01.4.03INTERVIEW PROFILE / ONE INTERVIEWEE

Günther

INTERVIEWEE 03

An Aspiring Astrophysicist Expelled from the GDR

Born in East Berlin in 1960

[BACKGROUND TO BE PROVIDED][DATE TO BE PROVIDED][LOCATION TO BE PROVIDED]
Photograph of Günther
[PHOTO CAPTION TO BE PROVIDED]
01.4

Recording & transcript

DEUTSCH / ENGLISH
INTERVIEWEE 03 / MATERIALS

Günther

INTERVIEW RECORDING

[RECORDING DATE, LANGUAGE AND CREDIT TO BE PROVIDED]

TRANSCRIPT / TRANSLATION

Full transcript

DE / GERMAN TRANSCRIPT

Als die Mauer gebaut worden ist, waren sie nun DDR-Bürger, eingemauert. Sie kamen gar nicht mehr heraus. Sie konnten nicht nach Bern, Paris oder Madrid fahren, ebenso wenig nach Rio de Janeiro oder New York. Deswegen haben die meisten Menschen, die in der DDR gelebt haben, besonders unter dieser fehlenden Reisefreiheit gelitten. Man konnte einfach nicht heraus.

Ihr wisst auch, warum die Mauer tatsächlich gebaut worden ist. Sie wurde 1961 unter Ulbricht gebaut, um die Massenflucht zu stoppen. Wenn die DDR die Mauer nicht gebaut hätte, wären noch mehr Menschen geflohen. Ihr habt auch den Vorfilm gesehen: Bis 1961 waren bereits fast drei Millionen DDR-Bürger in den Westen geflohen.

Warum sind sie geflohen? Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die Sowjetunion der DDR nicht Frieden und Freiheit, sondern eine neue Diktatur. Davor sind die Menschen hauptsächlich geflohen. Es war eine Massenflucht. Hätte die DDR die Mauer nicht gebaut, wären noch mehr Menschen geflohen. Dann hätte man wirklich davon ausgehen können, dass die DDR nach vier bis sechs Jahren ökonomisch zusammengebrochen wäre. Viele Fachkräfte sind abgehauen. Gerade sie sind abgehauen. Sie hatten einfach die Schnauze voll.

Ich bin 1960 in Ost-Berlin geboren. Als die Mauer gebaut wurde, war ich ein Jahr alt. Ich bin praktisch in der DDR aufgewachsen, aber geistig eher im Westen, weil ich jeden Tag Westfernsehen sehen konnte. Schon als Schüler konnte ich die Propaganda des DDR-Fernsehens nicht ertragen.

Man hörte ständig: „Die Brigade Sozialistischer Oktober hat den Plan wieder zu 120 Prozent übererfüllt.“ Dabei hatten wir in der DDR eine Mangelwirtschaft. Wie konnte das zusammenpassen?

Das zeigte sich natürlich auch in der Schule. Unser Geschichtslehrer erklärte uns, warum die Mauer gebaut worden sei. Wisst ihr, was er sagte? „Die Mauer ist der Antifaschistische Schutzwall. Mit dem Bau der Mauer wurde der Frieden in Europa gerettet.“ Das war die offizielle Propaganda in den DDR-Medien: Als ob es im Westen sehr viele Faschisten gegeben hätte und die Mauer hätte gebaut werden müssen, damit die Imperialisten und Faschisten nicht in die DDR kämen.

Nein! Ich wusste: Wenn die Mauer nicht gebaut worden wäre, dann hätte Walter Ulbricht mit seiner Lotte allein in der DDR gesessen. Solche Witze haben wir gemacht.

Noch makaberer war: Die DDR-Bürger hatten gar keinen Pass, sondern nur einen Personalausweis. Wenn man Rentner wurde, bekam man einen Pass und konnte in den Westen fahren. Wenn Rentner im Westen blieben, weil sie dort Verwandte hatten, bezahlte die Bundesrepublik Deutschland ihre Rente, und die DDR brauchte sie nicht mehr zu bezahlen. Ist das nicht makaber? Das wusste man schon als Schüler.

Das fing bereits in der Schule an: Wenn man im Deutschunterricht einen Aufsatz zum Thema „Warum wurde die Mauer gebaut?“ schreiben musste, schrieben alle Schüler das, was die Lehrer hören wollten: dass die Mauer als Antifaschistischer Schutzwall gebaut worden sei. Kaum jemand schrieb – obwohl alle es wussten –, dass die Mauer gebaut wurde, um die Fluchtbewegung zu stoppen und der eigenen Staatspartei die Macht zu erhalten. Wenn man das geschrieben hätte, wäre man als Schüler zwar nicht sofort ins Gefängnis gekommen, aber der Deutschlehrer hätte gesagt: „Pass auf, du vertrittst nicht den richtigen Klassenstandpunkt. Du musst eine Stellungnahme schreiben.“ Wenn man älter wurde, konnte man jedoch sehr große Probleme bekommen, wenn man so etwas behauptete. Die Lüge fing bereits in der Schule an. Man wurde zur Lüge erzogen.

Wenn man das nicht mitmachte, konnte man ohnehin nicht studieren. Man konnte nur studieren, wenn man in die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, also die Jugendorganisation, eingetreten war. Einmal in der Woche hatte man eine FDJ-Versammlung und wurde ein wenig indoktriniert.

Auch Angela Merkel war in der FDJ, das wisst ihr. Sie bekam ebenfalls ein blaues Hemd und musste an den FDJ-Versammlungen teilnehmen. Was man jedoch nicht tun musste – und was Angela Merkel trotzdem tat, das ist umso bemerkenswerter –, war, eine Funktion zu übernehmen. Angela Merkel wurde sogar FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Das war sie wirklich. Das habe ich natürlich nicht gemacht.

Jedenfalls konnte ich studieren. Physik war mein Hauptfach, Biologie mein Nebenfach. 1982 schloss ich mein Studium ab; damals war ich erst 22 Jahre alt. Ich dachte, nun würde ich Astrophysiker werden. Ich hatte mich beim Zentralinstitut für Astrophysik in Potsdam beworben, wo auch mein Vater arbeitete.

Dann gab es jedoch einen Zwischenfall, der mein ganzes Leben veränderte. Als ich noch Student war, ging ich in eine Junge Gemeinde. Nicht, weil ich ein besonders gläubiger Christ war, sondern weil die Kirche die einzige Institution war, die vom Staat getrennt war. Sie hatte eigene Räume. Dort gab es engagierte Pfarrer, die eine Junge Gemeinde leiteten, in der man ganz anders diskutierte. Wir diskutierten darüber, ob man Deutschland wiedervereinigen und die DDR demokratisieren könne. Diese Bewegung bildete sich unter den Fittichen der Kirche heraus und wurde immer stärker.

In meinem Fall hieß der Leiter dieser Jungen Gemeinde Gottfried Gartenschläger. Dazu muss ich erklären: Die DDR war verwaltungstechnisch in 15 Bezirke gegliedert. Jede Bezirkshauptstadt – Leipzig, Dresden, Potsdam, Erfurt und so weiter – hatte ein eigenes Stasi-Gefängnis. In Ost-Berlin gab es sogar drei Stasi-Gefängnisse. Insgesamt gab es in der DDR 17 Stasi-Gefängnisse. Dieses hier war nur eines von 17. Allein hier arbeiteten 2.500 Stasi-Leute. Das könnt ihr mit 17 multiplizieren.

Insgesamt gab es in der DDR 91.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter. Setzt man das ins Verhältnis zur Bevölkerung von 17 Millionen, war die DDR der bestbewachte Staat der Welt. Das muss man sich vorstellen. Die Zellen in allen 17 Gefängnissen waren stets bis auf die letzte Zelle belegt. Dort saßen nur politische Gefangene. Mörder und andere Verbrecher gab es hier nicht.

Der große Unterschied zwischen der Stasi und dem BND bestand darin, dass die Stasi Polizeigewalt hatte und Menschen verhaften durfte. Der BND darf niemanden verhaften, sondern nur beobachten. Die Stasi hatte nicht nur 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter, sondern außerdem etwa 189.000 Spitzel. Sie waren nicht fest angestellt, bekamen normalerweise kein Geld und bespitzelten trotzdem andere Menschen.

Auch ich wurde ständig von jemandem bespitzelt, ohne es zu wissen. In meinem Fall war es der Pfarrer selbst, der die Junge Gemeinde leitete: Gottfried Gartenschläger. Er war ein hochgradiger Spitzel der Stasi. Ich hätte mir nicht einmal im Traum vorstellen können, dass sogar ein Pfarrer so etwas tut. Aber er hat es getan.

Als Schüler, im Alter von 14 Jahren, lernte ich in der DDR einen politischen Protestler kennen: Wolf Biermann. Die Älteren werden sich noch an ihn erinnern. Wolf Biermann bezeichnete sich selbst als Kommunist, denn auch sein Vater war Kommunist und wurde von den Nationalsozialisten in einem Konzentrationslager ermordet. Im Gegensatz zu anderen kritisierte Biermann jedoch den Stalinismus. Er schrieb Lieder und begleitete sich dabei auf der Gitarre. In der DDR erhielt er deshalb Auftrittsverbot und konnte nur noch in seinem Zimmer singen.

Ich lernte ihn kennen und besuchte ihn in der Chausseestraße, wo er in Ost-Berlin wohnte. Wenn man Biermann besucht hatte und aus dem Haus kam, trat sofort ein Volkspolizist auf einen zu und sagte: „Ihren Personalausweis, bitte!“ Nur weil man aus Biermanns Haus gekommen war. Dann las er alle Daten sehr laut vor: wie ich hieß, wo ich wohnte sowie wo und wann ich geboren worden war. Er[der Polizist] hatte nämlich ein Mikrofon in seiner Uniform und sprach alle Daten hinein. So wusste die Stasi sofort, wer Biermann besucht hatte. So weit ging das.

Ich wollte das einfach nicht mehr mitmachen. Als ich einmal aus dem Haus kam, ärgerte ich mich so sehr, dass ich schnell wegrannte. Der Polizist rannte mir hinterher. Das werde ich nie vergessen. Er schrie: „Stehen bleiben! Stehen bleiben!“ Ich rief: „Ich bin in Eile!“ Ich lief die Friedrichstraße hinauf zur S-Bahn. Er rief weiter: „Stehen bleiben! Bleiben Sie stehen!“ Ich fragte: „Meinen Sie mich?“ – „Sie meine ich! Sie meine ich!“ Er war völlig außer Atem. „Bleiben Sie stehen! Personalausweis!“ – „Mitten hier auf der Straße?“ – „Ja, mitten auf der Straße!“ Wenn man so etwas tat, war man in der DDR schon mutig. Diese ganzen Gängelungen kotzten mich einfach nur an.

Biermann durfte später einmal nach Köln ausreisen und gab dort ein großes Konzert. Dort sang er unter anderem die „Stasiballade“. Daraufhin wurde er aus der DDR ausgebürgert und nicht mehr hineingelassen. Die Verantwortlichen dachten, sie seien ihn nun los. Doch es gab eine große Resolution, die viele Schauspieler unterschrieben – auch ich – und die sich gegen Biermanns Ausbürgerung richtete.

[Der Befragte spielt ein Lied auf einem Gerät ab.]

Wollen wir es kurz anspielen? Dann wisst ihr, mit was für einem Menschen wir es hier zu tun hatten. Ich suche kurz im Internet. Hier ist zum Beispiel die „Stasiballade“:

„Menschlich fühl ich mich verbunden mit den armen Stasihunden …“

Dieses Lied hat die Stasi natürlich nicht erfreut.

Als ich mein Studium 1982 abgeschlossen hatte, wollte ich meine Stelle als Astrophysiker in Potsdam antreten. Dazu kam es jedoch nicht. Im September 1982 wollte ich mich mit einem Freund an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz treffen. Die DDR-Behörden hatten dort diese Weltzeituhr aufgestellt, an der man die Uhrzeit in aller Welt ablesen konnte – ausreisen konnte man trotzdem nicht. Die Uhr steht noch immer dort und ist ein wichtiger Treffpunkt.

Ich wollte gerade weggehen, als drei Herren auf mich zukamen. Einer trug eine große Kamera auf der Schulter. Es stellte sich heraus, dass es niederländische Fernsehjournalisten waren. Sie fragten mich: „Sind Sie ein echter Ost-Berliner?“ – „Ja.“ – „Wären Sie bereit, als normaler Bürger der DDR ein Interview zu geben?“ Ich antwortete: „Ja, dazu wäre ich bereit, aber nicht hier auf dem Alexanderplatz. Hier gibt es zu viel Stasi. Heute trifft sich die Junge Gemeinde. Wir können mit der U-Bahn dorthin fahren; dort haben wir einen Raum.“

Dort war natürlich auch Gottfried Gartenschläger, von dem ich nicht wusste, dass er ein Spitzel war. In seiner Gegenwart gab ich das Interview. Als es beendet war, sagte ich zu den Niederländern: „Passt auf: Wenn die Stasi herausbekommt, was ich hier gesagt habe, kann ich eingesperrt werden. Wenn sie mich wirklich einsperrt, gebt die Filme bitte an Wolf Biermann weiter. Er wohnt jetzt in Hamburg; ich habe seine Adresse. Biermann soll dann im Westfernsehen berichten, dass ich eingesperrt worden bin.“ Biermann trat damals ständig im Westfernsehen auf und berichtete über die Stasi. Die Niederländer versprachen mir das ausdrücklich.

Doch der Spitzel Gartenschläger berichtete der Stasi sofort alles. Die Stasi entschied: „Den sperren wir nicht ein, den bürgern wir aus.“ Ich musste mich bei der Stasi einfinden. In dem Büro schrien sie mich an: „Sie sind ein subversives Element! Sie haben behauptet, die DDR sei eine Diktatur und Honecker ein Diktator. Sie werden hier kein Astrophysiker! Sie können dorthin gehen, wo all die Imperialisten und Kapitalisten sind. Das gefällt Ihnen vielleicht besser.“

Ich wurde tatsächlich ausgebürgert und musste die DDR innerhalb einer Woche verlassen – unter der Auflage eines lebenslangen Einreiseverbots. Bei einer Hausdurchsuchung nahmen sie mir meine Diplomarbeit und mein Abschlusszeugnis weg. Sie haben alles mitgenommen! Sie wussten genau: Wenn er [Günther] in den Westen kommt und behauptet, er habe studiert, kann er es nicht nachweisen. In Westdeutschland gibt es zwar Demokratie, aber auch Bürokratie. Man muss alles schriftlich nachweisen. Ich hatte nichts: keine Studienunterlagen, gar nichts. Das hatten sie bereits vorausgesehen.

Ich wusste ganz genau: Wenn ich jetzt ausreise, sehe ich meine Eltern nie wieder. Damals dachten alle, die Mauer würde ewig stehen. Niemand glaubte, dass sie in einer einzigen Nacht fallen würde. Ich jedenfalls glaubte es nicht. Ich wusste, ich würde meine Eltern und meine drei Brüder nie wiedersehen. Ich hatte außerdem eine Freundin; wir wollten heiraten. Ihr musste ich sagen: „Du musst dir einen anderen Mann suchen. Wir können nicht heiraten.“ Die Stasi hatte mir auch gedroht: „Wenn Sie nicht freiwillig gehen, haben wir Methoden, mit denen Sie ganz anders hinüberkommen.“ Nach einigen Tränen war mir klar, dass ich meine Freundin nicht heiraten konnte. Dann reiste ich aus.

Eigentlich wollte ich gar nicht im Westen sein. Ich hatte dort auch keine Verwandten. Ich hatte nur die Adresse von Wolf Biermann in Hamburg. Also ging ich tatsächlich zu ihm. Er war so berühmt, dass ihm der Hamburger Senat ein großes Haus geschenkt hatte. Dort kam ich in der ersten Zeit unter; er erkannte mich auch wieder. Dort lernte ich übrigens auch die Schauspielerin Eva-Maria Hagen kennen, die Mutter von Nina Hagen.

Ich bekam relativ schnell eine Wohnung in Hamburg. Aber ich wollte immer wieder nach Berlin zurück. Ich konnte nur nach West-Berlin ziehen. 1984 zog ich nach West-Berlin. Ich wohnte in Kreuzberg, nur drei Kilometer Luftlinie von meinen Eltern entfernt. Dazwischen stand die Mauer. Ich konnte meine Eltern nicht sehen. In der DDR hatte fast niemand ein Telefon; ich konnte sie nicht einmal anrufen. Ich schrieb Briefe, aber die Stasi fing sie alle ab. Kein einziger Brief kam an.

An der Universität im Westen fragte man mich nach meinen Unterlagen. „Ich habe in der DDR studiert.“ – „Wo sind denn Ihre Unterlagen?“ – „Die hat die Stasi.“ – „Dann fahren Sie hinüber und holen Sie sie.“ – „Ich habe Einreiseverbot!“ Die Universität wollte mein Studium einfach nicht anerkennen. Ich konnte kein Astrophysiker werden.

1986 bekam ich von Zeiss Westdeutschland das Angebot, als Reisevertreter in Südamerika zu arbeiten. Ich nahm es an und arbeitete dort 25 Jahre lang.

Dann kam der 9. November 1989. Ich war gerade in Ecuador. Weil ich meine Freundin im Osten nicht heiraten konnte, hatte ich eine Ecuadorianerin geheiratet, mit der ich bis heute verheiratet bin. Diesen Tag werde ich nie vergessen.

Meine Frau Wilma kam plötzlich aufgeregt auf mich zu. Zwischen zwei Reisen war ich gerade zu Hause, in Wilmas Haus in Esmeraldas. Die Stadt liegt direkt am Pazifik, fast auf der Äquatorlinie. Wilma sagte: „Schau einmal, was ich hier im Fernsehen sehe! In Berlin kommen alle herüber – von Osten nach Westen!“ Zunächst konnte ich es gar nicht glauben. Dann war mir klar: Die Mauer ist offen.

Natürlich wollte ich sehr schnell nach Berlin. Ich musste nur noch eine Reise auf die Galápagosinseln beenden, aber Anfang Dezember 1989 flog ich nach Berlin. Damals existierte die DDR noch. Ich ging zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zwischen Kreuzberg und Berlin-Mitte. Ich fragte mich: Lassen sie mich überhaupt hinüber? Die Grenzer saßen immer in solchen Aluminiumkästen. Ich zeigte meinen Pass vor. Sie stempelten ihn ab, ohne überhaupt im Computer nachzusehen, wer ich war. Ich sah es an ihren Gesichtern: Die Grenzsoldaten waren völlig demoralisiert, weil sie wussten, dass es nun mit der DDR zu Ende ging. Sie ließen mich einfach hinüber. So sah ich nach mehr als sieben Jahren meine Eltern wieder. Das war eine große Freude.

1991 konnte ich dann meine eigene Stasi-Akte einsehen. Erst da sah ich schwarz auf weiß, wer der Spitzel gewesen war: Gottfried Gartenschläger, der Pfarrer. Damals wurde überall in der Presse über ihn berichtet. Eine Zeitung titelte: „Missionar der Stasi“. Das wollte ich euch noch erzählen.

Bevor wir hier hinausgehen, möchte ich noch kurz Folgendes erklären: Die meisten Gefangenen, die hier inhaftiert waren – die politischen Gefangenen –, blieben etwa sieben bis zehn Monate hier. Wenn man beispielsweise wegen „Republikflucht“ verurteilt wurde, bekam man bis zu sechs Jahre Gefängnis. Man blieb jedoch nicht hier im Untersuchungsgefängnis. Nach dem Prozess, der in einem Gerichtsgebäude stattfand, wurde man in eine Strafvollzugsanstalt überführt. Diese konnte sich in einer anderen Stadt befinden, etwa in Bautzen, Leipzig, Potsdam oder Ost-Berlin.

Ein besonders berüchtigtes Gefängnis befand sich in Bautzen. Man nannte es das „Gelbe Elend“. Dort war man nicht mehr allein in einer Zelle, sondern mit bis zu acht Gefangenen zusammen. Man konnte dort auch mit Kriminellen zusammengesperrt sein. Jeden Tag musste man arbeiten, meist stundenlange Akkordarbeit am Fließband.

Weil man ein „Politischer“ war, konnte Folgendes geschehen: War man beispielsweise zu sechs Jahren verurteilt worden und hatte zwei Jahre in Bautzen abgesessen, wurde man in die Stadt gebracht, die damals Karl-Marx-Stadt hieß und heute wieder Chemnitz heißt. Dort setzte man einen zusammen mit anderen politischen Gefangenen in einen Sammelbus und fuhr die Gruppe nach Westdeutschland. So kam man frei. Man wurde also nicht von hier aus entlassen, sondern aus dem Strafvollzug.

Insgesamt wurden 34.400 Menschen aus der DDR freigekauft. Umgerechnet in D-Mark waren das 2,4 Milliarden D-Mark, die der Westen an die DDR gezahlt hat. 2,4 Milliarden D-Mark!