01.4.05INTERVIEW PROFILE / ONE INTERVIEWEE

Hans Bauer

INTERVIEWEE 05

A Former Senior Prosecutor of the GDR

Hans Bauer recalls his childhood in Thuringia and his later work as a prosecutor in the GDR.

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Photograph of Torsten and Hans Bauer
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01.4

Recording & transcript

DEUTSCH / ENGLISH
INTERVIEWEE 05 / MATERIALS

Hans Bauer

INTERVIEW RECORDING

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TRANSCRIPT / TRANSLATION

Full transcript

DE / GERMAN TRANSCRIPT

Ich bin in Thüringen, in einer Kleinstadt, geboren. Sie lag später in der DDR. Ich wurde geboren, als der Krieg noch andauerte; ich bin also ein Kriegskind. Zunächst kamen die US-Amerikaner als Teil der Alliierten. Thüringen wurde dann jedoch der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben. Ich wuchs ab 1945/46 unter der sowjetischen Besatzungsmacht auf und wurde später in der DDR groß.

In der DDR nahm ich meine weitere Entwicklung. 1949 wurde die DDR gegründet. Mein Vater war während des Krieges Angehöriger der faschistischen Wehrmacht und verstarb 1947. Meine Mutter war Arbeiterin, genauer gesagt Spinnerin, und ein einfacher Mensch. Sie zog meine Schwester und mich groß.

Ich muss sagen, dass ich von meinem Staat erzogen wurde. Das ist, kurz gefasst, meine Herkunft. Die DDR verstand sich politisch als Arbeiter-und-Bauern-Macht. Ich war ein Arbeiter-und-Bauern-Kind, nämlich das Kind einer Arbeiterin, und hatte alle Entwicklungsmöglichkeiten: Schule, Abitur und die Nationale Volksarmee, damals noch freiwillig.

Anschließend studierte ich von 1961 bis 1965 Rechtswissenschaft. Später studierte ich an einer Parteihochschule der DDR Gesellschaftswissenschaften, was ich ungefähr mit der heutigen Politikwissenschaft vergleichen würde. In beiden Bereichen erwarb ich ein Diplom; hinzu kamen die üblichen Fortbildungen. Nach 1965 begann ich als Staatsanwaltsassistent.

Nach einem Jahr wurde ich vom Generalstaatsanwalt der DDR zum Staatsanwalt ernannt. Alle Staatsanwälte der DDR wurden vom Generalstaatsanwalt ernannt und unterstanden seiner Weisungsbefugnis. Zunächst war ich in einem Kreis tätig. Die DDR war damals in Kreise und Bezirke und nicht mehr in Länder gegliedert. Ich arbeitete im Kreis Oranienburg, heute im Land Brandenburg. [Oranienburg liegt nördlich von Berlin. Es ist die letzte S-Bahn-Station der Linie S1.]

(Als Kriminellen habe ich ihn damals in seiner Jugend nicht kennengelernt. Witz) Ich war mehrere Jahre in Oranienburg als Staatsanwalt beziehungsweise als beigeordneter Staatsanwalt tätig. Zeitweise war ich zum Bezirksstaatsanwalt in Potsdam abgeordnet; damals gab es den Bezirk Potsdam. Oranienburg und Bernau gehören seit 1990 zum Land Brandenburg.

Der Bezirksstaatsanwalt war die nächsthöhere Ebene. 1971 wurde ich als beigeordneter Staatsanwalt zur Dienststelle des Generalstaatsanwalts der DDR berufen. Dort arbeitete ich seit 1971 in verschiedenen Funktionen: als Abteilungsleiter, zeitweise in einer wissenschaftlichen Grundsatzabteilung zur Kriminalitätsforschung und später auch als stellvertretender Generalstaatsanwalt.

Zwischendurch erfüllte ich viele andere Aufgaben. Unter anderem wurde ich in das Außenministerium abgeordnet und war dort als Staatsanwalt auf dem Gebiet der Menschenrechte tätig. Nach einem Jahr hätte ich dort weiterarbeiten können, kehrte aber zur Staatsanwaltschaft zurück. Dort war ich für Auslandstätigkeiten vorgesehen und nahm an mehreren Delegationen der DDR teil, darunter Delegationen bei den Vereinten Nationen, die sich mit Kriminalitätsvorbeugung befassten.

Außerdem wirkte ich an Zusammenkünften zur Kriminalitätsbekämpfung in den sozialistischen Ländern mit. Gemeint waren im engeren Sinne vor allem die Staaten des Warschauer Vertrages. China, Nordkorea und Albanien waren damals nicht beteiligt; vertreten waren unter anderem Kuba, die Sowjetunion, Bulgarien, Rumänien, die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR), Polen und die DDR.

Solche Zusammenkünfte fanden alle paar Jahre statt. Es entstanden enge Beziehungen zu unseren sozialistischen Partnern, insbesondere zur Sowjetunion. In diesen Ländern, gerade auch in der Sowjetunion, gab es große Institute im Umfeld der Staatsanwaltschaft, die sich mit einem unserer Hauptgebiete beschäftigten: der Vorbeugung von Kriminalität. Das war unser Anspruch und auch der Anspruch der anderen sozialistischen Länder.

1982 wurde ich mit meiner Zustimmung und freiwillig beauftragt, als Regierungsberater in einem sozialistisch orientierten Land zu arbeiten. Zu den Ländern, die wir als „Länder mit sozialistischer Orientierung“ bezeichneten, zählten beispielsweise Mosambik und Nicaragua sowie eine Reihe afrikanischer Länder. Ich wurde in die Volksdemokratische Republik Jemen (VDRJ) entsandt. Dort war ich mehr als drei Jahre als Berater des Generalstaatsanwalts tätig und half beim Aufbau der Staatsanwaltschaft.

Wir kamen gut voran, und das Land entwickelte sich gut. Die inneren und äußeren Bedingungen waren jedoch so, dass langfristig die Perspektive fehlte; die erforderlichen äußeren und zum Teil auch inneren Rahmenbedingungen waren noch nicht vorhanden. Dennoch halte ich diese Tätigkeit für sinnvoll. Noch 1988/89 baten mich Freunde aus der Staatsanwaltschaft und der Justiz, zu denen auch der Justizminister und weitere Ansprechpartner gehörten, darum, wiederzukommen. Diese Entscheidung erübrigte sich dann jedoch durch die Entwicklung in der DDR.

1989/90, spätestens Anfang 1990, endete meine Tätigkeit infolge der staatlichen Vereinigung von DDR und Bundesrepublik. Es war klar, dass man die Staatsanwälte und jedenfalls die leitenden Staatsanwälte nicht mehr wollte; sie wurden entlassen. Nach einer kurzen Übergangszeit war ich ab 1991 arbeitslos. 1992 beantragte ich die Zulassung als Rechtsanwalt. Wegen meiner Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit wurde ich lange überprüft und erhielt 1993 schließlich die endgültige Zulassung.

Seitdem bin ich weiterhin als Rechtsanwalt tätig. Ich bin inzwischen älter und übernehme keine Gerichtsprozesse mehr; sie dauern in der Bundesrepublik Deutschland oft Jahre, und ich möchte das nicht mehr. Anwaltlich tätig bin ich aber nach wie vor.

Meine berufliche Tätigkeit war natürlich mit meinem gesellschaftlichen und politischen Engagement verbunden; beides lässt sich teilweise gar nicht trennen. Schon vor beziehungsweise während des Studiums war ich Mitglied der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, und der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Während des Studiums trat ich außerdem der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei.

Danach übernahm ich Parteifunktionen, unter anderem in der zentralen Dienststelle des Generalstaatsanwalts der DDR. In den letzten Jahren war ich dort auch Parteisekretär.(Ehenamtlich)

In meiner Dienststelle gehörten mehr als 100 Genossen zur Parteiorganisation. Auch auf der Leitungsebene war die Staatsanwaltschaft politisch eng verbunden. Der langjährige Generalstaatsanwalt Josef Streit, Mitglied des Zentralkomitees der SED und ehemaliger Häftling des KZ Mauthausen, war für mich ein Vorbild. Später folgte Generalstaatsanwalt Günter Wendland, der meines Wissens seit 1986 Kandidat des Zentralkomitees war.

Auf der politischen und parteilichen Ebene waren wir eng an das Zentralkomitee der SED angebunden und handelten immer parteilich. Dazu gehörte auch mein Studium an der Parteihochschule „Karl Marx“ beim Zentralkomitee der SED in Berlin, der höchsten Hochschule der Partei, wo ich Gesellschaftswissenschaften studierte. So viel zu mir. Ich bin alleinstehend.

Sie sind ein Kriegskind und wurden noch vor Kriegsende geboren. Sie waren ein deutsches Kind, als die Sowjetunion beziehungsweise die sowjetische Besatzungsmacht nach Deutschland kam. Mich interessiert, was Sie im Kindergarten oder in der Grundschule darüber gelernt haben. Wie haben Sie die sowjetische Besatzung damals wahrgenommen, und was wurde Ihnen in der Schule über diese Geschichte vermittelt?

Vor Kurzem hatte ich ein Buch in der Hand, von dem ich mich nicht trennen werde. Dabei erinnerte ich mich an meine achte Klasse. Damals war die achte Klasse ein Übergang: Entweder endete dort die Schulzeit, oder man wurde zur Erweiterten Oberschule delegiert, um das Abitur abzulegen; die andere Möglichkeit war eine Berufsausbildung. Ich erinnere mich noch an die Abschlussfeier, bei der die Schüler der achten Klasse verabschiedet wurden. Ich wechselte auf die Erweiterte Oberschule und bekam damals ein Buch von Ludwig Renn geschenkt.

Ludwig Renn war ein Schriftsteller der DDR. Er hatte am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen und hieß eigentlich Arnold Friedrich Vieth von Golßenau; später nannte er sich Ludwig Renn. Er gehörte zum antifaschistischen Widerstand und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg. Das war und ist für mich sehr bedeutsam, denn darin spiegelte sich auch der Inhalt unserer Schulzeit.

Als Kind in der vierten oder fünften Klasse ist man noch kein politischer Mensch. Besonders erinnere ich mich aber an die Erziehung durch sehr unterschiedliche Lehrer. Es gab ältere Lehrer, von denen einige noch vom Krieg berichteten. Wenn sie nach 1990 noch lebten, merkte ich, dass bei ihnen aus jener Zeit noch vieles vorhanden war. Im Unterricht erzählten sie nur manchmal und eher selten davon; gegenüber Kindern konnten oder sollten sie offenbar nicht alles ansprechen. Daneben gab es sehr junge, neu ausgebildete Lehrer. Man spürte den Unterschied: Fachlich und pädagogisch waren sie vielleicht noch nicht die Besten, aber sie brachten wirklich etwas Neues mit. Das beeindruckte mich zunehmend.

Vermittelt wurden ganz grundlegende Lebensgewohnheiten: ein menschliches, freundschaftliches und freundliches Zusammenleben. Wie andere wurde auch ich gefördert. Schulzeit ist bei Prüfungen natürlich nicht immer schön — das kennst du selbst —, aber ich spürte dort vor allem viel Menschlichkeit. Das war das Wichtigste, was ich mitnahm.

Meine Familie, insbesondere meine Mutter, war sehr bedürftig. Deshalb wurden meine Schwester und ich zur Schulspeisung geschickt. In einer Molkerei bekamen wir außerdem zweimal in der Woche unentgeltlich Milchspeisen. Irgendwann konnte man sie natürlich kaum noch sehen.

Ein Freund von mir war der Sohn eines Bauern. Großbauern mit sehr viel Land — ich glaube, mehr als 20 Hektar — wurden enteignet. Bauernfamilien mussten sonntags bedürftige Kinder bewirten. Der Staat ordnete deshalb an, dass ich zur Familie meines Freundes gehen und dort zu Mittag essen konnte und sollte. Er war zwar mein Freund, aber ich kam eben nicht nur als sein Freund, sondern aufgrund einer staatlichen Anordnung. Das war mir häufig peinlich. Dennoch war es eine Form der Hilfe. Dieses Miteinander beeindruckte mich sehr, und je älter ich werde, desto stärker beeindruckt es mich.

Die Menschlichkeit und das Miteinander erlebte ich während der gesamten Schulzeit. Es ging nicht nur um die vermittelten Inhalte oder um bestimmte Bücher, obwohl auch diese wichtig waren. Später, in der Oberschule und während der Abiturzeit — also ungefähr in der Lebensphase, in der du dich jetzt befindest —, gab es für mich eine eindeutige Orientierung auf den Sozialismus, auf Freundschaft und Zusammengehörigkeit.

Der Freund, neben dem ich in der Abiturklasse saß, war der Sohn einer vermutlich sehr wohlhabenden Unternehmerfamilie aus dem Holz- und Bauhandwerk der Kleinstadt. Wir saßen gleichberechtigt nebeneinander; es gab für uns keinen Unterschied. Vielleicht wurde in seinem Elternhaus anders gedacht, doch davon bemerkte ich nichts. Als ich seinen Vater besuchte, beeindruckten mich dessen Schreibtisch und Bücherregale. Ich verglich das mit unserem eigenen Zuhause, einer kleinen Wohnung. In der Schule waren wir aber völlig gleichberechtigt.

Nach 1990, nach der staatlichen Vereinigung, sagte ich meinem Freund oft: Wir waren immer gute Freunde und sind es bis heute geblieben. Unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen wäre diese Gleichheit und, wie ich meine, auch diese Gerechtigkeit jedoch niemals zustande gekommen. Davon bin ich überzeugt. Diese Erfahrung hat mich geprägt.

Prägend waren natürlich auch die vielen Bücher, insbesondere Übersetzungen aus dem Russischen und sowjetische Bücher. Kennst du „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski?

Daraus lernten wir eine bekannte Passage über das Wertvollste, das der Mensch besitzt, auswendig. Sie handelte davon, das eigene Leben so zu nutzen, dass man am Ende sagen könne, man habe es dem Kampf für Freiheit und der Befreiung der Arbeiterklasse gewidmet.

Das waren selbstverständlich politische Inhalte. Sie stimmten für mich aber mit dem überein, was ich im Alltag erlebte: mit dieser humanistischen Art zu leben. Es war nicht bloß etwas Aufgesetztes, auch wenn manches sehr pathetisch formuliert war.

Wir lasen viel und gingen fast jeden Sonntag ins Kino. Das Kino gehörte für uns Jugendliche zum Wichtigsten. Dort sahen wir die großen Filme, zu einem großen Teil sowjetische Filme. Hinzu kamen Filme wie „Befreiung“ sowie, wenn ich mich richtig erinnere, Filme über China und andere Befreiungskämpfe.

Im Kino fieberten und riefen wir mit. Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir wieder bewusst, wie sehr uns das als junge Menschen prägte — nicht alle, aber doch die meisten, insbesondere an der Oberschule. Diese Entwicklung setzte sich später während meiner Armeezeit fort.

Sie gingen also zur Armee?

Ja, ich meldete mich freiwillig zur Armee.

Damals war der Dienst freiwillig, später wurde er verpflichtend.

Zu meiner Zeit war er noch freiwillig und dauerte zwei Jahre. Ich wäre auch länger geblieben, hatte mich aber für ein Studium beworben. Mich interessierten Journalistik, Außenpolitik und Rechtswissenschaft. Ich beschäftigte mich gern mit kriminalistischen Fällen und Verbrechen. Schließlich erhielt ich die Mitteilung, dass ich in Berlin angenommen und immatrikuliert werden könne.

Hatten Sie sich für alle drei Fächer beworben?

Ich hatte mich beworben, aber aus einem Fach erhielt ich zuerst die Zusage, ohne dass ich mich noch ausführlich vorstellen musste. So wurde ich 1961 immatrikuliert, kurz nach der Schließung der Staatsgrenze. Noch während der Armeezeit oder zu Beginn des Studiums verpflichteten wir uns freiwillig, nach Kuba zu gehen und den kubanischen Freunden nach dem damaligen Überfall zu helfen. So revolutionär waren wir; das begeisterte uns. Natürlich wurde daraus nichts.

Berlin interessierte mich auch als Studienort. Jena in Thüringen wäre meinem Heimatort näher gewesen, doch für mich war Berlin interessanter, weil dort, wie ich es damals sah, der Klassenkampf tobte. Später lernte ich Assistenten kennen, die Professoren wurden. Ich wusste, dass sie zusammen mit ihren Studenten nach West-Berlin gingen und dort politische Aktionen unternahmen, etwa Professor Heuer und andere. Solche politischen und kämpferischen Ereignisse reizten mich. Berlin war interessanter als eine kleinere Universitätsstadt in der Provinz, auch wenn Jena eine sehr gute Universität hatte. Man wollte auch, dass ich Pädagogik studierte, was mich ebenfalls interessiert hätte. Aber für mich musste es damals etwas Revolutionäres sein.

War der Klassenkampf also ein wichtiges Thema in der frühen Geschichte der DDR? In der frühen Geschichte der Volksrepublik China war er bekanntlich sehr wichtig. Galt das auch für die DDR, besonders in den 1950er-Jahren?

In den ersten Jahren war der Klassenkampf durchaus spürbar. Als sehr junger Mensch nahm ich ihn zunächst noch nicht so wahr, später aber zunehmend.

1953 gab es das, was ich als einen Putsch bezeichne: den Versuch, die Regierung der DDR zu entmachten. International und im heutigen Deutschland wird das als Arbeiteraufstand dargestellt. Aus meiner heutigen Sicht war es jedoch der erste Versuch einer sogenannten „Farbrevolution“. Es gab tatsächlich Unzufriedenheit, aber die Ereignisse wurden meiner Auffassung nach auch vom Westen unterstützt und verstärkt.

Inzwischen verstorbene Freunde von mir, die Staatsanwälte waren, erzählten später von den Ereignissen 1953. In Magdeburg sei ein Gefängnis gestürmt und seien Kriminelle freigelassen worden. Freunde von mir hatten das miterlebt und berichteten mir, wie es dort zuging. Es war ein wirklicher Kampf, ein Klassenkampf, der in den 1950er-Jahren zu spüren war. Damals nahm ich das noch nicht unmittelbar in dieser Weise wahr; später ordnete ich insbesondere die Ereignisse in Berlin so ein. Auch deshalb interessierte mich Berlin.

Aus meiner Sicht war es notwendig, die Grenze zu schließen, weil sich die Lage gerade in Berlin stark zugespitzt hatte. Es gab Schwarzhandel und ständige Bewegungen nach West-Berlin. Dort arbeiteten zahlreiche westliche Geheimdienste, und Zehntausende Angehörige der Westalliierten waren stationiert. West-Berlin war ein bedeutender Spionagestandort. Auf dem Teufelsberg befand sich eine große Abhöranlage, von der aus weite Teile Osteuropas überwacht wurden.

West-Berlin hatte deshalb eine ganz besondere Bedeutung. Auch nach der Grenzschließung blieb die Lage schwierig, aber das unkontrollierte Hin und Her, auch im wirtschaftlichen Bereich, war nicht mehr in gleicher Weise möglich. 1961 stand die Situation aus meiner Sicht an der Schwelle zu einem Krieg.

Ich schreibe derzeit einen Artikel darüber. Freunde von mir haben sich ebenfalls dazu geäußert und ein Buch mit der These verfasst, ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben. Auch manche westlichen Politiker wussten, wie gefährlich die Lage war; Kennedy und Strauß äußerten sich dazu.

Meiner damaligen beziehungsweise heutigen Auffassung nach gehörte West-Berlin zum Gebiet der DDR. Berlin war aus verwaltungstechnischen Gründen in vier Sektoren geteilt worden; die drei westlichen Sektoren wurden zu West-Berlin zusammengefasst, der sowjetische Sektor wurde Teil der Hauptstadt der DDR. Die Westmächte setzten sich in ihren Sektoren fest. Dadurch spielte West-Berlin in der Auseinandersetzung und im Klassenkampf eine besondere Rolle.

Später, als Staatsanwalt, erkannte ich diese Zusammenhänge noch deutlicher. Ohne die Schließung der Staatsgrenze und der Grenze zu West-Berlin hätte die DDR meiner Meinung nach nicht überlebt, auch wirtschaftlich nicht.

Warum hätte sie wirtschaftlich nicht überlebt?

Vor der Grenzschließung konnte man sich über die Grenze hin und her bewegen. Wer aus Ost-Berlin in West-Berlin arbeitete, erhielt Westgeld, also D-Mark.

Gab es damals bereits eine eigene westdeutsche Währung?

Ja. Die Westalliierten hatten eine eigene Währung in den westlichen Besatzungszonen und in West-Berlin eingeführt, ohne Beteiligung der späteren DDR. Das Westgeld war stärker. Die DDR musste deshalb verhindern, dass ihr Warenangebot leergekauft wurde. Man konnte Westgeld auf dem Schwarzmarkt im Verhältnis von mindestens eins zu vier, zum Teil auch eins zu fünf, tauschen. Menschen aus dem Westen konnten dadurch bei uns sehr viel in Anspruch nehmen. Umgekehrt arbeiteten Ost-Berliner in West-Berlin, verdienten Westgeld und tauschten es ebenfalls. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. West-Berlin wurde daher sehr schnell abgeriegelt.

In der westlichen Erinnerung wird außerdem die Unterstützung durch die sogenannten Rosinenbomber hervorgehoben, als hätten diese die Blockade durchbrochen. Meiner Auffassung nach zielte die damalige Politik jedoch darauf, die DDR wirtschaftlich zu schwächen. Über Jahre wurden zudem gute Arbeitskräfte aus der DDR abgeworben.

Man muss die unterschiedliche Ausgangslage der beiden deutschen Staaten berücksichtigen. Westdeutschland war wirtschaftlich stärker. Der DDR war nach dem Krieg, soweit ich mich erinnere, nur ein Hochofen zur Stahlproduktion geblieben; später baute sie selbst bis zu 15 Hochöfen auf. Wir waren der wirtschaftlich ärmere Teil — und sind es, zugespitzt gesagt, heute wieder. Das eigentliche Wirtschaftswunder fand meiner Meinung nach in der DDR statt, allerdings ohne den westlichen Luxus. Wir entwickelten uns aus eigener Kraft.

Hinzu kamen die Reparationsleistungen an die Sowjetunion. Nach meiner Darstellung wurden sie zu 99 Prozent von der DDR getragen. Es gebe Berechnungen, auch von westlichen Ökonomen, über einen Milliardenbetrag, den die Bundesrepublik der DDR deshalb eigentlich schulde, weil die Reparationen von ganz Deutschland hätten getragen werden sollen. Im Wesentlichen habe aber die DDR die Leistungen an die Sowjetunion erbracht, wo die größten Kriegsschäden entstanden waren.

Ich verstehe: Westdeutschland leistete Zahlungen beziehungsweise Beiträge an die USA, Frankreich und Großbritannien, während die DDR Reparationen an die Sowjetunion erbrachte.

Das war bereits Teil des Kalten Krieges und des Kampfes gegen die Sowjetunion und den Osten. Für Westdeutschland gehörte dazu besonders Ostdeutschland. Die DDR wurde von der Bundesrepublik lange nicht anerkannt. Hinzu kamen Sanktionen beziehungsweise das, was man damals Wirtschaftsboykott nannte. Staaten, die Wirtschaftsbeziehungen zur DDR aufnahmen, mussten mit Reaktionen der Bundesrepublik rechnen.

Das entspricht der Hallstein-Doktrin.

Genau, der Hallstein-Doktrin. Nach dieser Sicht gab es nur einen deutschen Staat: die Bundesrepublik Deutschland. Die DDR galt als abgetrennter Teil Deutschlands, den man zurückgewinnen müsse. Adenauer formulierte das zunächst sehr offen; später sagte man es nicht mehr in derselben Weise. Damals bezog sich die Vorstellung der „Ostgebiete“ nicht nur auf die DDR.

Sondern auch auf Schlesien und Ostpreußen? Sprach man im Westen weiterhin über Ostpreußen oder nur noch über die DDR?

Auch über Ostpreußen. Das führt jedoch zu weit; wir sollten uns etwas konzentrieren. Für uns blieb bis zum Ende ein wesentliches Problem, dass die DDR nicht wirklich anerkannt wurde. Es war ein großer Erfolg, dass 1973 beide deutschen Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen wurden. Doch die Mitgliedschaft war nur eine Seite.

1972 schlossen die DDR und die Bundesrepublik den Grundlagenvertrag. Dennoch bestanden aus unserer Sicht keine gleichberechtigten Beziehungen. Ihr Vater wird damals beobachtet haben, dass es in beiden Staaten lediglich „Ständige Vertretungen“ und keine Botschaften gab.

Unter Juristen wurde darüber diskutiert, dass sich die Bundesrepublik nach der überwiegenden westdeutschen Rechtsauffassung nicht als Nachfolgestaat, sondern als Fortsetzung des Deutschen Reiches betrachtete. Daraus folgte die Vorstellung, es gebe nur ein Deutschland, nämlich die damalige Bundesrepublik. Entsprechend galten Bürger der DDR prinzipiell auch als Bürger der Bundesrepublik. Wenn sie sich im Ausland an eine westdeutsche Botschaft wandten, konnten sie einen bundesdeutschen Pass erhalten.

Wir bezeichneten das als Juristen — hierzu gab es auch Urteile — als eine „juristische Aggression“, die bis zum Ende der DDR fortbestand. Man machte es der DDR so schwer wie möglich. Nach der Grenzschließung setzte sich das in anderen Aktivitäten fort.

Viele meiner Freunde, insbesondere Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, waren mit Vorgängen befasst, bei denen Tunnel unter der Grenze gebaut wurden, um Menschen in den Westen zu schleusen. Ärzte und andere gut ausgebildete Fachkräfte wurden mit Angeboten gelockt; der Westen musste sie nicht selbst ausbilden. Vor der Grenzschließung war der Wechsel unkompliziert, später wurde er schwieriger und mitunter lebensgefährlich.

Deshalb musste die Grenze nach unserer damaligen Auffassung so gesichert werden, dass im äußersten Fall auch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden konnte. Heute wird in diesem Zusammenhang vom „Schießbefehl“ gesprochen. Nach meiner Auffassung gab es jedoch keinen solchen allgemeinen Schießbefehl. Die Regelungen über den Schusswaffengebrauch in Ost und West seien hinsichtlich der zulässigen Fälle ähnlich gewesen. Es gab allerdings Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens die Grenze überwinden wollten, sowohl an der sogenannten grünen Grenze außerhalb Berlins als auch an der Berliner Grenze. Dabei kamen Menschen ums Leben. Die Grenzregelungen waren jedoch geltendes Recht der DDR.

Als Staatsanwalt war ich nicht unmittelbar für dieses Gebiet zuständig. Zeitweise führte ich aber Verfahren gegen Grenzverletzer, erhob Anklage und wirkte an Verurteilungen mit, wenn Menschen allein oder in Gruppen und teilweise unter Gewaltanwendung versucht hatten, die Grenze zu durchbrechen. In diesem Sinne dauerte der Klassenkampf für uns bis zum Ende an.

Die DDR ließ sich vielleicht auch ein Stück weit täuschen. Unter Bundeskanzler Willy Brandt begann die Neue Ostpolitik. Sie versprach ein friedliches Miteinander, was grundsätzlich richtig war. Im Ergebnis war sie für uns jedoch wie eine Umarmung, durch die wir erdrückt wurden. Wir deuteten sie als friedliche Koexistenz und unterschätzten, dass der Klassenkampf fortbestand.

Ich glaube, in Deutschland wird der Begriff Klassenkampf anders verstanden als bei uns in China.

Natürlich gibt es auch in China gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Die Kommunistische Partei muss sich durchsetzen; schließlich sind nicht alle Menschen Sozialisten oder Kommunisten. Bei Deutschland muss man jedoch berücksichtigen, dass es zwei deutsche Staaten gab. Bei allen Begegnungen und Verträgen standen sich zwei völlig verschiedene Systeme gegenüber: Sozialismus und Kapitalismus, also zugleich zwei große internationale Gesellschaftssysteme.

Die deutsche Teilung hatte aber noch eine zusätzliche Dimension. Ich würde sie eher mit Nord- und Südkorea vergleichen: sehr unterschiedliche Lebensbedingungen, obwohl die Menschen einander kannten und dieselbe Sprache sprachen. Man konnte die Fernsehgeräte auf westliche Sender einstellen und sehen, was dort angeboten wurde. Die westdeutschen Medien waren bewusst attraktiv gestaltet. Da die alte Bundesrepublik technisch weiter entwickelt war und eine höhere Arbeitsproduktivität hatte, lagen wir stets etwas zurück. Das übte auf Menschen in der DDR eine Anziehungskraft aus. Viele wollten diesen Lebensstandard und auch die Reisemöglichkeiten erleben; bei Reisen waren wir zurückhaltend beziehungsweise hatten Beschränkungen.

Unsere Ärzte, Techniker und Ingenieure hätten bei uneingeschränkter Reisefreiheit mit Devisen ausgestattet werden müssen, denn die DDR-Mark galt im Ausland nicht. Außerdem wären zwischenstaatliche Vereinbarungen über Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsfragen notwendig gewesen, damit unsere Leute nicht einfach fortgingen und dauerhaft wegblieben.

Die Bundesrepublik musste die Ausbildung von Ärzten und Wissenschaftlern, die aus der DDR kamen, nicht selbst finanzieren. Eine inzwischen verstorbene Bekannte von mir war Ärztin in Rostock und wurde später Professorin. Sie erzählte, eines Tages habe es in ihrer medizinischen Universitätsabteilung geheißen, eine ganze Gruppe von Ärzten sei nach West-Berlin gegangen. In Berlin würden nun Ärzte gebraucht, weshalb gefragt wurde, wer dorthin wechseln könne. Eine weitere Gruppe ging nach Berlin, fehlte dann aber natürlich in Rostock.

Die alte Bundesrepublik handelte ähnlich, wie Staaten heute gezielt IT-Fachkräfte und Wissenschaftler aus dem Ausland anwerben: Man nimmt gern die bestausgebildeten Menschen auf, gleichgültig, ob sie aus Bangladesch oder einem anderen Land kommen. Andere werden als billige Arbeitskräfte angeworben. Doch wo bleiben dann die Fachkräfte in ihren Herkunftsländern? Diese Folge wird vielen nicht hinreichend bewusst.

Die DDR war damals ein nahezu unerschöpflich erscheinendes Reservoir an Fachkräften, die sie selbst ausgebildet hatte. Nicht die Masse, aber doch viele gingen fort, obwohl ihre Ausbildung uns Geld gekostet hatte. Wenn es hieß, ein bestimmter Arzt sei nun im Westen, wirkte das auch auf die Bevölkerung. Später kamen die Ausreiseanträge hinzu. Der Wunsch, das Land zu verlassen, blieb wie ein Stachel in der Gesellschaft. Wir versuchten, ihm politisch und argumentativ entgegenzutreten.

Insgesamt bot die DDR den meisten Menschen viel Sicherheit und Lebenssicherheit. Das wurde so selbstverständlich, dass man es kaum noch wahrnahm. Für eine Neubauwohnung ohne Luxus zahlte ich ungefähr 150 Mark der DDR Miete; meine erste Wohnung kostete nur etwa 30 Mark. Die Mieten und viele andere Preise wurden praktisch nie erhöht.

Nach jedem Parteitag der SED fragte man: Was ist diesmal besser geworden? Die Frage, was schlechter geworden sei, stellte sich kaum. Es gab Arbeitszeitverkürzungen, zusätzliche Urlaubstage und besonders viele soziale Verbesserungen für Frauen. All das erschien selbstverständlich, kostete den Staat aber viel. Schließlich waren wir wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, diesen Standard unverändert fortzuführen. Darüber wird heute nach meiner Wahrnehmung kaum gesprochen.

Das habe ich so natürlich nicht gelernt. Mir wurde es anders vermittelt.

Das glaube ich. Gerade weil Sicherheit und Normalität selbstverständlich geworden waren, sagten die Menschen 1989, als das stattfand, was ich als Konterrevolution bezeichne: „Das können sie mit uns nicht machen.“ In der DDR war es unvorstellbar, entlassen zu werden oder eine Wohnung zu verlieren.

Das Recht auf Wohnung und Arbeit war in der Verfassung der DDR verankert. Vergleichbare verfassungsmäßige Rechte gibt es heute in vielen Teilen der Welt nicht. Ich weiß nicht, ob dies in allen anderen sozialistischen Ländern genauso war, aber in der DDR war es so.

Als Jurist und Staatsanwalt erlebte ich außerdem, dass die Staatsanwaltschaft in der DDR eine andere Funktion hatte als die heutige Staatsanwaltschaft in der Bundesrepublik. Wie das genau in China geregelt ist, weiß ich nicht. Bei uns übte die Staatsanwaltschaft die Aufsicht über die Gesetzlichkeit im gesamten Land aus. Sie war nicht nur Anklagebehörde, sondern sollte über die Einhaltung der gesamten Gesetzlichkeit wachen.

Der Generalstaatsanwalt war nicht Mitglied des Ministerrats und unterstand den Ministern nicht. Andernfalls hätte er ihre Arbeit kaum unabhängig auf Gesetzlichkeit überprüfen können. Dieses Modell ähnelte dem sowjetischen Modell. Bereits in den Vorstellungen der Pariser Kommune sollte eine entsprechende Institution über die Einhaltung der Gesetze wachen.

Der Generalstaatsanwalt war unmittelbar der Volkskammer als Parlament verantwortlich und zwischen deren Sitzungen dem Staatsrat. Er unterstand nicht den einzelnen Ministern. Ich nahm einige Male in Vertretung an Sitzungen des Ministerrats teil. Dort konnte der Generalstaatsanwalt seine Auffassung darlegen und Forderungen an Minister richten. Neben der Strafverfolgung umfassten seine Aufgaben etwa die Durchsetzung des Arbeitsrechts und des Arbeitsschutzes.

Der Gedanke einer umfassenden Gesetzlichkeitsaufsicht war gut, hätte aber einen viel größeren und stärker spezialisierten Apparat erfordert. Das war so nicht vorhanden und vermutlich auch nicht möglich. Nach meiner Erinnerung gab es in der gesamten DDR ungefähr 1.200 Staatsanwälte. Sie alle unterstanden letztlich dem Generalstaatsanwalt, der gegenüber dem Staatsrat beziehungsweise der Volkskammer Rechenschaft ablegen musste. Das verlieh der Staatsanwaltschaft eine besondere Rolle, die sie in vielen bürgerlichen Staaten nicht hat.

Uns wird vorgeworfen, keine Gewaltenteilung gehabt zu haben. Das stimmt: Wir verstanden den Staat nicht als klassische Trennung von Legislative, Exekutive und Justiz. Ich weiß nicht, ob China von Gewaltenteilung spricht. In bürgerlichen Staaten gilt Gewaltenteilung als Kontrollinstrument gegen Machtmissbrauch; die einzelnen Organe sollen unabhängig sein und dadurch die objektive Einhaltung der Gesetze sichern.

Meiner Ansicht nach lässt sich jedoch an Beispielen zeigen, dass diese Unabhängigkeit auch in bürgerlichen Staaten nicht wirklich so funktioniert. Wir gingen deshalb von einer einheitlichen Staatsmacht aus, die aus dem Parlament und dem darin ausgedrückten Volkswillen hervorging. In einem einzelnen Straf- oder Rechtsfall muss die Entscheidung selbstverständlich unabhängig sein. Eine insgesamt völlig neutrale, über allen gesellschaftlichen Interessen stehende Gewalt hielt ich jedoch für eine Fiktion.

In einer Klassengesellschaft sind nach meinem Verständnis Klasseninteressen entscheidend. Etwas vollkommen Allgemeinmenschliches, das über diesen Interessen steht, gibt es in dieser Sicht nicht. Das wird in bürgerlichen Staaten anders gelehrt und begründet, teilweise auch mit einer höheren religiösen oder moralischen Instanz.

Die Grundlage unseres Staats- und Gesellschaftsverständnisses blieb bis zuletzt der Marxismus — und, was heute oft vergessen wird, der Marxismus-Leninismus. Trotz aller Komplikationen war die Große Sozialistische Oktoberrevolution für uns die praktische Umsetzung dieser Theorie. Beides bildete für mich eine Einheit.

Heute bezeichnen sich manche als Marxisten, umgehen aber Lenin und erwähnen die Oktoberrevolution kaum noch. Häufig werden nur Mängel und Fehler genannt, nicht aber die Leistungen der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg, etwa die Industrialisierung, die unter ungeheuren Anstrengungen erreicht wurde.

Mehrere westliche Staaten intervenierten während des Russischen Bürgerkriegs gegen die junge Sowjetmacht. Nach meiner Erinnerung wirkten ausländische Kräfte noch weit in die 1920er-Jahre hinein; besonders nenne ich die USA und Großbritannien. Im Bürgerkrieg standen sich unter anderem die „Weißen“ beziehungsweise Weißgardisten und die „Roten“ gegenüber. Die politischen Bezeichnungen Bolschewiki und Menschewiki dürfen damit allerdings nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden; die entsprechende Passage der Aufnahme vermischt mehrere Begriffe.

Marxismus-Leninismus blieb also die Grundlage der DDR. Dennoch wurde der Klassenkampfcharakter des Friedenskampfes meiner Meinung nach etwas vernachlässigt. Es gibt viele Gründe dafür, dass die DDR schließlich nicht mehr existierte.

Nach 1990 mussten aus Sicht der neuen Ordnung zwei Grundlagen beseitigt werden: die politische und die ökonomische Macht der DDR. Zur politischen Macht gehörten die staatlichen Führungskräfte, die SED und der Sicherheitsapparat von Volkspolizei und Staatssicherheit. Diese Führung wurde abgelöst.

Und wie wurde die ökonomische Macht beseitigt?

Indem die Produktionsverhältnisse verändert wurden — vor allem durch die Treuhandanstalt.

Wie heißt diese Institution?

Treuhandanstalt, häufig einfach „Treuhand“ genannt. Sie privatisierte das Volkseigentum der DDR und war die entscheidende Institution beim Umbau der Wirtschaft.

Nach meiner Erinnerung bezifferte einer ihrer ersten Leiter beziehungsweise Präsidenten, Detlev Karsten Rohwedder, das Vermögen der DDR-Unternehmen auf mehr als 800 Milliarden D-Mark. Es werde häufig fälschlich behauptet, die DDR sei lediglich hoch verschuldet gewesen. Rohwedder wurde später ermordet; der Fall blieb ungeklärt.

Die Treuhand verkaufte große Unternehmen und Betriebsteile an Konzerne, Privatleute und ausländische Investoren, nach meiner Wahrnehmung überwiegend an Menschen und Unternehmen aus dem Westen. Ich glaube, nicht einmal fünf Prozent gingen an ehemalige DDR-Bürger. Als die Treuhand abgewickelt wurde, sei aus dem geschätzten Plus von mehr als 800 Milliarden D-Mark ein Minus von rund 600 Milliarden D-Mark geworden. Man muss sich fragen, wo dieses Vermögen geblieben ist.

Ich bezeichne das als eine moderne Mafia. So wurde meiner Ansicht nach mit dem Eigentum der DDR umgegangen. Ein Teil des sozialistischen Eigentums konnte allerdings gerettet werden. Bei uns unterschieden wir vor allem zwischen Volkseigentum und genossenschaftlichem Eigentum; Letzteres spielte eine große Rolle.

Ist genossenschaftliches Eigentum mit einer Kooperative vergleichbar?

Ja. Landbesitzer beziehungsweise Kleinbauern schlossen sich zusammen und wirtschafteten gemeinsam, während das Eigentum genossenschaftlich organisiert blieb. Viele waren ehemalige Landarbeiter oder Umsiedler aus den früheren deutschen Ostgebieten, denen im Zuge der Bodenreform kleine Grundstücke zugeteilt worden waren.

Dann verstehe ich: Es handelte sich um eine Land- beziehungsweise Bodenreform.

Genau. Menschen, die jahrzehntelang ein eigenes Stück Land gewollt hatten, erhielten Boden. Das war auch ein Grund für die Bezeichnung „Arbeiter-und-Bauern-Staat“. Auf Dauer waren die vielen kleinen Flächen jedoch nicht produktiv genug. Deshalb begann in den 1950er-Jahren der Zusammenschluss zu Genossenschaften. Es gehörte für uns zum Klassenkampf, die Bauern für eine gemeinsame genossenschaftliche Bewirtschaftung zu gewinnen.

Auch in China gab es in den 1950er-Jahren eine solche Entwicklung. Bei uns bestand schließlich kaum noch privates Eigentum an den Produktionsmitteln.

Man muss dabei die nationalen Traditionen berücksichtigen. Bei deutschen Landarbeitern, die zuvor beinahe wie Fronarbeiter auf großen Gütern gearbeitet hatten, war der Wunsch nach einem eigenen Stück Land sehr groß. Dass sie nach 1945 Land erhielten, war zunächst etwas Großartiges. Tausende profitierten von dieser Bodenreform.

Langfristig sollte sich das Denken jedoch nicht immer stärker am privaten Eigentum orientieren, denn Eigentum an Produktionsmitteln erzeugt nach marxistischer Auffassung den Drang, noch mehr Eigentum zu erwerben. Stattdessen sollte ein Kollektiv entstehen. Deshalb wurde die Kollektivierung angestrebt und staatlich gefördert, mitunter auch mit härteren Mitteln. Unter dem Strich halte ich sie dennoch für sehr erfolgreich.

1990 bestanden in der Landwirtschaft keine Industriekombinate, sondern große Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) und andere Agrargenossenschaften. Ein Teil von ihnen schaffte es, sich in das vereinigte Deutschland hinüberzuretten. Manche bestehen unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen bis heute sehr erfolgreich. Sie gehörten zu den wenigen Einrichtungen, die einen Teil ihres Eigentums und auch ihrer gemeinschaftlichen Haltung bewahren konnten.

In diesem Sinne waren die Bodenreform, die Justizreform und die Bildungsreform aus meiner Sicht etwas Großartiges. Wir sprechen von „Reformen“ nach 1945; genau genommen handelte es sich oft um revolutionäre Veränderungen.

Dazu gehörten die Enteignung von NS-Kriegsverbrechern und von Profiteuren, die am Zweiten Weltkrieg verdient hatten. Politisch war dies ein Bestandteil des Klassenkampfes: Das Eigentum an den Produktionsmitteln sollte in die Hände der Arbeiter und Bauern gelangen. Nach 1990 beseitigte die Bundesrepublik nach meiner Auffassung sowohl die politische als auch die ökonomische Macht dieser Gruppen. Umgekehrt entspricht das durchaus der marxistisch-leninistischen Theorie, nach der eine neue herrschende Ordnung die Machtgrundlagen der alten beseitigt.

Für die Bürger der DDR bedeutete der Umbruch nach meiner Darstellung jedoch den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen — ungefähr vier Millionen. Viele Intellektuelle wurden aus Universitäten entlassen, mussten sich neu bewerben und ihre politische Neuorientierung glaubhaft machen. Nach meiner Erinnerung gab es dazu Vorgaben des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble; Bewerber sollten ihre Bindung an die freiheitliche demokratische Grundordnung nachweisen und sich von ihrer früheren politischen Tätigkeit distanzieren.

Wer früher FDJ-Sekretär oder gar SED-Parteisekretär gewesen war, hatte nur geringe Chancen, besonders in den Gesellschaftswissenschaften. Naturwissenschaftler, etwa Physiker, wurden eher weiterbeschäftigt, weil man ihre Fachkenntnisse benötigte. Häufig mussten sie jedoch niedrigere Funktionen übernehmen und konnten beispielsweise nicht ohne Weiteres Rektoren oder leitende Wissenschaftler bleiben. So wurde damals ausgewählt. Für Menschen aus der politischen Führung der DDR oder für jemanden wie mich war die Lage eindeutig. Umgekehrt hätten wir bei einem Machtwechsel vermutlich ähnlich gehandelt.

Ein weiterer, meiner Ansicht nach weltweit einzigartiger Vorgang war der Umgang mit den Rentenansprüchen bestimmter DDR-Bürger. Hans kennt sich mit dieser Frage am besten aus. Ich beschreibe es so: Zwei Staaten schließen einen Staatsvertrag und vereinigen sich, und der übernehmende Staat kürzt anschließend die Ansprüche der Pensionäre des anderen Staates. Anders kann ich es kaum ausdrücken.

Das Rentensystem beruht auf einem Solidarprinzip: Erwerbstätige zahlen ein, und im Rentenalter werden Leistungen ausgezahlt. Nach der Vereinigung wurden jedoch durch gesetzliche Regelungen die Renten von Menschen gekürzt, die bestimmte Funktionen ausgeübt oder in bestimmten Bereichen gearbeitet hatten. Die Einzelheiten wären hier zu umfangreich. Betroffen waren unter anderem die politische Elite und sämtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Später wurden einige Bestimmungen abgemildert, grundsätzlich wirkt die Regelung nach meiner Darstellung aber bis heute fort.

Bei mir betrifft das nur einige Berufsjahre und ist heute nicht mein wichtigstes politisches Anliegen. Für Menschen, die ein halbes Leben in einem Ministerium oder als Minister gearbeitet hatten, bedeutete es jedoch monatliche Einbußen von Hunderten, teilweise noch mehr, zunächst in D-Mark und später in Euro.

Ein Beispiel ist mein Freund Hans Reichelt, ein ehemaliger Minister, den wir in solchen Verfahren anwaltlich vertraten. Er erhielt anfangs eine Rente von nur etwas mehr als 1.000 Mark beziehungsweise später Euro. Er ging mutig bis zu höheren und internationalen Gerichten; ich glaube, auch das Bundesverfassungsgericht befasste sich mit seinem Fall. Er musste nachweisen, woher sein Kühlschrank und seine Datsche, also sein Wochenendgrundstück, stammten. Ich empfand das als Entwürdigung.

Menschen sind unterschiedlich, und manche werden ihre Funktion auch zu ihrem Vorteil genutzt haben. Im Wesentlichen gab es nach meiner Erfahrung für die große Mehrheit der Funktionäre aber keine erheblichen Privilegien. Das höchste Einkommen eines Ministers betrug etwa 5.000 Mark der DDR im Monat.

War das für die damalige Zeit viel?

Selbst im Westen wird heute teilweise anerkannt, dass die Einkommensunterschiede gering waren; dort wird dies allerdings als „Nivellierung der Leistungen“ kritisiert. Manche Handwerker oder Intellektuelle verdienten mehr, und gelegentlich verdiente ein Arbeiter mehr als sein Meister. Das war auch eines unserer Probleme. Zwischen einem durchschnittlichen Beschäftigten und einem Minister lag dennoch kein so gewaltiger Abstand. Gerechtigkeit spielte für uns eine große Rolle. Auch hochrangige Kollegen und Parteivorsitzende lebten wie ich in gewöhnlichen Neubauwohnungen.

In der DDR gab es nicht nur eine Partei, sondern fünf Blockparteien. Welche waren das neben der SED?

Es gab die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), die Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDU), die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) und die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD).

Die LDPD vertrat unter anderem Teile der Intelligenz und des Bürgertums, die CDU eher christliche und kirchlich gebundene Kreise. Die DBD war die Bauernpartei. Ihr langjähriger Vorsitzender Ernst Goldenbaum war ein Kollege, mit dem ich viel zu tun hatte. Die NDPD richtete sich unter anderem an frühere Angehörige der NSDAP und andere national orientierte Bevölkerungsgruppen, die für eine neue, fortschrittliche Entwicklung gewonnen werden sollten.

Wie war es nach dem Krieg möglich, ehemalige Nationalsozialisten wieder in eine Partei einzubeziehen?

Man muss sich vorstellen, dass fast das ganze Volk vom Faschismus geprägt beziehungsweise, wie ich es drastisch ausdrücke, „verseucht“ war. Menschen, die zu einem anderen Leben bereit waren und dies vielleicht schon in der letzten Kriegsphase gezeigt hatten, mussten für den gemeinsamen Aufbau eines anderen Deutschlands gewonnen und politisch gebunden werden. Dafür spielte die NDPD eine wichtige Rolle.

Ich lernte mehrere ihrer Mitglieder kennen, die später sehr fortschrittlich waren. Gewiss verhielten sich nicht alle gleichermaßen überzeugend; einige mögen opportunistisch gewesen sein. Sie befanden sich aber nicht in den entscheidenden Führungspositionen. Angesichts der großen Zahl früherer NSDAP-Mitglieder war ihre politische Umorientierung eine zentrale Aufgabe.

Ich habe mich später oft gefragt, wie es möglich war, ein ganzes Volk innerhalb weniger Jahre in eine andere Richtung zu führen. Meiner Meinung nach war es richtig, nicht nur über ein „Trauma des Faschismus“ zu sprechen, sondern nach vorn zu schauen. Das ist uns hervorragend gelungen, und zugleich setzten wir uns mit der Vergangenheit auseinander. Heute wird der DDR dennoch vorgeworfen, einzelne ehemalige NSDAP-Mitglieder hätten auch bei uns Funktionen ausgeübt. Angesichts der personellen Kontinuitäten in der alten Bundesrepublik halte ich diesen Vorwurf für nachrangig.

Ein bekanntes Beispiel ist Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der bei Stalingrad für seine Armee kapitulierte. Er leistete in der DDR keinen aktiven Militärdienst, war aber als Berater tätig und sagte bei den Nürnberger Prozessen aus. Das halte ich trotz seines späten Seitenwechsels für mutig. Auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird heute geehrt, obwohl sein Widerstand erst spät kam und seine politischen Ziele ebenfalls kritisch betrachtet werden müssen.

Für mich ist der berüchtigtste Gegenfall Hans Globke. Als Jurist wirkte er während der NS-Zeit an einem Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mit. Von 1953 bis 1963 war er Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer. Ich halte ihn deshalb für mitverantwortlich für die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Dass die Bundesrepublik zugleich über die DDR urteilt und behauptet, diese habe den Faschismus nicht aufgearbeitet, empört mich bis heute. Daran sieht man: Für mich dauert der Klassenkampf an.

Das Thema Antifaschismus ist sehr wichtig; vielleicht kommen wir später noch darauf zurück. Bevor wir über das Ministerium für Staatssicherheit oder über Republikflucht sprechen, habe ich noch eine Frage zur Wahrnehmung des jeweils anderen Staates. Westdeutschland betrachtete die DDR und die Sowjetunion als Gegner. Kann man das so sagen?

Ja.

Was dachten umgekehrt die Bürger der DDR über den Westen? Betrachteten sie die Bundesrepublik ebenfalls als Feind?

Das ist kompliziert. Viele Menschen hatten Verwandte in Westdeutschland. Auch die Schwester meiner Mutter lebte dort. Die Staatsgrenze verlief deshalb mitten durch Familien, verhinderte Besuche und verursachte Schmerz. Wer in den Westen gegangen war, schrieb Briefe und schickte gelegentlich Pakete. Dadurch war das Verhältnis gespalten und kompliziert.

Eine wichtige Aufgabe unserer politischen Arbeit bestand darin, keine Feindschaft gegen die Menschen, wohl aber die Gegnerschaft zum kapitalistischen System zu vermitteln und zu begründen. Hinsichtlich der Grenze gelangten viele Menschen zunehmend zu der Auffassung, dass es so wie zuvor nicht weitergehen konnte. Die meisten besaßen nicht die Vorteile, die einzelne Menschen in Berlin oder an der übrigen Grenze nutzen konnten.

Über viele Jahre bestand nach meiner Einschätzung mehr als bloße Loyalität: eine wirkliche Nähe zur DDR. Das wird uns nach inzwischen 35 Jahren immer wieder bestätigt, von älteren und auch von jüngeren Menschen. Heute wird vielen noch deutlicher, dass die DDR ein grundlegend anderer Staat war.

Die Volksverbundenheit staatlicher Funktionsträger spielte dabei eine große Rolle. Wir reisten häufig in Betriebskollektive. Als Staatsanwalt betreute ich über Jahre zwei Großbetriebe in Hennigsdorf und war dort beinahe zu Hause. Wir sprachen unmittelbar mit den Arbeitern. Das gehörte zu unserem Verständnis von Heimat und schuf Nähe zur DDR, auch wenn es selbstverständlich andere Meinungen gab.

In den letzten Jahren nahm die Unzufriedenheit jedoch zu und trug dazu bei, dass sich die DDR gewissermaßen selbst abschaffte. Die Menschen konnten nur eingeschränkt reisen und wollten die Welt sehen. Als Symbol wird häufig genannt, dass man keine Bananen und andere Südfrüchte kaufen konnte. Zu dieser Versorgungslage trugen nach meiner Auffassung auch die Sanktionen gegen die DDR bei. Viele afrikanische und südamerikanische Länder konnten oder wollten keinen Handel mit ihr treiben; enge Beziehungen bestanden vor allem zu Kuba und einigen weiteren Staaten.

In einer bestimmten Phase wirkten die Menschen auf mich wie von Sinnen, beinahe wie in einem Zustand kollektiver Amnesie. Dieser Zustand dauerte nicht lange. Wenige Jahre später, als Betriebe geschlossen waren und Arbeitsplätze fehlten, fragten sich viele: Was haben wir gewonnen? Nach meiner Auffassung hatten sie fast alles verloren.

Nach 35 Jahren hat sich dieses Bewusstsein und damit auch der Widerstand gegen die Folgen der Vereinigung noch verstärkt. Eine gefühlsmäßige Feindschaft gegenüber der Bevölkerung der Bundesrepublik gab es in der DDR 1989 und auch zuvor nicht.

Es bestand jedoch ein Verständnis dafür, dass die DDR an der Frontlinie zwischen zwei Gesellschaftssystemen stand. Viele Menschen verstanden, dass die NATO nach unserer damaligen Auffassung das strategische Ziel verfolgte, Sozialismus und Kommunismus von der Landkarte zu beseitigen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren besaßen die DDR-Bürger genügend politische Bildung, um diesen Unterschied zu erkennen. Es gab keine Feindschaft gegenüber der westdeutschen Bevölkerung, wohl aber ein ausgeprägtes Bewusstsein für die aus unserer Sicht bestehende Gefahr des Militärbündnisses NATO. Ohne ein solches Verständnis hätte sich die DDR kaum halten können.

Die Fehler der DDR-Führung, über die Hans sprach, bestanden teilweise in einer falschen Lageeinschätzung und in der falschen Beurteilung der Unzufriedenheit. Diese Unzufriedenheit hatte nicht nur mit dem Klassenkampf gegen den Westen zu tun, sondern auch damit, dass die Menschen bestimmte innenpolitische Entscheidungen nicht verstanden oder ablehnten.

Ein typisches Beispiel war die Subventionspolitik. Die sozialistischen Staaten behandelten die Produktionsergebnisse als Volkseigentum und verwendeten einen Teil davon für Bildung, Kindergärten und andere öffentliche Leistungen. Diese Umverteilung bezeichneten wir als Subventionspolitik. Ihre Folgen wurden nicht immer verstanden.

Eine Fehlentwicklung zeigte sich beim Brotpreis. Solange ich denken kann, kostete ein Brot in der DDR 93 Pfennig; zu Hans’ Zeit war es wohl noch billiger. Vom Beginn meiner Erinnerung bis 1989 blieb der Preis unverändert. Ein solcher Festpreis war wirtschaftlich auf Dauer nicht tragfähig und führte zu Verwerfungen, die DDR-Bürger zu Recht empörten.

Brot wurde gekauft, um es an Schweine zu verfüttern, weil es billiger war als Getreide oder anderes Viehfutter. Die Bürger sahen das und sagten: Das ist falsch und passt nicht zu den Ansprüchen dieser Gesellschaft. Auch solche Widersprüche machten sie wütend und brachten Menschen auf die Straße.

Andererseits erinnere ich mich an eine kurze landesweite Diskussion über Mieterhöhungen. Die Wohnungen waren so billig, dass auch private Hauseigentümer mit den Mieteinnahmen weder Wohnungen noch Häuser instand setzen konnten. Manche waren froh, ein Haus verschenken zu können.

Es wurde vorgeschlagen, die Mieten zu erhöhen, um Sanierungen und Verschönerungen zu finanzieren. Darauf folgte sofort großer Protest: „Mieterhöhung — um Gottes willen!“ Die Diskussion wurde umgehend beendet.

Unsere Losung lautete zu Recht: „Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.“ Das Ergebnis unserer Arbeit reichte jedoch auf Dauer nicht für den bereits gewährten Lebensstandard. Die Subventionen, von denen Thorsten gerade sprach, also die zusätzlichen staatlichen Mittel, waren schließlich erschöpft. Wir konnten uns dieses Niveau eigentlich nicht mehr leisten.

Das ist heute leicht gesagt. Die Staats- und Parteiführung hatte natürlich Angst, dass Preiserhöhungen Unruhe auslösen würden. Später begriff man das Problem, aber da war es bereits zu spät.

Subventionen sind auch grundsätzlich eine internationale Streitfrage. Wir diskutierten damals darüber, und China ist heute ebenfalls von dieser Debatte betroffen. Wenn ein Staat bestimmte Waren subventioniert, wird ihm vorgeworfen, den Wettbewerb zu verzerren. Ich halte staatliche Unterstützung jedoch grundsätzlich für etwas Gutes, sofern die Bürger ihren Zweck verstehen.

Internationale Institutionen und Handelsregeln legen fest, in welcher Höhe Subventionen zulässig sind. Gegenwärtig wird gerade China häufig wegen der Subventionierung durch die Volksrepublik kritisiert.

Zuvor sprachen wir kurz über Partei- und FDJ-Versammlungen. Dort wurde durchaus darüber diskutiert, wenn Menschen mit der politischen oder wirtschaftlichen Gestaltung der Gesellschaft unzufrieden waren. Viele kannten ihre Gesellschaft sehr gut und machten konstruktive Vorschläge, wie man die Wirtschaft verbessern und die DDR als funktionsfähigen Staat erhalten könne.

1989/90 wollte die Mehrheit nach meiner Einschätzung eine bessere DDR. Nur eine Minderheit der Demonstrierenden in Leipzig und Berlin forderte unmittelbar den Anschluss an die Bundesrepublik. Auch manche, die auf die Straße gingen, verbanden mit der Bundesrepublik Hoffnungen oder Illusionen: neue Autos, bunte Waren und ein scheinbar moderneres Leben. Sie erkannten nicht, dass sie zwar bestimmte Konsumgüter gewinnen, zugleich aber viele andere Errungenschaften verlieren würden.

Dazu gehörten Kindergärten und das Bildungssystem. Bereits zu meiner Studienzeit Mitte der 1960er-Jahre erhielt jeder Universitätsstudent monatlich 150 Mark. Das war eine Art Stipendium, nicht wie ein zurückzuzahlendes Darlehen. Bei guten Leistungen kam ein Leistungsstipendium von ungefähr 40 oder 50 Mark hinzu. Ein Platz im Studentenwohnheim kostete nur etwa 20 oder 30 Mark im Monat.

Im Verhältnis zu den damaligen Einkommen war das sehr wichtig. Schulbildung, Berufsausbildung und Universitätsstudium waren kostenlos, und jeder Studierende erhielt ein Stipendium — unabhängig vom Einkommen des Elternhauses. Selbst Studierende aus wohlhabenderen Familien bekamen dieselbe Unterstützung. Heute erscheint das kaum vorstellbar. Damals fragten wir uns allerdings selten, ob auch diese völlige Gleichbehandlung in manchen Fällen ungerecht sein konnte.

Für Jugendliche und besonders für Kinder einfacher oder armer Familien bedeutete das soziale Gerechtigkeit: Sie hatten eine reale Chance auf ein Universitätsstudium. Bei der Herkunft wurde bewusst zugunsten bisher benachteiligter Schichten eingegriffen.

Der Zugang zur Erweiterten Oberschule und damit zum Abitur war allerdings zahlenmäßig begrenzt und setzte ein bestimmtes Leistungsniveau voraus, gewissermaßen einen Numerus clausus. Der gesellschaftliche Bedarf an Absolventen wurde geplant. Nicht jeder sollte wie heute studieren, ohne später einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Aus einer Klasse wurden zunächst vielleicht ein oder zwei, aus meiner achten Klasse insgesamt vier oder fünf Schüler delegiert.

Auch mir wurde der Besuch der Erweiterten Oberschule vorgeschlagen, obwohl ich eigentlich lieber Elektriker werden wollte. Ich war 14 Jahre alt und hatte noch keine klare Vorstellung. Meine Mutter und ich mussten zum Kreisschulrat. Er sagte sinngemäß: „Wir Arbeiterkinder müssen gefördert werden. Verstehst du das?“ Meine Mutter fand diese Chance großartig, und so nahm ich sie an.

Ein sehr guter Schulfreund, dessen Familie finanziell besser gestellt war und dessen Vater vermutlich Offizier in der Wehrmacht gewesen war, wurde zunächst nicht delegiert. Gegen den Vater war kein Verbrechen nachgewiesen, doch mein Freund erhielt trotz ebenso guter oder vielleicht besserer Leistungen zunächst keinen Platz. Das Arbeiterkind wurde bewusst gefördert. Später schwächte sich diese Bevorzugung etwas ab. Am Anfang legte der Staat aber großen Wert darauf, aus arbeitenden und einfachen Menschen eine neue Generation, eine „sozialistische Intelligenz“, hervorzubringen.

In den 1960er- und 1970er-Jahren war der revolutionäre Geist, den ich beschrieben habe, weniger unmittelbar spürbar. Das Leben war geordnet, der Klassenkampf spielte sich nicht mehr sichtbar auf der Straße ab. Kinder waren im Kindergarten, Jugendliche in der Schule, und die Menschen mussten nicht für Nahrung oder Einkommen demonstrieren.

Sie sollten die Gesellschaft der DDR weiterentwickeln. Darin bestand nun der Klassenkampf, den wir gelernt und selbst erlebt hatten. Bei späteren, jüngeren Staatsanwälten spürte ich diesen Geist allerdings weniger. Manche wurden nach 1990 in untergeordneten Funktionen übernommen. Bei ihnen spielte der Gedanke an die eigene Karriere bereits eine größere Rolle.

Das Wort „Karriere“ war für uns beinahe ein Fremdwort. Wer offen nur an seine persönliche Karriere dachte, wäre parteipolitisch als ungeeignet angesehen worden. Nach dem pädagogischen Vorbild Anton Makarenkos und nach sowjetischem Verständnis sollte sich ein Mensch durch seine Leistung qualifizieren. In eine höhere Funktion gelangte man durch Bewährung, gute Leistungen und die Empfehlung anderer beziehungsweise der Partei, nicht durch offen erklärten persönlichen Ehrgeiz.

Ich muss noch einen weiteren wichtigen Punkt nach 1990 erwähnen. Neben der Veränderung der Produktionsverhältnisse und der Beseitigung politischer Macht wurden diejenigen, die in der DDR staatliche Macht ausgeübt hatten, strafrechtlich verfolgt. In diesem Umfang war das unter den ehemaligen sozialistischen Staaten eine Besonderheit Deutschlands.

Die Verfahren reichten vom Grenzsoldaten bis zum Staatsratsvorsitzenden, etwa Egon Krenz, und zum Verteidigungsminister Heinz Keßler. Gemeinsam mit Freunden gründete ich deshalb die Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung (GRH). Sie organisierte Verteidigung und rechtliche, humanitäre sowie, soweit möglich, finanzielle Hilfe.

Nach unseren Angaben wurden mehr als 85.000 Ermittlungsverfahren gegen DDR-Bürger geführt. Dazu gehörten auch ehemalige Kundschafter beziehungsweise Nachrichtendienstmitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Viele wurden verurteilt. In Deutschland lagen die höchsten genannten Strafen bei ungefähr zwölf Jahren; im Ausland, etwa in den USA, erhielten einzelne Kundschafter nach unserer Darstellung bis zu 21 Jahre Haft.

Ich bin seit mehr als 20 Jahren Vorsitzender dieser Organisation. Für uns bleibt die strafrechtliche Verfolgung ein zentrales Thema. Wir halten viele Anklagen und langjährigen Freiheitsstrafen, die mithilfe des Rechts der alten Bundesrepublik konstruiert worden seien, für ungerechtfertigt und für eine weitere Form der politischen und sozialen Enteignung.

Zur sogenannten „Strafrente“ kam für viele die strafrechtliche Verfolgung. Insgesamt waren nach unseren Berechnungen ungefähr 100.000 DDR-Bürger betroffen; mehr als 1.000 wurden verurteilt, darunter ungefähr 300 frühere Kundschafter. In Tschechien gab es ebenfalls einige Verfahren gegen frühere Grenzsoldaten wegen Ereignissen an der Grenze zur Bundesrepublik. Eine vergleichbar umfassende Abrechnung mit dem Personal des früheren Staates habe es nach unserer Auffassung in anderen ehemaligen sozialistischen Ländern jedoch nicht gegeben.

Uns fehlte dabei die internationale Solidarität, auch zwischen den früheren sozialistischen Staaten und seitens der Sowjetunion. Mich empört besonders der Wandel Michail Gorbatschows. 1985 besuchte er mit seiner Frau die Grenze und schrieb nach unserer Dokumentation in ein Gästebuch am Brandenburger Tor sinngemäß einen Dank an die Grenzsoldaten, die unter Einsatz ihres Lebens die Staatsgrenze und das sozialistische System schützten.

1990 behauptete er nach meiner Erinnerung dagegen, er habe nicht gewusst, dass an der Grenze auf Menschen geschossen wurde. Bei uns wird bis heute darüber gestritten, wann Gorbatschow seinen politischen Wandel vollzog. Er war schon lange Mitglied des Politbüros der KPdSU. Manche meinen, seine Abkehr habe erst zwischen 1985 und 1990 stattgefunden, andere vermuten frühere Absichten. Für mich trägt er jedenfalls eine Hauptverantwortung für den Niedergang der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers.

Wir versuchten später, Verbindungen nach Russland zu nutzen. Wir schrieben zunächst an Gorbatschow und danach auch an Wladimir Putin. Putin hatte beim sowjetischen Nachrichtendienst in Dresden gearbeitet; Freunde von mir kannten ihn aus dieser Zeit und hatten dort mit ihm zusammengearbeitet.

Es war jedoch zu spät, um die deutschen Verfahren noch zu verhindern. Angeblich hatte Gorbatschow mit Helmut Kohl darüber gesprochen, dass es keine Strafverfolgung geben solle. Tatsächlich wurde intensiv ermittelt und verfolgt. Viele Betroffene erhielten zwar nur Geldstrafen oder Bewährungsstrafen, doch die Verfahren belasteten ganze Familien.

Ein Professor erzählte von einem Gespräch auf einer CDU-Veranstaltung in Westdeutschland nach 1990. Dort habe jemand über frühere DDR-Funktionsträger gesagt: „Wir brauchen sie nicht in Lager zu sperren; wir werden sie an den Rand ihrer Existenz bringen.“ Ob der Wortlaut genau so fiel, lässt sich anhand der Aufnahme nicht überprüfen; der Sprecher gibt ihn als Erinnerung wieder.

Völlig verhungern ließ man die Menschen in der Bundesrepublik selbstverständlich nicht. Aber heute sieht man wieder Obdachlose unter Brücken — so etwas gab es in der DDR nicht. Die DDR war ein hoch entwickeltes Industrieland. Die häufige Aussage, sie habe zu den zehn stärksten Industrieländern gehört, halte ich für richtig; ihre Arbeitsproduktivität lag aufgrund ihrer Ausgangslage und Bedingungen dennoch deutlich unter derjenigen der Bundesrepublik.

Wir wollten nun endlich über das Ministerium für Staatssicherheit sprechen. Wie waren die Staatsorgane der DDR aufgebaut, welche Rolle spielte das MfS und welche anderen Organe gab es? Diese Strukturen werden in vielen Büchern nicht verständlich erklärt.

Vorgestern war ich am Nachmittag beim Kuba-Fest in der Parkaue. Dort sprach mich unter anderem ein relativ junger Geschichtslehrer an, der die DDR vermutlich nur noch als Kind erlebt hatte. Unser Gespräch drehte sich um das MfS.

Er sagte, seine Schüler lernten heute besonders viel und in sehr einseitiger Weise über das Ministerium für Staatssicherheit. Nach 1990 wurde das MfS als Hauptfeind dargestellt. Ein inzwischen verstorbener Freund von mir, Generalmajor Manfred Hummitzsch, war Leiter der Bezirksverwaltung Leipzig des MfS. Wir arbeiteten 1990 eng in einem Vorstand zusammen. Er berichtete mir, was sich in Kreis- und Bezirksstädten abspielte, als das MfS zum zentralen Feindbild gemacht wurde.

In diesem Umfang halte ich die Darstellung für völligen Unsinn. Die USA besitzen ein Heimatschutzministerium, in dem verschiedene Sicherheitsaufgaben gebündelt sind. Auch die Bundesrepublik unterhält mehrere Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste. Wie ein Staat diese Aufgaben organisiert, ist seine eigene Entscheidung.

Die DDR hatte ein Ministerium für Staatssicherheit, in dem verschiedene Aufgaben zusammengefasst waren.

Bei meinem ersten Besuch war ich im Stasi-Museum. Dort sah ich, dass das MfS ungefähr 20 Abteilungen beziehungsweise Hauptabteilungen hatte. Stimmt das?

Es gab zahlreiche Hauptabteilungen und untergeordnete Bereiche, unter anderem für Spionageabwehr, Untersuchung, innere Sicherheit und Auslandsaufklärung. Die genaue Zahl und Benennung änderten sich im Laufe der Zeit.

Die frühere Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen wird heute als Gedenkstätte und „Ort der Demokratiegeschichte“ präsentiert. Vor drei oder vier Jahren besuchte ich sie gemeinsam mit zwei Freunden. Der Besuch dauerte nicht lange. Wir hörten zunächst schweigend zu, als uns angebliche Folterzellen und eine erkennungsdienstliche Untersuchung gezeigt wurden. Die Führung behauptete nach unserem Verständnis außerdem, Gefangene seien mit Giften oder Strahlung geschädigt worden; wir hielten diese Darstellung für unbelegt und falsch.

Schließlich widersprachen wir dem Führer. Man hatte uns offenbar bereits erkannt. Nachdem wir uns in die Führung eingemischt hatten, sagte ein Mitarbeiter: „Die kennen wir doch.“ Wir versprachen zunächst zu schweigen und gingen noch ein Stück mit. Der Führer wurde jedoch angesichts unserer Reaktionen zunehmend unsicher. Weil es sich um eine ausländische Besuchergruppe handelte, wollte er weitere Auseinandersetzungen vermeiden und forderte uns auf zu gehen; andernfalls werde er die Polizei rufen. Daraufhin verließen wir die Gedenkstätte.

Meiner Meinung nach entspricht vieles von dem, was dort vermittelt wird, nicht der Wahrheit. Einiges mag stimmen. Hohenschönhausen war eine Untersuchungshaftanstalt, in der später ein modernes Gefängnis betrieben wurde. Die besonders kleinen Zellen im Keller, in denen eine Person kaum stehen konnte, stammten vor allem aus der sowjetischen Besatzungszeit nach 1945.

Ich war ebenfalls in Hohenschönhausen. Waren die Existenz des MfS und seiner Abteilungen in der DDR geheim?

Nein. Jeder kannte das Ministerium für Staatssicherheit als staatliches Organ und wusste, dass es verschiedene Abteilungen hatte: für innere Sicherheit, militärische Fragen, Wirtschaft, Spionageabwehr und Auslandsaufklärung. Die genaue Struktur und Arbeitsweise wurden selbstverständlich nicht öffentlich gemacht — sonst wäre es kein Geheimdienst gewesen. Auch heute wissen wir nicht im Einzelnen, was im Bundesnachrichtendienst oder im Bundesamt für Verfassungsschutz geschieht.

In Filmen und Büchern wird das MfS als Geheimpolizei dargestellt und häufig mit der Gestapo verglichen.

Schon das nach 1990 verbreitete Kurzwort „Stasi“ wurde meiner Ansicht nach bewusst verwendet, weil es klanglich an „Gestapo“ erinnern und die DDR in die Nähe des Faschismus rücken sollte. Hochrangige Politiker stellten entsprechende Vergleiche an. Ich halte die Gleichsetzung für unzulässig.

Für die strafrechtliche Arbeit war insbesondere die Hauptabteilung IX, die Hauptabteilung Untersuchung, zuständig. Die Strafprozessordnung der DDR kannte drei staatliche Untersuchungsorgane: die Kriminalpolizei, die Zollverwaltung und die Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit. Alle drei mussten nach der Strafprozessordnung arbeiten.

Entgegen der späteren Behauptung konnten sie nicht beliebig handeln. Für jedes Strafverfahren trug ein Staatsanwalt die Verantwortung und leitete die Ermittlungen. Kollegen meiner Abteilung beaufsichtigten unter anderem Verfahren wegen Staatsverbrechen. In der heutigen Terminologie entspräche das teilweise dem Staatsschutz.

Die Hauptabteilung IX bearbeitete Staatsverbrechen und schwere Angriffe auf die Volkswirtschaft. Jede Ermittlung und jede Inhaftierung musste durch die Staatsanwaltschaft beaufsichtigt werden. Der Staatsanwalt beantragte einen Haftbefehl, den ein ordentliches Gericht oder gegebenenfalls ein Militärgericht erließ. Es bestand also eine klare Arbeitsteilung, wenn auch mit einer anderen institutionellen Zuordnung als heute.

Daneben gab es geheimdienstliche Vorermittlungen, um einen Verdacht zunächst zu prüfen. Sie waren von einem offiziellen strafprozessualen Ermittlungsverfahren zu unterscheiden. Eine solche Trennung gibt es auch in der Bundesrepublik und in anderen Staaten. Staaten müssen mögliche Gefahren und Verdachtslagen prüfen; daraus folgt jedoch nicht, dass sie alle Gesetze verletzen dürfen.

Auch die heutige Bundesrepublik kennt präventive Maßnahmen gegen sogenannte Gefährder. Nach meiner Erinnerung können Personen, die noch keiner konkreten Straftat beschuldigt werden, unter bestimmten Landesgesetzen zeitweise in Gewahrsam genommen werden. Ich nenne Bayern als Beispiel. Daran zeigt sich, dass auch demokratische Staaten zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfahren unterscheiden.

Jeder wusste, dass das MfS bestimmte Straftaten untersuchte, jedoch nach unserer Auffassung nicht außerhalb der Gesetze. Wenn Hans in der DDR nur „das Ministerium“ sagte, meinte er normalerweise das Ministerium für Staatssicherheit. Obwohl es viele andere Ministerien gab, war „das Ministerium“ ein feststehendes Synonym. Auch „die Freunde“ wurde in diesem Sinne verwendet. Ein Geheimdienst wirkte natürlich immer etwas geheimnisvoll und undurchschaubar.

Es gab außerdem informelle Mitarbeiter. In anderen Bereichen bestanden ebenfalls viele Formen ehrenamtlicher Mitarbeit, beispielsweise die „Helfer der Volkspolizei“. Hans war als Student zeitweise ein solcher Helfer. Diese Personen trugen bei Einsätzen eine Armbinde, unterstützten Kontrollen und handelten auf gesetzlicher Grundlage. Informelle Mitarbeiter des MfS verstanden wir in gewisser Weise ebenfalls als ehrenamtliche Unterstützer, auch wenn ihre Tätigkeit geheim war.

Wegen meiner Auslandstätigkeiten war ich selbst in Sicherheitsüberprüfungen einbezogen. Vor Reisen und Einsätzen bei den Vereinten Nationen wurde geprüft, welche Verwandten und Kontakte ich hatte. Ich empfand das als normal und auch als Schutz für mich selbst. Wer ins Ausland reiste, musste damit rechnen, von westlichen Nachrichtendiensten angesprochen zu werden; Bekannte von mir erlebten das tatsächlich.

Die Erzählung, das MfS habe grundsätzlich außerhalb von Recht und Gesetz gearbeitet, halte ich deshalb für Unsinn. Zugleich trug die Staatssicherheit wesentlich dazu bei, dass die DDR über viele Jahre in ihrer damaligen Form existieren konnte.

Geschichten über nächtliche Verschleppungen und ähnliche Methoden, wie man sie etwa mit dem sowjetischen NKWD verbindet, treffen nach meiner Auffassung auf das MfS nicht grundsätzlich zu. Nach 1990 eigneten sich solche Erzählungen jedoch dazu, Menschen einzuschüchtern und den Eindruck zu erzeugen, nun sei jede Form staatlicher Willkür überwunden. Meiner Meinung nach werden heute zum Teil ähnliche oder sogar weitergehende Methoden unter anderen Vorzeichen angewandt.

Die soziale Sicherheit, über die wir zuvor sprachen — Arbeitsplatz, Wohnung und gesicherte Existenz — verdankte die DDR aus meiner Sicht auch ihren Sicherheitsorganen. Staatssicherheit bedeutete für uns zugleich Sicherheit des Lebens und der Existenz. Dieser Zusammenhang wurde der Bevölkerung vielleicht zu wenig vermittelt. Eine bessere Öffentlichkeitsarbeit wäre notwendig gewesen. Das gehört zu den Dingen, die man bei einem neuen Versuch anders machen müsste.

Auch in der DDR-Justiz war nicht alles richtig. Es gab unberechtigte Verurteilungen, sowohl in politischen als auch in gewöhnlichen Strafverfahren, wie in jedem Staat. Wir unterschieden damals kaum zwischen „politischen“ und „kriminellen“ Gefangenen: Wer ein Strafgesetz verletzte, galt zunächst als Straftäter. Über diese begriffliche Frage diskutierten wir auch im Außenministerium.

Der Humanismus und die Menschlichkeit, von denen ich am Anfang sprach, setzten sich meiner Überzeugung nach dennoch durch die gesamte Geschichte der DDR fort. Daher empfinde ich keinen grundsätzlichen Widerspruch darin, auch den Sicherheitsorganen — von der Volkspolizei bis zum MfS — für ihren Beitrag zur Stabilität zu danken.

Nach 1990 wurden vor allem die Konflikte und Fehler von Volkspolizei und Staatssicherheit hervorgehoben. In unserer Unterstützungsorganisation arbeitete ich mit vielen früheren Angehörigen des MfS zusammen, darunter große Teile der früheren Führung, von Markus Wolf aus der Auslandsaufklärung bis zu zahlreichen Generälen. Nur wenige leben heute noch. Einige hatten als Widerstandskämpfer begonnen; viele waren später hochgebildete Fachleute.

Wie in jeder Institution arbeiteten dort Menschen, und einige hielten sich nicht an das Gesetz. Auch bei der Staatssicherheit gab es Einzelfälle, in denen Mitarbeiter glaubten, über dem Gesetz zu stehen, über das Ziel hinausschossen und sich strafbar machten. Disziplinar- und Strafverfahren innerhalb der Schutz- und Sicherheitsorgane waren deshalb notwendig und kamen vor. Die Abgrenzung zwischen disziplinarischer und strafrechtlicher Verantwortung war mitunter kompliziert, und der Staat machte solche Fälle nicht gern öffentlich.

Auch in der Justiz standen wir vor Fragen, die wir nicht immer richtig beantworteten. Das gilt ebenso für die Wirtschaft. Die größte zukünftige Herausforderung des Sozialismus ist nach meiner Auffassung die Organisation einer funktionsfähigen sozialistischen Wirtschaft. Deshalb ist die Entwicklung Chinas so wichtig. Letztlich hängt die Stabilität davon ab, ob die Bevölkerung zufrieden ist.

Sozialismus bedeutet für uns zutiefst Humanismus. In der Wirtschaft stellte sich die theoretische Frage, ob und wie das marxistische Wertgesetz während des Übergangs zum Sozialismus gilt. Auch unter linken Wissenschaftlern war das umstritten; manche meinten, das Wertgesetz habe im sozialistischen Übergang keinen Platz mehr. Meiner Ansicht nach wendet China es erfolgreich an.

Gegenwärtig beschäftigt uns allerdings vor allem die Kriegsgefahr sowie das Verhältnis zu Russland und die Lage in Palästina. Gerade viele ehemalige DDR-Bürger fühlen sich Russland weiterhin verbunden, als Fortsetzung ihrer Beziehung zur Sowjetunion. Zugleich wissen wir, wie kompliziert das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und China sowie zwischen DDR und China über viele Jahre war.

Heute ist China für uns eine große Hoffnung — in wirtschaftlicher Hinsicht und wegen seiner gesellschaftlichen Struktur und staatlichen Steuerung. Viele Menschen in Deutschland beobachten sehr genau, wie China seine Gesellschaft und Wirtschaft organisiert.

Ich habe noch weitere Fragen und möchte beim Thema DDR bleiben. Kommen wir zur Republikflucht. War sie gesetzlich verboten? Bedeutete ein Fluchtversuch automatisch eine Gefängnisstrafe?

Nicht in jedem Fall. Ich erlebte solche Verfahren als Staatsanwalt. Oranienburg lag nahe an der Grenze; zeitweise wohnte ich in Bergfelde unmittelbar in Grenznähe und half einmal bei einer Festnahme. Später erhob ich als Staatsanwalt auch Anklage wegen versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts.

Es war geltendes Recht. Ein Gesetz verliert seinen Sinn, wenn es nicht angewandt wird. Die Bevölkerung wurde außerdem gewarnt und aufgeklärt; jeder wusste, dass bestimmte Grenzgebiete nicht betreten werden durften.

Die Grenze war durch Schilder, Zäune, Mauern und andere Sperranlagen eindeutig erkennbar. Daneben gab es Versuche, Menschen über Kontrollpunkte zu schleusen, etwa in umgebauten Fahrzeugen und versteckten Hohlräumen; darunter waren auch Kinder. Eine dritte Form waren Fluchttunnel. Einige wurden von professionellen Fluchthelfern aus West-Berlin oder Westdeutschland gegen hohe Bezahlung betrieben.

Alle diese Formen waren verboten. Grenztruppen und Sicherheitsorgane, besonders das MfS, sollten solche Vorhaben möglichst bereits im Vorfeld aufdecken. Wenn dennoch ein Grenzdurchbruch versucht wurde, musste unmittelbar reagiert werden. § 213 des Strafgesetzbuches der DDR regelte den „ungesetzlichen Grenzübertritt“, einschließlich besonders schwerer Fälle.

Die Vorschriften über den Schusswaffengebrauch sahen abgestufte Warnungen vor. Im äußersten Fall konnte die Schusswaffe eingesetzt werden, wenn eine Person trotz Aufforderung und Warnung nicht anhielt. Dabei kam es auch zu Todesfällen. Ich betone zugleich, dass Grenzsoldaten ebenfalls Gefahren ausgesetzt waren. Als Beispiel nenne ich den Tod des Grenzoffiziers Rudi Arnstadt sowie Fälle, in denen Grenzsoldaten von Flüchtenden oder sogar von einem zuvor angeworbenen Kameraden angegriffen wurden.

Wir führen eine Liste getöteter Grenzangehöriger von der Nachkriegszeit bis 1989. Der Waffengebrauch wurde auch als Selbstschutz begründet. Gerade in Berlin kam es nach unserer Wahrnehmung vor, dass westliche Journalisten, Kamerateams und bewaffnete Beamte bereits vor einem Fluchtversuch am Ort warteten. Daraus schlossen wir, dass im Vorfeld Kontakte bestanden und manche Aktion bewusst als Provokation gegen die DDR organisiert wurde.

Es war ein Kampf beider Seiten gegeneinander. Die Todesfälle sind zu bedauern; nach unserer damaligen Auffassung war die Grenzsicherung jedoch unvermeidbar. Wer die Gesetze und die mögliche Gefahr kannte und sie dennoch verletzte, musste mit schwerwiegenden Folgen rechnen.

Der Begriff „Republikflucht“ ist selbst problematisch. Er kann wie ein Euphemismus wirken, zugleich aber das Bild vermitteln, man fliehe aus einem Gefängnis. Das ist Teil eines westlichen Narrativs. Der juristisch präzisere Begriff lautete „ungesetzlicher Grenzübertritt“.

Wenn man diesen Begriff verwendet, kann man die DDR mit anderen Staaten vergleichen: Was geschieht, wenn jemand die Grenze der Volksrepublik China, etwa in Richtung Hongkong oder Macau, oder die Grenze zwischen Mexiko und den USA illegal überschreitet? Ungesetzliche Grenzübertritte werden weltweit sanktioniert. Nur im Fall der DDR wird bevorzugt von „Republikflucht“ gesprochen.

Damit hängt eine weitere Frage zusammen. In der Bundesrepublik wurde häufig behauptet, die DDR sei kein vollwertiger Staat, sondern lediglich ein östlicher Teil Deutschlands gewesen. Der Vorgang 1990 wurde entsprechend als bloßer Beitritt beziehungsweise Anschluss behandelt.

Beide deutschen Staaten wurden 1973 Mitglieder der Vereinten Nationen. Der 1972 unterzeichnete und 1973 in Kraft getretene Grundlagenvertrag regelte die gegenseitige Achtung staatlicher Hoheitsrechte. Nach unserer Auffassung erkannte die Bundesrepublik damit die staatliche Hoheit der DDR an, hielt aber zugleich an ihrem verfassungsrechtlichen Anspruch auf die Einheit der deutschen Nation fest. Wir sehen darin widersprüchliche rechtliche Positionen.

Wenige Monate nach Unterzeichnung des Grundlagenvertrags erließ das Bundesverfassungsgericht 1973 sein Urteil zu diesem Vertrag. Nach unserer Interpretation schwächte es die Anerkennungswirkung wieder ab, indem es am Fortbestand eines deutschen Gesamtstaates und an besonderen rechtlichen Beziehungen zwischen Bundesrepublik und DDR festhielt. Dadurch blieb auch die bundesdeutsche Auffassung bestehen, DDR-Bürger dürften die DDR verlassen und würden von der Bundesrepublik als Deutsche aufgenommen.

Wir empfanden das als „juristische Aggression“ und halten die Entscheidung in ihrem politischen Ergebnis für einen Verstoß gegen den Geist der gleichberechtigten staatlichen Anerkennung. Der Grundlagenvertrag führte zwar zum Austausch Ständiger Vertretungen und zu weniger offen feindseligen Beziehungen. Die grundsätzliche verfassungsrechtliche Position der Bundesrepublik änderte sich nach unserer Auffassung jedoch nicht.

Auch der Einigungsvertrag von 1990 war für uns kein Vertrag gleichberechtigter Partner. Der kleinere Partner, die DDR, verfügte zu diesem Zeitpunkt kaum noch über eigene Macht. Selbst der damalige Ministerpräsident Lothar de Maizière sagte später sinngemäß, er habe nur noch die Selbstauflösung der DDR vollzogen.

Eine wirkliche Vereinigung hätte nach unserer Auffassung bedeutet, gleichberechtigt zu beraten, wie beide Staaten und ihre Institutionen zusammengeführt werden. Stattdessen trat die DDR über Artikel 23 des damaligen Grundgesetzes bei und wurde in fünf Länder gegliedert. Die Alternative einer gemeinsamen neuen Verfassung nach Artikel 146 wurde nicht gewählt.

Ich verwende dafür polemisch die Formel „Heim ins Reich“, weiß aber, dass dieser Ausdruck aus dem nationalsozialistischen Sprachgebrauch stammt. Ich will damit kritisieren, dass die DDR wie ein abgetrennter Landesteil behandelt wurde, der in die als fortbestehend verstandene deutsche Staatlichkeit zurückkehre, statt dass ein neuer gemeinsamer Staat auf gleichberechtigter Grundlage entstand.

Es gab Entwürfe für eine neue Verfassung und Menschen aus dem Neuen Forum, die eine andere DDR wollten. In der Aufnahme wird der Name eines Beteiligten beziehungsweise Redners aus Potsdam nicht verständlich wiedergegeben. [原录音不清] Nach Darstellung des Sprechers übte er später Selbstkritik und räumte ein, sich über die Möglichkeit einer gleichberechtigten Vereinigung getäuscht zu haben.

Viele, die eine reformierte oder bessere DDR wollten, fühlten sich übergangen und sind heute enttäuscht. Dennoch müssen wir auch unsere eigene Verantwortung sehen: Wir verstanden es nicht, die DDR zu retten. Aufrufe zu ihrer Bewahrung waren entweder nicht laut genug oder wurden von manchen Kräften nur halbherzig unterstützt.

Vor allem versagte die Sowjetunion als Schutzmacht und opferte die DDR nach unserer Auffassung als Verhandlungsmasse im globalen Konflikt. Die DDR hatte schließlich keine zuverlässigen ökonomischen, politischen oder militärischen Partner mehr. Ihre ungefähr 17 Millionen Einwohner standen in einer weltpolitischen Auseinandersetzung allein.

Natürlich existieren Staaten mit weniger Einwohnern. Aber in dieser konkreten Systemkonfrontation konnte die DDR ohne die Sowjetunion kaum fortbestehen. Selbst ein besser organisierter Übergang hätte sie vermutlich nicht gerettet. Die westlichen Staaten waren selbst überrascht, dass die Sowjetunion ihre Position aufgab. Für die Bundesrepublik, die NATO und den gesamten Westblock war es ein unerwartetes Geschenk, das die Sowjetunion für vergleichsweise geringe Gegenleistungen preisgab — biblisch gesprochen für ein Linsengericht.

[Gesprächspause]

Ich verstehe. Machen wir eine Pause; ich muss zur Toilette. Es ist schon halb acht. Können wir etwas bestellen und danach weitersprechen?

Ich weiß nicht, wie du all diese Gespräche zusammenbekommst. Er führt den ganzen Tag Interviews.

Das macht er schon die ganze Woche. Er hat Dissidenten getroffen und Museen besucht. Es ist wichtig, dass wir ihm zum Abschluss unsere Sichtweise mitgeben, damit er die verschiedenen Spuren einordnen kann.

Es ist wirklich beeindruckend.

[Nach der Pause; technische Vorbereitung]

Noch einmal zurück zu dem vorigen Punkt. Die folgende Passage über einen Paragrafen, ein mögliches Gericht und die Vertretung nach außen ist in der Aufnahme nicht zusammenhängend verständlich. [原录音不清]

Es handelte sich also nicht um eine Ausbürgerung auf Wunsch der betroffenen Person, sondern um eine staatlich angeordnete Ausweisung beziehungsweise Ausbürgerung?

Das ist rechtlich etwas anderes.

[Das Aufnahmegerät wird neu befestigt.]

Es blinkt noch. Läuft die Aufnahme?

Ich denke schon. Ich befestige es wieder, damit man dich gut hört.

Wie wirkte sich eine solche Ausweisung auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Für Ausweisungen war vor allem die Abteilung Inneres zuständig. Die genaue gesetzliche Bestimmung kenne ich nicht mehr. Ausweisungen waren Ausnahmen, und man kann darüber streiten, ob sie richtig waren. Man müsste jeden Einzelfall kennen.

Eine Ausweisung war außerdem von der Aberkennung der Staatsbürgerschaft zu unterscheiden. Ein bekanntes Beispiel für eine Ausbürgerung war der Sänger Wolf Biermann.

Ein älterer Mann, den ich zuvor interviewt habe, sprach ebenfalls über Biermann.

Das ist ein häufig verwendetes Beispiel zur Charakterisierung der DDR. Biermann gab in Westdeutschland ein Konzert und griff die DDR dort öffentlich und in großem Stil an. Daraufhin entschied die Staats- und Parteiführung, ihm die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Unter Intellektuellen und Künstlern führte das zu einer großen Auseinandersetzung.

[Bestellung des Abendessens]

Wenn Sie etwas essen möchten, sollten wir jetzt bestellen; die Küche schließt bald.

Dann nehme ich die Schweinemedaillons.

Für mich das Bauernfrühstück.

[Eine Beilage sowie die Zubereitungsart sind in der Aufnahme nicht verständlich. Bestellt wird außerdem ein Tonic. 原录音不清]

Solche Entscheidungen wie Biermanns Ausbürgerung wurden in der Staats- beziehungsweise Parteiführung getroffen. Man kann darüber streiten; sie waren aus Sicht der Führung Teil des Klassenkampfes und eine Abwehr feindseliger Angriffe aus den eigenen Reihen. Die Staatsanwaltschaft hatte darauf keinen Einfluss. Ich möchte die Entscheidung deshalb hier weder abschließend als gut noch als schlecht beurteilen.

Wurde Biermanns künstlerische Qualität in der DDR ebenfalls nicht besonders hoch eingeschätzt?

Das stimmt. Ich hielt ihn auch künstlerisch nicht für besonders gut. Man muss sich nur seine späteren Auftritte anhören. Seine Reime überzeugten mich nicht. Es gab andere Künstler, die die DDR verließen, die wir künstlerisch hoch schätzten und deren Fortgang wir wirklich bedauerten.

In der Aufnahme versuchen die Gesprächspartner anschließend, sich an den Namen eines bekannten chinesischen Dissidenten, Malers und Installationskünstlers zu erinnern, verwechseln ihn kurz mit dem 14. Dalai Lama und finden den Namen nicht. [原录音不清]

Er hat in Deutschland Installationen mit Stühlen und anderen Gegenständen gezeigt. Ich halte ihn für einen böswilligen Dissidenten, der China schlechtmacht. Wurde er ausgewiesen? Ich glaube nicht. Wie heißt er?

Ich habe noch nie von ihm gehört.

Im Westen ist er als Künstler und Kritiker Chinas sehr bekannt. Der Name klingt ungefähr wie „Ai Weiwei“.

Ai Weiwei?

Genau, Ai Weiwei. Im Westen wird er als großer Freiheitskünstler hervorgehoben.

Den Namen kenne ich aus einem Unterrichtsprogramm. Über solche politischen Themen spricht man in China normalerweise nicht in einem Restaurant.

Ist das Thema dort verpönt?

Nicht grundsätzlich. Zu Hause kann man darüber sprechen; ein Restaurant gilt kulturell nur nicht als geeigneter Ort für solche Gespräche.

Wir kennen viele Chinesen aus diesem politischen Umfeld und verteidigen China gegen solche Angriffe. Manche Menschen stellen sich im Ausland als politische Opfer dar, obwohl sie im Heimatland möglicherweise wegen gewöhnlicher Straftaten oder aus persönlichen Gründen Schwierigkeiten hatten. Im Ausland kennt niemand ihre Vorgeschichte, und sie erzählen eine andere Version.

Es gab noch eine andere Form des ungesetzlichen Verlassens der DDR: Sportler, Künstler oder Musiker nutzten eine Dienst-, Kultur- oder Wettkampfreise, um im Ausland zu bleiben und nicht zurückzukehren. Wegen ihrer öffentlichen Bekanntheit war ein solcher Fall für ein kleines Land besonders schmerzhaft.

Bei Sportdelegationen, Olympischen Spielen und Kulturreisen versuchten die Sicherheitsorgane daher schon im Vorfeld sicherzustellen, dass die Teilnehmer im Ausland nicht, wie wir es nannten, das Land „verrieten“. Wenn es dennoch geschah, war das für die DDR und die zuständigen Organe eine schwere Niederlage. Die Betroffenen wurden im Ausland jedoch nicht verfolgt, zurückgeholt oder dort festgenommen.

Meistens kamen solche Entscheidungen nicht völlig ohne Anzeichen. Manche Personen waren schon über Jahre politisch unangepasst. Informelle Mitarbeiter sollten deshalb auch Stimmungen und mögliche Fluchtabsichten erkennen. Sie berichteten aus Betrieben, Nachbarschaften oder sogar Familien. Ob man das für gerechtfertigt hält, hängt stark vom politischen Standpunkt ab. Wenn man davon ausgeht, eine humanistische sozialistische Gesellschaft schützen zu müssen, erscheint es als eine Methode des politischen Kampfes und nicht als persönlicher Angriff.

Ich stehe derzeit in engem Kontakt mit einem früheren informellen Mitarbeiter, der kirchliche Kreise beobachtete. Teile der Kirche boten oppositionellen Gruppen geschützte Räume, in denen Flugblätter gegen die DDR und gegen Umweltzerstörung gedruckt wurden. Dieser Mann wurde nach 1990 öffentlich enttarnt.

Aus meiner Sicht handelte er im Interesse der DDR. Wenn man seinen Staat schützen und illegale politische Arbeit verhindern will, schleust man einen Informanten ein. Das unterscheidet sich grundsätzlich nicht von heutigen Vertrauenspersonen, den sogenannten V-Leuten. Diese werden heute ebenfalls nicht pauschal verurteilt.

Gleichzeitig entwickelten manche Mitarbeiter des MfS eine Eigendynamik und drangen unnötig in private Lebensbereiche ein, etwa in Eheprobleme, Affären oder andere intime Fragen. Das war überzogen und nicht als allgemeine Staatspolitik gedacht, sondern entstand durch menschliche Fehler und institutionellen Ehrgeiz. Manche wollten Ergebnisse produzieren, um sich zu profilieren oder befördert zu werden.

Es gab die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Sie waren kein Strafgesetz, sondern beschrieben, wie ein Sozialist oder Kommunist leben sollte. Persönliche Schwächen wie Alkoholprobleme oder Ehekonflikte konnten als moralische Schwachstellen bewertet werden. Bei Personen in verantwortlichen Funktionen wurde außerdem befürchtet, ein Gegner könne solche Schwächen für Erpressung oder Anwerbung ausnutzen. Darin lag der Sicherheitsgrund für manche Eingriffe, auch wenn die Überwachung leicht zu weit gehen konnte.

Ob solche Maßnahmen berechtigt waren, hängt also letztlich vom Standpunkt ab. Eine weitere Frage aus deiner E-Mail betrifft die Intelligenz und die „Mittelschicht“.

In der DDR unterschieden wir nicht wie die heutige Soziologie zwischen unterer, mittlerer und oberer Mittelschicht. Heute werden diese Gruppen häufig vor allem nach Monatseinkommen definiert und sowohl wissenschaftlich als auch politisch eingeordnet.

Im heutigen chinesischen Sprachgebrauch zählen Wissenschaftler, Lehrer, Ärzte und andere relativ gut verdienende Berufsgruppen oft zur Mittelschicht.

Das ist eine andere Verwendung des Begriffs und mag für China sinnvoll sein. In unserer damaligen Sicht war die Einteilung nach Klassen und nach der Stellung im Produktionsprozess wichtiger. Der neoliberale Begriff der Mittelschicht stellt diese als Kern der Gesellschaft dar und verdeckt nach meiner Auffassung, dass weiterhin Klassen bestehen.

Da die Einkommen in der DDR relativ stark angeglichen waren, hätte eine rein einkommensbezogene Mittelschicht kaum zur Gesellschaft gepasst. Wichtiger war nicht, was jemand nach außen besaß, sondern welche Arbeit er leistete und welcher Klasse oder sozialen Schicht er zugeordnet wurde.

Das Staatswappen der DDR verdeutlichte dieses Gesellschaftsbild: Hammer für die Arbeiterklasse, Ährenkranz für die Bauern und Zirkel für die Intelligenz. Von einer „Mittelschicht“ sprachen wir deshalb nicht.

[Das Essen wird serviert.]

Ich verstehe. Die chinesische und die damalige DDR-Gesellschaft lassen sich nicht ohne Weiteres mit denselben Begriffen vergleichen. Wenn wir deutsche Geschichte mit chinesischen politischen Kategorien beschreiben, können sich die Maßstäbe verschieben.

Eine große Leistung der militärischen Aufklärung und des Staatsrechts der DDR bestand aus unserer Sicht in der Friedenssicherung. Das strategische Ziel westlicher Militärpolitik war nach unserer damaligen Analyse, den Kommunismus militärisch zurückzudrängen oder zu beseitigen. Deshalb war es wichtig, Ziele, Maßnahmen und Vorhaben des Gegners aufzuklären und ihm möglichst einen Schritt voraus zu sein.

Die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit erzielte dabei große Erfolge. Unsere „Kundschafter für den Frieden“ arbeiteten teilweise in hohen Ämtern der Bundesrepublik und der NATO und lieferten wichtige Informationen für politische Entscheidungen und Sicherheitsmaßnahmen. Für ein kleines Land erreichte die DDR damit nach unserer Einschätzung ein im internationalen Vergleich sehr hohes Niveau.

Mitarbeiter reisten weltweit, knüpften Kontakte und warben Informanten an. Im Vordergrund standen militärische Informationen, aber auch die frühzeitige Kenntnis politischer Planungen, um vorbeugende Maßnahmen ergreifen zu können.

Auch die sowjetischen Nachrichtendienste schätzten diese Leistungen. Der Aufwand kostete die DDR allerdings sehr viel. Ein weiterer Aufgabenbereich bestand darin, wirtschaftliche Sanktionen zu umgehen. Innerhalb der HVA gab es Bereiche, die für Kombinate technische und technologische Systeme aus dem Ausland beschafften, auch in weit entfernten Regionen.

Darüber existieren Bücher über die wirtschaftlichen Aufgaben und Erfolge der HVA. Im Westen wird ungern erzählt, dass die DDR auf diesem Gebiet erfolgreich war. Sachlich betrachtet unterhält jedoch jedes Land Nachrichtendienste und betrachtet sie als legitimes Mittel zur Sicherung staatlicher Interessen. Nur die Tätigkeit der DDR-Dienste wurde nach 1990 strafrechtlich verfolgt.

Für die Bundesrepublik und die NATO war es eine Niederlage, wenn ein DDR-Agent in unmittelbarer Nähe hoher NATO-Funktionsträger oder in wichtigen Bundesbehörden platziert war. Einige Agenten wurden entdeckt und inhaftiert, später aber bei Austauschaktionen freigelassen. Das war eine beeindruckende nachrichtendienstliche Leistung.

Damit kommen wir zum Agentenaustausch. Auch sowjetische, amerikanische und britische Agenten wurden in Berlin gegeneinander ausgetauscht. Als Kind sah ich darüber einen Film, dessen Titel ich vergessen habe. Wie hieß die berühmte Brücke bei Potsdam?

Die Glienicker Brücke.

Genau, die Glienicker Brücke. Ich sah den Film als Kind auf dem Computer meines Vaters.

Neben der Glienicker Brücke werden in der Aufnahme weitere Berliner Grenzübergänge genannt. Ein Name ist nicht verständlich. [原录音不清] Erwähnt werden außerdem die Oberbaumbrücke und der Übergang an der Bornholmer Straße beziehungsweise der Bösebrücke.

Wo liegt die Bornholmer Straße?

Am nördlichen S-Bahn-Ring gibt es den Bahnhof Bornholmer Straße. Die dortige Brücke war ein bekannter Grenzübergang. In Berichten über Agentenaustausche taucht häufig der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel auf. Er organisierte und vermittelte zahlreiche Austausche und konnte sowohl in der DDR als auch international im Westen auftreten.

Die unmittelbare operative Organisation lag selbstverständlich bei den beteiligten Nachrichtendiensten, auf DDR-Seite also beim MfS. Nach außen fungierte Wolfgang Vogel jedoch als Vermittler. Auf westlicher Seite war anfangs auch die evangelische Kirche beteiligt und verlieh den Vorgängen ein humanitäres Gesicht. Tatsächlich wurden die Austausche im Hintergrund von den Nachrichtendiensten ausgehandelt.

Ich wollte noch erklären, warum mich dieses Thema persönlich interessiert. Meine Grundschule lag an der Bernauer Straße. Dort befinden sich heute ein wichtiger Erinnerungsort der Berliner Mauer und der Mauerpark. Die Mauer gehörte deshalb schon in meiner Kindheit zu meinem Alltag, und ihre Geschichte interessiert mich sehr.

Wir haben an der Bernauer Straße und am dortigen Mauermuseum bereits gegen die Darstellung protestiert. Auch die Kreuze und Erinnerungszeichen nahe dem Reichstag vermitteln aus unserer Sicht einseitig nur die Geschichte der Menschen, die an der Grenze ums Leben kamen.

Wir halten diese Darstellung für verzerrt und ahistorisch, weil die Grenze nicht als Staatsgrenze der DDR behandelt wird. Es existierte eine Staatsgrenze, und sie wurde wie andere Staatsgrenzen gesichert. Im Deutschen gibt es das Sprichwort: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“

Was bedeutet das in diesem Zusammenhang?

Wer bewusst versucht, illegal eine gefährliche Grenze zu überwinden, kennt das Risiko, dass er dabei sein Leben verlieren kann. Aus unserer Sicht war dieses Risiko keine Besonderheit der DDR, sondern eine allgemein erkennbare Folge eines gefährlichen illegalen Grenzübertritts.

Das westliche Narrativ beschreibt die DDR als einen furchtbaren Staat, der seine Bürger überwachte, keine Meinungsfreiheit zuließ und Menschen daran hinderte, in den vermeintlich besseren Westen zu gehen. Letzte Woche sprach ich mit einem ehemaligen DDR-Journalisten. Er sagte mir, die DDR sei gewiss nicht der schönste oder beste Staat der Welt gewesen, aber auch nicht so schlimm, wie sie im Westen dargestellt werde.

Ich würde weiter gehen: Für mich war sie das beste Deutschland, das es bisher gab. Sie bot Frieden, soziale Sicherheit und für viele Menschen ein glückliches Leben. Die heutige Bundesrepublik stellt sich als das gute Deutschland dar, verfolgt meiner Meinung nach aber Menschen wegen politischer Äußerungen, schränkt vieles ein und bereitet erneut Kriege vor. So etwas wäre für mich in der DDR undenkbar gewesen.

Wenn jemand in einer Gaststätte, auf dem Marktplatz oder auf dem Alexanderplatz einmal grob sagte, die DDR sei schlecht oder Erich Honecker tauge nichts, hätten wir eher gefragt, ob er Hilfe brauche, als sofort die Polizei zu rufen. Man muss jedoch die konkrete Zeit, die Häufigkeit und die Form der Äußerung berücksichtigen.

Wer beharrlich falsche Tatsachen verbreitete oder einen Politiker diffamierend als Verbrecher oder Mörder bezeichnete, konnte sich strafbar machen. Eine „Majestätsbeleidigung“ stand zwar nicht als solche im Strafgesetzbuch der DDR, aber Ehrverletzung und Verleumdung waren nicht unbegrenzt erlaubt. Auch in der Bundesrepublik sind Beleidigung und Verleumdung strafbar. Heute wird das manchmal fälschlich so dargestellt, als sei jede Beleidigung durch Meinungsfreiheit gedeckt.

Wie war es mit der Wahlfreiheit? Über kommunistische Staaten wird häufig gesagt, es gebe nur eine führende Partei, die stets mit mehr als 90 Prozent gewinne.

Es gibt den bekannten Satz: „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten.“ Darin liegt aus meiner Sicht eine allgemeine Wahrheit. Die Zustimmung zur DDR war bei Wahlen tatsächlich groß. Dass aus 94, 98 oder 99 Prozent ein Wettbewerb um noch höhere Zahlen wurde, war allerdings ungesund und unnötig. Es änderte politisch nichts und wurde teilweise von oben gefördert. Das war ein Fehler.

Auch bei realistischeren Zustimmungswerten von 80 oder 90 Prozent hätte die politische Grundrichtung fortbestanden. Die sozialistische Verfassung von 1968 wurde nach breiter Diskussion mit sehr hoher Zustimmung angenommen. Als junger Staatsanwalt nahm ich in Großbetrieben, darunter dem Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf und dem LEW Hennigsdorf, an Gesprächen über einzelne Artikel des Verfassungsentwurfs teil.

Heute erscheint es mir beinahe unvorstellbar, dass Betriebskollektive ausführlich über ein neues Gesetz oder sogar eine Verfassung debattieren. Heute werden nach jedem Ereignis neue und häufig strengere Gesetze vorgelegt. Das halte ich rechtspolitisch oft für unsinnig.

Die Wahlen in der DDR dienten vor allem der Bestätigung der bestehenden Ordnung und brachten nicht jedes Mal eine völlig neue Politik hervor. Aber auch in der heutigen Bundesrepublik wechseln Parteien, bilden anschließend Koalitionen und verändern die grundlegende Richtung häufig kaum. In diesem Sinne wirkt auch das heutige Parteiensystem wie ein Kartell mit wechselnden Schwerpunkten. Man sollte die Bedeutung von Wahlen weder dort noch hier überschätzen.

Die DDR-Wahlen waren für das System wichtig, aber nicht der allein entscheidende Bestandteil politischer Beteiligung. Leider führten übertriebener Ehrgeiz und das Streben mancher Funktionäre nach besonders hohen Zustimmungszahlen zu hässlichen Verzerrungen, die nicht notwendig gewesen wären. Eine unserer großen Schwächen bestand darin, dem Volk bei der demokratischen Willensbildung zu wenig zu vertrauen.

Wir hatten zwei besonders bekannte Ideologen. Einer war Albert Norden, der unter anderem mit dem „Braunbuch“ über NS-Täter und ihre Karrieren in der Bundesrepublik verbunden war. Darüber könnten wir ausführlich sprechen. Der andere war Karl-Eduard von Schnitzler.

Diesen Namen habe ich noch nie gehört.

Karl-Eduard von Schnitzler moderierte im DDR-Fernsehen „Der schwarze Kanal“ und kommentierte darin westdeutsche Medien aus sozialistischer Sicht. Er produzierte ungefähr 1.500 Sendungen über Kapitalismus und Imperialismus. Seine Darstellung war sehr ideologisch. Manche mochten ihn, andere lehnten ihn ab; keineswegs sah sich jeder DDR-Bürger seine Sendung regelmäßig an.

In den 1990er-Jahren gab es beim Privatsender RTL die Talkshow „Der heiße Stuhl“. Karl-Eduard von Schnitzler stellte sich dort im hohen Alter über eine Stunde lang einem überwiegend feindseligen Publikum. Ich halte das für außerordentlich mutig. Das Video ist im Internet zu finden; ich kann dir den Link schicken.

Trotz der parteilichen Moderation und vieler aggressiver Zwischenrufe parierte er die Angriffe und formulierte interessante Argumente zur DDR. Man muss nicht jedes Wort teilen, doch die Sendung vermittelt einen Eindruck davon, wie wir dachten. Von Schnitzler wusste selbst, dass er gleichermaßen beliebt und gehasst war.

Unter seinen Kritikern saßen auch frühere Angehörige des MfS und der Nationalen Volksarmee, die wir als Überläufer betrachteten. Ein Name war Hagen Koch, ein ehemaliger MfS-Offizier, den wir persönlich kannten und der sich nach 1990 als Aufklärer über die DDR präsentierte. Die Feindseligkeit gegenüber von Schnitzler war deutlich, doch er hielt ihr stand.

Von Schnitzler erzählte dort auch von seiner eigenen Herkunft. Er stammte aus einer großbürgerlichen Adelsfamilie, löste sich während der NS-Zeit politisch von ihr und schloss sich nach 1945 Walter Ulbricht an. Nach seiner Darstellung wollte er das „von“ in seinem Namen ablegen. Ulbricht habe ihm im sächsischen Ton geraten, es zu behalten, damit sichtbar bleibe, aus welchen gesellschaftlichen Schichten Menschen zur neuen Bewegung stießen.

In der DDR hatte ein „von“ im Namen keine gesellschaftliche Sonderstellung mehr. Seit der Abschaffung der Standesvorrechte nach 1918/19 waren frühere Adelstitel rechtlich Bestandteile des Familiennamens. Nach 1990 gewann adlige Herkunft nach meiner Wahrnehmung wieder an Prestige. Manche suchten in ihrer Familiengeschichte nach einem „von“, „Graf“ oder „Fürst“, als wäre es ein Gütesiegel.

Ich halte das für „mehr Schein als Sein“. Es geht nicht um persönliche Leistung oder geistigen Inhalt, sondern um einen Status aus dem Mittelalter. Damit verbinden sich außerdem Restitutions- und Besitzansprüche ehemaliger Großgrundbesitzer, Gutsbesitzer und Fürstenhäuser, über die in Deutschland bis heute Prozesse geführt werden.

[Abschluss des Gesprächs]

Es ist inzwischen spät. Du musst noch eine halbe oder dreiviertel Stunde fahren; wir sollten langsam zum Ende kommen.

Ich glaube, meine wichtigsten Fragen zum MfS und zur Republikflucht sind beantwortet. Heute Nachmittag sprach ich bereits mit Thorsten über diese Themen. Nun ist mir das Gesamtbild klarer: Ich verstehe sowohl das westliche Narrativ als auch die östliche Perspektive besser und kann mir eine ausgewogenere Vorstellung bilden. Das Gespräch hat mir sehr geholfen.

Es ist wichtig, dass du dich damit beschäftigst. Für uns beide ist es wichtig, diese historische Auseinandersetzung sichtbar und fühlbar zu machen, weil sie oft nicht verstanden wird.

Das bedeutet nicht, dass wir in jedem Punkt recht haben — aber meistens, würde ich sagen. Was die DDR betrifft, glauben wir, auf der richtigen Seite zu stehen. Über die inneren Lebensverhältnisse der Bundesrepublik urteilen wir vorsichtiger; ihre politischen und aus unserer Sicht aggressiven außenpolitischen Ausrichtungen kennen wir hingegen gut.

Wie das Alltagsleben in der alten Bundesrepublik tatsächlich war, können wir nicht aus eigener Erfahrung sagen. Über das Leben in der DDR können wir dagegen aus eigener Anschauung sprechen.