auch nicht ohne Weiteres wieder los. Das heißt, man denkt nicht langfristig. Man denkt lediglich: „Wir haben hier ein Problem und brauchen Pflegepersonal. Wo bekommen wir es so schnell wie möglich her?“ Also fährt man nach Vietnam oder Südamerika und wirbt dort Menschen an.

Das alles ist sehr kurzsichtig und, als Gesamtentwicklung betrachtet, gefährlich, weil dadurch das soziale Gefüge einer Gesellschaft durcheinandergeraten kann. Nach 2015 versuchte man beispielsweise, den Flüchtlingen aus Syrien und aus afrikanischen Ländern den Start hier so leicht wie möglich zu machen. Sie kamen teilweise mit großen Familien und wurden staatlich unterstützt. Dadurch entstand folgendes Problem: Menschen, die hier hart arbeiteten und jeden Tag acht Stunden in einer Fabrik verbrachten, um ihr Geld zu verdienen, hatten unter Umständen nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung als eine Flüchtlingsfamilie, die staatliche Unterstützung erhielt. Auf diese Weise schürt man sozialen Neid.

Das bedeutet, dass ein politisches Problem innerhalb der Gesellschaft entsteht. Die einen fühlen sich vernachlässigt und sehen zugleich, dass andere ihrer Meinung nach bevorzugt werden. Rechtsextreme Parteien wie die AfD versuchen natürlich, dieses Gefühl auszunutzen, indem sie sagen: „Abschieben, sofort abschieben!“ Das ist natürlich Unsinn, denn damit löst man das eigentliche Problem nicht.

Ich kann dazu ein Beispiel nennen: Meine Hausärztin ist ungefähr 50 Jahre alt und die Tochter kroatischer Einwanderer. Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter nach Berlin und bauten sich hier ein neues Leben auf. Als die AfD anfing, lautstark zu fordern, Ausländer und Einwanderer abzuschieben, bekam diese Ärztin Angst, obwohl sie den größten Teil ihres Lebens hier verbracht hat. Natürlich besitzt sie einen deutschen Pass. Es wurde jedoch sogar gesagt, dass auch Angehörige der zweiten Generation das Land verlassen sollten.

Hatte sie wirklich Angst davor, das Land verlassen zu müssen?

Ja. Man kann mit Sicherheit sagen, dass eine solche Frau in ihrem Leben niemals die AfD wählen wird. Das bedeutet, dass die Einwanderungspolitik, welche die Bundesregierung seit 1990 – und teilweise auch schon davor – betrieben hat, nicht besonders klug gewesen ist.

Viele Maßnahmen dienen lediglich der Lösung aktueller Probleme. Das zieht sich durch sämtliche Bereiche, beispielsweise durch die Wirtschaft: Es gibt ein Problem, also nehmen wir einen Kredit auf. Dabei wird ausgeblendet, dass nachfolgende Generationen die Zinsen für die Kredite bezahlen müssen, die heute aufgenommen werden, um bestehende Löcher zu stopfen. Diese Zinslast kann immens sein. Die Politiker sagen sich natürlich: „Dann sind wir schon tot, und die nachfolgenden Generationen sollen sich darum kümmern.“ Das ist ziemlich kriminell.

Kehren wir zum eigentlichen Thema zurück. Was ich heute fragen wollte, ist, ob Sie persönliche Erfahrungen oder Geschichten haben, die mit der Stasi zusammenhängen?Ich weiß beispielsweise, dass Sie früher Journalist waren. Gab es Kollegen, die von der Stasi überwacht wurden, weil sie etwas Falsches gesagt oder geschrieben hatten? Das entspricht jedenfalls dem Bild, das ich aus Filmen und Büchern kenne.

Nicht alles, was gedruckt oder verfilmt wird, muss der Wahrheit entsprechen. Zunächst müssen wir davon ausgehen, dass Journalisten für die Geheimdienste aller Länder interessant sind.

Warum?

Journalisten sind ständig unterwegs und von Natur aus neugierig, weil sie schließlich etwas zu berichten haben. Außerdem gelangen sie an Orte, an die gewöhnliche Touristen oder andere Menschen normalerweise nicht kommen oder nicht gehen. Das lässt sich durch die gesamte Weltgeschichte hindurch beobachten.

Im Übrigen gilt die Spionage als das zweitälteste Gewerbe der Welt. Sie wird bereits in der Bibel erwähnt. Als ältestes Gewerbe gilt natürlich die Prostitution, aber das zweitälteste ist die Spionage. Die Bibel ist schließlich mehrere Tausend Jahre alt.

Journalisten waren deshalb natürlich auch für die Auslandsaufklärung der DDR interessant. Das Ministerium für Staatssicherheit, also das MfS, war anders organisiert als die Nachrichtendienste anderer Länder. In anderen Ländern gibt es unterschiedliche, voneinander getrennte Dienste.

In der Bundesrepublik gibt es beispielsweise den Verfassungsschutz, der für das Inland zuständig ist. Daneben gibt es den Bundesnachrichtendienst, der für das Ausland zuständig ist. Außerdem gibt es den Militärischen Abschirmdienst, kurz MAD, der ausschließlich für den militärischen Bereich zuständig ist. Dann gibt es noch das Bundeskriminalamt.

In der DDR waren all diese Aufgaben innerhalb eines einzigen Apparats konzentriert: des MfS. Innerhalb des MfS gab es allerdings unterschiedliche Abteilungen. In der Bundesrepublik, in Großbritannien oder in den USA existieren mehrere voneinander getrennte Dienste. In den USA gibt es beispielsweise insgesamt 18 verschiedene Nachrichtendienste. In der DDR befanden sich dagegen alle Bereiche unter einem gemeinsamen Dach, nämlich dem des MfS.

Unter diesem Dach gab es zunächst die Abwehr, die im Wesentlichen für das Inland zuständig war. Daneben gab es die Auslandsaufklärung, die sogenannte Hauptverwaltung Aufklärung, kurz HVA.

Diese beiden Bereiche waren nach meiner Einschätzung effektiver als die voneinander getrennten Dienste hier, weil zwischen ihnen ständig Informationen ausgetauscht wurden. Die Abwehr war damit beschäftigt, Angriffe ausländischer Nachrichtendienste auf die DDR abzuwehren.

Die Auslandsaufklärung hingegen beschäftigte sich mit Personen und Nachrichtendiensten außerhalb der DDR, die Angriffe gegen die DDR planten oder durchführten. Ihre Aufgabe bestand darin, diese ausländischen Aktivitäten aufzuklären und zu kontrollieren.

Dann sagte man sich irgendwann: Na ja, die ausländischen Geheimdienste brauchen schließlich Leute, die im Inland für sie arbeiten. Also gerieten die Bürger der DDR potenziell unter Generalverdacht: Im Grunde konnte jeder dafür geeignet sein, für eine westliche Macht zu arbeiten. Das erklärte dann auch, warum die Spionageabwehr ausgebaut wurde. Das war sozusagen der Grundsatz.

Irgendwann sagte man sich: Ausländische Nachrichtendienste benötigen schließlich Menschen, die im Inland für sie arbeiten. Dadurch gerieten die Bürger der DDR potenziell unter einen Generalverdacht: Im Grunde konnte jeder geeignet sein, für eine westliche Macht zu arbeiten. Das erklärt auch, weshalb die Abwehr immer weiter ausgebaut wurde. Das war der Grundgedanke.

Nun kommen die Journalisten ins Spiel. Ich spreche dabei von mir selbst. Meine erste Reise in den Westen als Journalist fand 1979 statt, also relativ spät. Ich hatte bis 1978 studiert. Bereits in meinem ersten Berufsjahr bekam ich einen journalistischen Auftrag, der wiederum mit Honecker zusammenhing. Davon kann ich später noch erzählen.

Ich fuhr also in die Bundesrepublik, um dort Menschen ausfindig zu machen, über die ich schreiben sollte. Als ich anschließend in die DDR zurückkehrte, bekam ich Besuch von einem Vertreter der Auslandsaufklärung.

Da ich nun als Journalist regelmäßig in den Westen fuhr, wurde ich gefragt, ob ich gelegentlich etwas zu bestimmten Leuten dort mitnehmen beziehungsweise etwas von ihnen mit zurückbringen könne. Es handelte sich also eindeutig um eine Kurieraufgabe: Ich sollte als Kurier zwischen beiden Seiten tätig sein.

Man muss wissen, dass Geheimdienste überall auf der Welt Journalisten ansprechen. Sie sprechen dabei nicht jeden beliebigen Menschen an, sondern gehen davon aus, dass jemand bestimmte Eigenschaften mitbringen muss: Verschwiegenheit, eine gewisse Beobachtungsgabe und weitere Fähigkeiten, die man normalerweise auch von Journalisten erwartet.

Der Umstand, dass ich gefragt wurde, ob ich für die Aufklärung solche Kurierfahrten übernehmen würde, schmeichelte mir natürlich.

Ja? Natürlich, denn nicht jeder wurde gefragt. Bis zum Ende der DDR beförderte ich deshalb gelegentlich Dinge über die Grenze – einmal von hier nach dort, ein anderes Mal in die andere Richtung. Mehr war es nicht.

Aber dadurch wurde man zu einem IM, also zu einem inoffiziellen Mitarbeiter?

Im weitesten Sinne wurde das damit in Verbindung gebracht, weil man inoffiziell als Kurier tätig war.

Auch innerhalb der Redaktion gab es Journalisten, die aufmerksam beobachteten, was ihre Kollegen taten. Von „Überwachung“ zu sprechen, wäre jedoch übertrieben.

Gab es also Journalisten, die verfolgt wurden? Sie wurden nicht unbedingt verfolgt. Aber die Tätigkeit in einem öffentlichen Medium – ob Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen – war in der DDR wie auch anderswo in gewisser Weise sicherheitsrelevant. Eine solche Sicherheitsüberprüfung fand in unserer Redaktion vor der Einstellung nicht unbedingt statt. Während man dort arbeitete, wurde allerdings schon darauf geachtet, was jemand tat, mit wem er sich traf, ob er seine Frau schlug oder viel Alkohol trank und so weiter.

Das wusste aber jeder. Man betrachtete es nicht unbedingt als Überwachung. Als ich zuvor bei der Marine war, bestand die Schiffsbesatzung aus knapp 30 Personen. Jeder wusste genau, wer innerhalb der Mannschaft für Sicherheitsfragen zuständig war. Man ging damit jedoch ganz normal um.

Es war also nicht so, dass man ständig Angst hatte. Wenn man das Gefühl hatte, dass Mitarbeiter des MfS ihre Befugnisse überschritten, konnte man sich auch beschweren.

Ich kann ein konkretes Beispiel nennen. An einem Sonntag hatte ich Dienst, denn sonntags wurde die Zeitung für Montag produziert. Ich fuhr über die Holzmarktstraße mit dem Auto zur Redaktion am Alexanderplatz.

Die Straße hatte drei Fahrspuren. Ich fuhr auf der mittleren Spur, während sich links und rechts von mir ebenfalls Fahrzeuge befanden. Das Auto auf der rechten Spur zog plötzlich nach links. Deshalb wich ich ebenfalls nach links aus. An der nächsten Kreuzung hielt ich an einer roten Ampel.

Ich blickte zu dem Auto links neben mir hinüber. Auf dem Beifahrersitz saß eine Frau, am Steuer ein Mann. Ich machte eine entschuldigende Geste, weil schließlich nichts passiert war. Der Fahrer fühlte sich jedoch offenbar bedrängt.

Als die Ampel grün wurde, fuhren wir über die Kreuzung. Dahinter schnitt er mir plötzlich den Weg ab, stieg aus und beschimpfte mich, weil ich ihn angeblich abgedrängt hätte. Um seiner Beschimpfung Nachdruck zu verleihen, zog er seinen Dienstausweis an einem Lederriemen hervor.

Ich sagte: „Zeig einmal her.“ Dann merkte ich mir seinen Namen und sagte: „Wir müssen darüber nicht diskutieren. Du wirst von mir hören.“ Er wusste offenbar nicht, wie er damit umgehen sollte. Ich besaß eine Telefonnummer, bei der ich mich beschweren konnte.

Ich rief dort an und sagte sinngemäß: „Seid ihr noch bei Verstand?“ Drei Tage später erschien der Mann gemeinsam mit seinem Vorgesetzten bei mir zu Hause. Er hatte einen hochroten Kopf und musste sich in Gegenwart seines Vorgesetzten bei mir entschuldigen. Er erklärte, seine Frau oder Freundin sei schwanger gewesen und habe sich bei dem Vorfall sehr erschrocken.

Ich sagte: „Ich beschwere mich darüber. Aber wie viele Menschen, bei denen du dieselbe Nummer abziehst, trauen sich nicht, sich zu beschweren? Für sie repräsentierst du die Staatsmacht.“

Er gehörte zum MfS, vielleicht war er Leutnant oder Oberleutnant. Er wollte Eindruck machen, indem er seinen Dienstausweis zeigte. Ich fragte ihn nach seinem Namen, rief anschließend die zuständige Stelle an, und daraufhin musste er gemeinsam mit seinem Vorgesetzten zu mir nach Hause kommen und sich entschuldigen.

Ähnliche Situationen gab es auch am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße. Die Grenzer machten dort häufig ein unfreundliches Gesicht – wie Grenzbeamte überall auf der Welt. Dann sagte ich schon einmal: „Du musst nicht so finster schauen. Ich kann nichts dafür, dass du dort sitzen musst, während ich hier hindurchgehen kann. Jeder hat seine Aufgabe.“

Damit möchte ich nur sagen: In der DDR gab es Spielregeln. Wenn man sie kannte und beherrschte, konnte man ziemlich frei und ungezwungen leben.

In der DDR gab es beispielsweise das sogenannte Eingabengesetz. Wenn man sich von einer Behörde schlecht behandelt fühlte oder ein Problem etwa mit einer Wohnung hatte und die zuständige Stelle nicht reagierte, konnte man sich mit einer sogenannten „Eingabe“ beschweren. Dafür gab es ein eigenes Gesetz.

Dieses Gesetz verpflichtete sämtliche Institutionen und Behörden, innerhalb von 14 Tagen auf eine Eingabe zu reagieren. Oft erhielt man zunächst nur einen Zwischenbescheid. Das Problem war damit noch nicht gelöst, aber die Behörde signalisierte: „Ihre Beschwerde ist angekommen. Wir kümmern uns darum.“

Das Eingabengesetz sorgte dafür, dass die Kommunikation zwischen unten und oben funktionierte. Das war gesetzlich geregelt und funktionierte tatsächlich.

Ein vergleichbares Eingabengesetz gibt es heute nicht. Wenn man sich als Bürger bei einer Redaktion, einem Ministerium oder beim Bundespräsidenten beschwert, bedeutet das nicht, dass man überhaupt eine Antwort erhält. Man bewegt sich gewissermaßen in einer Blackbox.

Insofern kann man nicht behaupten, damals sei alles genauso gewesen wie heute. Der Umgang mit Eingaben und die Reaktion der staatlichen Stellen auf Beschwerden aus der Bevölkerung waren gesetzlich vorgeschrieben. Das war anders und existiert heute in dieser Form nicht mehr.

Wenn man heute über genügend Geld verfügt, kann man natürlich einen Anwalt beauftragen, vor Gericht ziehen und durch die verschiedenen Instanzen klagen. Das ist jedoch alles mit Geld verbunden. Für eine Eingabe benötigte man dagegen nur eine Briefmarke für 20 Pfennig. Man klebte sie auf den Brief und warf ihn in den Briefkasten. Dann wusste man: Die Behörde muss reagieren und antworten.

Auch das MfS musste reagieren, als dieser Mann vor mir mit seinem Dienstausweis herumwedelte und sich als Repräsentant der Staatsmacht aufspielte. Ich beschwerte mich, und die Reaktion bestand darin, dass er mit seinem Vorgesetzten bei mir erscheinen musste.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in den folgenden drei bis fünf Jahren nicht befördert wurde. Der Vorfall hatte also Konsequenzen für ihn.

Schau einmal dort oben: In der Chausseestraße befindet sich heute die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Früher stand auf dem Gelände ein Stadion. Das Stadion wurde in den 1990er-Jahren abgerissen, weil sich Berlin um die Olympischen Spiele 2000 beworben hatte. Berlin erhielt den Zuschlag jedoch nicht, obwohl das Stadion bereits abgerissen worden war.

Angeblich sollte dort eine neue Sporthalle entstehen. Diese wurde dann nicht mehr benötigt, weil keine Olympischen Spiele nach Berlin kamen. Vielleicht hätte man dort sonst etwas Ähnliches wie das „Vogelnest“ in Peking errichtet. Stattdessen wurde auf dem Gelände später die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes gebaut.

Wenn du dort vorbeigehst, wirst du möglicherweise fotografiert, ohne es zu bemerken. Man sieht dort zahlreiche Kameras. An der Vorderseite gibt es ein Besucherzentrum.

Was würde passieren, wenn ich in das Besucherzentrum hineingehe?

Es steht dir frei, das auszuprobieren. Ich wäre an deiner Stelle aber vorsichtig. Wahrscheinlich werden sie zunächst nach deinem Pass fragen. Dann kennen sie deinen Namen und überprüfen ihn in ihrem Computersystem. Wenn sie dabei feststellen, dass dein Vater Militärattaché in Nepal ist, könnten sie misstrauisch werden. Du kannst dann noch so oft erklären, dass du nur als Privatperson und aus Neugier gekommen bist – sie könnten dich trotzdem als potenziellen Spion betrachten.

Ich würde dir dringend davon abraten, weder vorbeigehen oder reingehen. Wenn du nur vorbeigehst, finden sie vielleicht irgendwann heraus, wer du bist, aber dann bist du längst wieder weg. Wenn du hineingehst, können sie deine Identität dagegen in Echtzeit überprüfen. Sie werden dich vermutlich freundlich wieder gehen lassen, aber du kannst davon ausgehen, dass sie dich währenddessen genau beobachten.

Kennen Sie Personen – vielleicht Kollegen, Verwandte oder Freunde –, die tatsächlich von der Staatssicherheit überwacht wurden? Dieses Thema interessiert mich besonders.

Ein Freund von mir war Hans Modrow, der Ministerpräsident der DDR gewesen ist. Von 1973 bis 1989 war er Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden. Auch er wurde überwacht. Sein Telefon wurde abgehört. Außerdem wurde er seit 1956 vom Bundesnachrichtendienst beobachtet – also von beiden Seiten.

In den 2000er- und 2010er-Jahren beschäftigte ihn folgende Frage: Grundsätzlich konnte jeder seine Stasi-Unterlagen einsehen, die Akten des BND jedoch nicht. Er setzte sich deshalb für deren Herausgabe ein. Er sagte, eine wirkliche Gleichbehandlung von Ost- und Westdeutschen sei erst dann erreicht, wenn sowohl die Stasi-Akten als auch die Akten der westdeutschen Nachrichtendienste auf dem Tisch lägen.

Durch die Öffnung der Stasi-Akten wurden Ostdeutsche gewissermaßen zu gläsernen Menschen. Die Akten westdeutscher Bürger und Dienste blieben dagegen unter Verschluss. Modrow klagte deshalb. Das Verfahren ging durch mehrere Instanzen bis zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Das Verfahren hieß „Hans Modrow gegen die Bundesrepublik Deutschland“. Stellvertretend für die Bundesrepublik nahmen dort vier Mitarbeiter des BND teil. Das Verfahren fand ausgerechnet in demselben Gebäude und Saal statt, in dem 1933 der Reichstagsbrandprozess gegen Georgi Dimitroff und andere Angeklagte geführt worden war. Das verlieh dem Verfahren eine besondere historische Note.

Modrow bekam Recht, und der Bundesnachrichtendienst musste Akten herausgeben, die über ihn angelegt worden waren. Allerdings gibt es in der Bundesrepublik archivrechtliche Schutzfristen. Deshalb durfte zunächst nur Material herausgegeben werden, das mindestens 30 Jahre alt war.

Mit dem fortschreitenden Zeitablauf musste der BND deshalb regelmäßig weitere Akten freigeben, sobald diese die entsprechende Frist erreicht hatten. Modrow gab mir diese Unterlagen anschließend. Natürlich waren viele Stellen geschwärzt.

Aus diesen Akten ging meiner Einschätzung nach eindeutig hervor, dass westdeutsche Nachrichtendienste über die DDR mehr wussten als die DDR und ihre Nachrichtendienste über Westdeutschland. Die westdeutschen Dienste waren viel tiefer in die DDR-Gesellschaft und teilweise auch in deren politische Führung eingedrungen, als sie bis heute zugeben.

Der BND präsentiert sich gern als ein etwas unbeholfener Nachrichtendienst. Wenn ein Journalist schreibt, welche Fehler er angeblich wieder begangen habe, dementiert der BND das häufig nicht. Man lässt diesen Eindruck einfach stehen, ohne die tatsächliche Arbeit offenzulegen.

Über diese Akten und das Verfahren habe ich gemeinsam mit Hans Modrow beziehungsweise auf Grundlage seines Falls ein Buch gemacht. Das war vor einigen Jahren. Vielleicht ist es noch erhältlich oder online zu finden. Es heißt Ich will meine Akte!. Darin werden wahrscheinlich viele deiner Fragen zum MfS, zu seiner Struktur und zu den Absichten der verschiedenen Nachrichtendienste beantwortet. Die Angelegenheit war sehr spannend. Als Hans Modrow vor drei Jahren starb, stellte der BND auch die weitere Lieferung seiner Akten ein. Seitdem habe ich keine neuen Unterlagen mehr erhalten.

Ich kann noch ein weiteres Beispiel dafür nennen, wie lange solche Dinge verfolgt wurden. Als ich bei der Jungen Welt arbeitete, schrieb ich bestimmte Beiträge über Nachrichtendienste unter einem Pseudonym. Dieses Pseudonym entsprach dem Nachnamen meines Schwagers beziehungsweise dem Geburtsnamen meiner Frau.

Als mein Schwager in den 1990er-Jahren mit seiner Frau zu einer Urlaubsreise in die USA fliegen wollte, wurde er am Flughafen Frankfurt am Main herausgewinkt. Anschließend wurde er von Mitarbeitern eines Nachrichtendienstes gefragt, ob er eine bestimmte Person kenne. Dabei nannten sie mein Pseudonym, das mit seinem Nachnamen übereinstimmte.

Da dieser Name nicht sehr häufig vorkam, nahmen sie vermutlich an, er müsse mit der gesuchten Person verwandt sein. Mein Schwager wusste nicht, dass ich seinen Namen als Pseudonym verwendet hatte. Deshalb antwortete er wahrheitsgemäß: „Diesen Menschen kenne ich nicht, ich habe den Namen noch nie gehört und weiß nichts darüber.“

Später erzählte er mir beiläufig von dem Vorfall, ohne zu wissen, dass ich etwas damit zu tun hatte. Dadurch erkannte ich, wie genau die westlichen Dienste diese Veröffentlichungen registriert und bis in die 1990er-Jahre weiterverfolgt hatten.

Sie hatten die betreffenden Texte in der DDR geschrieben, aber in den 1990er-Jahren suchten die westdeutschen Dienste weiterhin nach dem Autor? Interviewer: Ja. Sie hatten noch immer nicht herausgefunden, wer hinter dem Pseudonym stand. Aufgrund der Namensgleichheit befragten sie meinen Schwager und wollten wissen, ob er die gesuchte Person kannte.

Daran erkennt man, dass die Arbeit der westdeutschen Nachrichtendienste nach 1990 im Grunde bruchlos weiterging. Daran hatte sich zunächst nichts geändert. Bis in die 2000er-Jahre hinein schrieb ich einmal jährlich an die zuständige Berliner Verfassungsschutzbehörde und stellte immer drei Fragen:

Trifft es zu, dass ich vom Verfassungsschutz observiert werde?

Mit welcher Begründung werde ich observiert?

Wie lange soll diese Beobachtung noch fortgesetzt werden?

Jedes Mal erhielt ich die Antwort, ich werde selbstverständlich nicht observiert. Aufgrund bestimmter Beobachtungen war ich jedoch überzeugt, dass man mich überwachte.

Wenn beispielsweise ehemalige Generäle oder frühere Mitarbeiter der Staatssicherheit als Autoren zu mir in den Verlag kamen, standen unten vor dem Gebäude häufig auffällig glattrasierte junge Männer. Sie blieben dort genau so lange, wie meine Besucher bei mir waren.

Wenn ich mit den ehemaligen Generälen am Fenster stand, fragte ich: „Gehören die zu euch?“ Sie antworteten: „Nein, die sind von einer anderen Feldpostnummer.“

Das Interesse hat inzwischen nachgelassen, weil die frühere Führung des MfS nicht mehr existiert. Die Nachrichtendienste haben heute andere Tätigkeitsfelder. Sie beschäftigen sich beispielsweise mit China oder Russland. Was früher im Osten Deutschlands geschah, ist inzwischen Geschichte und interessiert sie weniger.

Sie hielten die Beobachtung jedoch ziemlich lange aufrecht. Wir fragten uns immer: Wovor haben sie eigentlich Angst? Glauben sie, wir würden einen Staatsstreich verüben oder die BND-Zentrale in der Chausseestraße ausspionieren? Das wäre vollkommen absurd.

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Jeder Nachrichtendienst braucht einen Feind, um seine eigene Existenz zu begründen. Er muss ständig den Nachweis liefern, dass seine Mitarbeiter nicht umsonst so viel Geld erhalten und tatsächlich viel zu tun haben.

In Deutschland spricht man heute von der hybriden Kriegsführung Russlands und von chinesischen Cyberangriffen. Dadurch entsteht der Eindruck, die Dienste hätten außerordentlich viel zu tun.

Wenn du deshalb in das Besucherzentrum hineinmarschierst, könnte man deinen Besuch sofort als Teil hybrider Kriegsführung oder als potenziellen Cyberangriff interpretieren. Schließlich könnte man behaupten, du könntest beim Überschreiten der Schwelle irgendwo eine Abhörwanze fallen lassen. Dann wären vielleicht eine Woche lang Mitarbeiter damit beschäftigt, das Besucherzentrum gründlich zu durchsuchen.

Wenn Sie heute in China unterwegs sind: Fühlen Sie sich dort überwacht und unfrei? [Nein.] Dann sehen Sie. Das Leben im heutigen China ähnelt meiner Auffassung nach dem damaligen Leben in der DDR. Das sage ich auch den Genossen, mit denen ich befreundet bin, beispielsweise Genosse Wang: Wenn ich in China unterwegs bin, fühle ich mich in mancher Hinsicht an die DDR erinnert.

Ich meine damit den Umgang der Menschen miteinander und ihre Offenheit. Wenn ich mit ganz gewöhnlichen chinesischen Bürgern zusammen bin, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Man kann sagen, was man möchte. Das erinnert mich sehr an die DDR.

Ich weiß nicht, ob ich dir das schon erzählt habe: Als ich einmal in einem autonomen tibetischen Gebiet war, hingen in einem Restaurant nur zwei Bilder an der Wand – Mao und Deng.

Ich fragte: „Wo ist denn der Dritte?“ Darauf antwortete der Betreiber des Restaurants: „Für mich ist Xi nur ein Mann des Übergangs. Er muss erst noch beweisen, dass er es verdient hat, dort zu hängen.“

Offener kann man kaum sein. Wenn der Mann Angst gehabt hätte, hätte er in Gegenwart des Dolmetschers sicherlich etwas anderes gesagt. Er hatte jedoch keine Angst. Warum auch?

Zusammengefasst würde ich sagen: Das Leben in der DDR war in etwa so frei und so unfrei wie das Leben in der Volksrepublik China heute. Jeder kann selbst beurteilen, wie frei oder unfrei er sich dabei fühlt und wo die Stärken und Nachteile eines solchen Systems liegen.

In einem Satz formuliert: Die DDR war kein Paradies, aber sie war auch nicht die Hölle, als die sie im Westen heute teilweise dargestellt wird.

Auch die Behauptung, die Bundesrepublik sei ein Rechtsstaat gewesen, während die DDR ausschließlich ein Unrechtsstaat gewesen sei, halte ich für unsinnig. Wir hatten unser eigenes Rechtssystem. Die DDR war nach meinem Verständnis ein Rechtsstaat, in dem allerdings auch Unrecht geschah – so wie es auch in der Bundesrepublik Unrecht gibt.

Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man heute über die DDR spricht. Es gibt Menschen, die sie verklären und schöner darstellen, als sie tatsächlich war, aber das ist eine aussterbende Minderheit. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die – wenn man es so ausdrücken will – Opfer westlicher Propaganda geworden sind und die DDR schlechter darstellen, als sie meiner Meinung nach tatsächlich war. Besonders bemerkenswert finde ich junge Menschen, die erst nach 1990 geboren wurden und dennoch ganz genau zu wissen meinen, wie es in der DDR zugegangen sei.

Ende des Gespräch.