An Aspiring Astrophysicist Expelled from the GDR
Born in East Berlin in 1960
An Aspiring Astrophysicist Expelled from the GDR
Born in East Berlin in 1960
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Als die Mauer gebaut worden ist, waren sie nun DDR-Bürger, eingemauert. Sie kamen gar nicht mehr heraus. Sie konnten nicht nach Bern, Paris oder Madrid fahren, ebenso wenig nach Rio de Janeiro oder New York. Deswegen haben die meisten Menschen, die in der DDR gelebt haben, besonders unter dieser fehlenden Reisefreiheit gelitten. Man konnte einfach nicht heraus.
Ihr wisst auch, warum die Mauer tatsächlich gebaut worden ist. Sie wurde 1961 unter Ulbricht gebaut, um die Massenflucht zu stoppen. Wenn die DDR die Mauer nicht gebaut hätte, wären noch mehr Menschen geflohen. Ihr habt auch den Vorfilm gesehen: Bis 1961 waren bereits fast drei Millionen DDR-Bürger in den Westen geflohen.
Warum sind sie geflohen? Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die Sowjetunion der DDR nicht Frieden und Freiheit, sondern eine neue Diktatur. Davor sind die Menschen hauptsächlich geflohen. Es war eine Massenflucht. Hätte die DDR die Mauer nicht gebaut, wären noch mehr Menschen geflohen. Dann hätte man wirklich davon ausgehen können, dass die DDR nach vier bis sechs Jahren ökonomisch zusammengebrochen wäre. Viele Fachkräfte sind abgehauen. Gerade sie sind abgehauen. Sie hatten einfach die Schnauze voll.
Ich bin 1960 in Ost-Berlin geboren. Als die Mauer gebaut wurde, war ich ein Jahr alt. Ich bin praktisch in der DDR aufgewachsen, aber geistig eher im Westen, weil ich jeden Tag Westfernsehen sehen konnte. Schon als Schüler konnte ich die Propaganda des DDR-Fernsehens nicht ertragen.
Man hörte ständig: „Die Brigade Sozialistischer Oktober hat den Plan wieder zu 120 Prozent übererfüllt.“ Dabei hatten wir in der DDR eine Mangelwirtschaft. Wie konnte das zusammenpassen?
Das zeigte sich natürlich auch in der Schule. Unser Geschichtslehrer erklärte uns, warum die Mauer gebaut worden sei. Wisst ihr, was er sagte? „Die Mauer ist der Antifaschistische Schutzwall. Mit dem Bau der Mauer wurde der Frieden in Europa gerettet.“ Das war die offizielle Propaganda in den DDR-Medien: Als ob es im Westen sehr viele Faschisten gegeben hätte und die Mauer hätte gebaut werden müssen, damit die Imperialisten und Faschisten nicht in die DDR kämen.
Nein! Ich wusste: Wenn die Mauer nicht gebaut worden wäre, dann hätte Walter Ulbricht mit seiner Lotte allein in der DDR gesessen. Solche Witze haben wir gemacht.
Noch makaberer war: Die DDR-Bürger hatten gar keinen Pass, sondern nur einen Personalausweis. Wenn man Rentner wurde, bekam man einen Pass und konnte in den Westen fahren. Wenn Rentner im Westen blieben, weil sie dort Verwandte hatten, bezahlte die Bundesrepublik Deutschland ihre Rente, und die DDR brauchte sie nicht mehr zu bezahlen. Ist das nicht makaber? Das wusste man schon als Schüler.
Das fing bereits in der Schule an: Wenn man im Deutschunterricht einen Aufsatz zum Thema „Warum wurde die Mauer gebaut?“ schreiben musste, schrieben alle Schüler das, was die Lehrer hören wollten: dass die Mauer als Antifaschistischer Schutzwall gebaut worden sei. Kaum jemand schrieb – obwohl alle es wussten –, dass die Mauer gebaut wurde, um die Fluchtbewegung zu stoppen und der eigenen Staatspartei die Macht zu erhalten. Wenn man das geschrieben hätte, wäre man als Schüler zwar nicht sofort ins Gefängnis gekommen, aber der Deutschlehrer hätte gesagt: „Pass auf, du vertrittst nicht den richtigen Klassenstandpunkt. Du musst eine Stellungnahme schreiben.“ Wenn man älter wurde, konnte man jedoch sehr große Probleme bekommen, wenn man so etwas behauptete. Die Lüge fing bereits in der Schule an. Man wurde zur Lüge erzogen.
Wenn man das nicht mitmachte, konnte man ohnehin nicht studieren. Man konnte nur studieren, wenn man in die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, also die Jugendorganisation, eingetreten war. Einmal in der Woche hatte man eine FDJ-Versammlung und wurde ein wenig indoktriniert.
Auch Angela Merkel war in der FDJ, das wisst ihr. Sie bekam ebenfalls ein blaues Hemd und musste an den FDJ-Versammlungen teilnehmen. Was man jedoch nicht tun musste – und was Angela Merkel trotzdem tat, das ist umso bemerkenswerter –, war, eine Funktion zu übernehmen. Angela Merkel wurde sogar FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Das war sie wirklich. Das habe ich natürlich nicht gemacht.
Jedenfalls konnte ich studieren. Physik war mein Hauptfach, Biologie mein Nebenfach. 1982 schloss ich mein Studium ab; damals war ich erst 22 Jahre alt. Ich dachte, nun würde ich Astrophysiker werden. Ich hatte mich beim Zentralinstitut für Astrophysik in Potsdam beworben, wo auch mein Vater arbeitete.
Dann gab es jedoch einen Zwischenfall, der mein ganzes Leben veränderte. Als ich noch Student war, ging ich in eine Junge Gemeinde. Nicht, weil ich ein besonders gläubiger Christ war, sondern weil die Kirche die einzige Institution war, die vom Staat getrennt war. Sie hatte eigene Räume. Dort gab es engagierte Pfarrer, die eine Junge Gemeinde leiteten, in der man ganz anders diskutierte. Wir diskutierten darüber, ob man Deutschland wiedervereinigen und die DDR demokratisieren könne. Diese Bewegung bildete sich unter den Fittichen der Kirche heraus und wurde immer stärker.
In meinem Fall hieß der Leiter dieser Jungen Gemeinde Gottfried Gartenschläger. Dazu muss ich erklären: Die DDR war verwaltungstechnisch in 15 Bezirke gegliedert. Jede Bezirkshauptstadt – Leipzig, Dresden, Potsdam, Erfurt und so weiter – hatte ein eigenes Stasi-Gefängnis. In Ost-Berlin gab es sogar drei Stasi-Gefängnisse. Insgesamt gab es in der DDR 17 Stasi-Gefängnisse. Dieses hier war nur eines von 17. Allein hier arbeiteten 2.500 Stasi-Leute. Das könnt ihr mit 17 multiplizieren.
Insgesamt gab es in der DDR 91.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter. Setzt man das ins Verhältnis zur Bevölkerung von 17 Millionen, war die DDR der bestbewachte Staat der Welt. Das muss man sich vorstellen. Die Zellen in allen 17 Gefängnissen waren stets bis auf die letzte Zelle belegt. Dort saßen nur politische Gefangene. Mörder und andere Verbrecher gab es hier nicht.
Der große Unterschied zwischen der Stasi und dem BND bestand darin, dass die Stasi Polizeigewalt hatte und Menschen verhaften durfte. Der BND darf niemanden verhaften, sondern nur beobachten. Die Stasi hatte nicht nur 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter, sondern außerdem etwa 189.000 Spitzel. Sie waren nicht fest angestellt, bekamen normalerweise kein Geld und bespitzelten trotzdem andere Menschen.
Auch ich wurde ständig von jemandem bespitzelt, ohne es zu wissen. In meinem Fall war es der Pfarrer selbst, der die Junge Gemeinde leitete: Gottfried Gartenschläger. Er war ein hochgradiger Spitzel der Stasi. Ich hätte mir nicht einmal im Traum vorstellen können, dass sogar ein Pfarrer so etwas tut. Aber er hat es getan.
Als Schüler, im Alter von 14 Jahren, lernte ich in der DDR einen politischen Protestler kennen: Wolf Biermann. Die Älteren werden sich noch an ihn erinnern. Wolf Biermann bezeichnete sich selbst als Kommunist, denn auch sein Vater war Kommunist und wurde von den Nationalsozialisten in einem Konzentrationslager ermordet. Im Gegensatz zu anderen kritisierte Biermann jedoch den Stalinismus. Er schrieb Lieder und begleitete sich dabei auf der Gitarre. In der DDR erhielt er deshalb Auftrittsverbot und konnte nur noch in seinem Zimmer singen.
Ich lernte ihn kennen und besuchte ihn in der Chausseestraße, wo er in Ost-Berlin wohnte. Wenn man Biermann besucht hatte und aus dem Haus kam, trat sofort ein Volkspolizist auf einen zu und sagte: „Ihren Personalausweis, bitte!“ Nur weil man aus Biermanns Haus gekommen war. Dann las er alle Daten sehr laut vor: wie ich hieß, wo ich wohnte sowie wo und wann ich geboren worden war. Er[der Polizist] hatte nämlich ein Mikrofon in seiner Uniform und sprach alle Daten hinein. So wusste die Stasi sofort, wer Biermann besucht hatte. So weit ging das.
Ich wollte das einfach nicht mehr mitmachen. Als ich einmal aus dem Haus kam, ärgerte ich mich so sehr, dass ich schnell wegrannte. Der Polizist rannte mir hinterher. Das werde ich nie vergessen. Er schrie: „Stehen bleiben! Stehen bleiben!“ Ich rief: „Ich bin in Eile!“ Ich lief die Friedrichstraße hinauf zur S-Bahn. Er rief weiter: „Stehen bleiben! Bleiben Sie stehen!“ Ich fragte: „Meinen Sie mich?“ – „Sie meine ich! Sie meine ich!“ Er war völlig außer Atem. „Bleiben Sie stehen! Personalausweis!“ – „Mitten hier auf der Straße?“ – „Ja, mitten auf der Straße!“ Wenn man so etwas tat, war man in der DDR schon mutig. Diese ganzen Gängelungen kotzten mich einfach nur an.
Biermann durfte später einmal nach Köln ausreisen und gab dort ein großes Konzert. Dort sang er unter anderem die „Stasiballade“. Daraufhin wurde er aus der DDR ausgebürgert und nicht mehr hineingelassen. Die Verantwortlichen dachten, sie seien ihn nun los. Doch es gab eine große Resolution, die viele Schauspieler unterschrieben – auch ich – und die sich gegen Biermanns Ausbürgerung richtete.
[Der Befragte spielt ein Lied auf einem Gerät ab.]
Wollen wir es kurz anspielen? Dann wisst ihr, mit was für einem Menschen wir es hier zu tun hatten. Ich suche kurz im Internet. Hier ist zum Beispiel die „Stasiballade“:
„Menschlich fühl ich mich verbunden mit den armen Stasihunden …“
Dieses Lied hat die Stasi natürlich nicht erfreut.
Als ich mein Studium 1982 abgeschlossen hatte, wollte ich meine Stelle als Astrophysiker in Potsdam antreten. Dazu kam es jedoch nicht. Im September 1982 wollte ich mich mit einem Freund an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz treffen. Die DDR-Behörden hatten dort diese Weltzeituhr aufgestellt, an der man die Uhrzeit in aller Welt ablesen konnte – ausreisen konnte man trotzdem nicht. Die Uhr steht noch immer dort und ist ein wichtiger Treffpunkt.
Ich wollte gerade weggehen, als drei Herren auf mich zukamen. Einer trug eine große Kamera auf der Schulter. Es stellte sich heraus, dass es niederländische Fernsehjournalisten waren. Sie fragten mich: „Sind Sie ein echter Ost-Berliner?“ – „Ja.“ – „Wären Sie bereit, als normaler Bürger der DDR ein Interview zu geben?“ Ich antwortete: „Ja, dazu wäre ich bereit, aber nicht hier auf dem Alexanderplatz. Hier gibt es zu viel Stasi. Heute trifft sich die Junge Gemeinde. Wir können mit der U-Bahn dorthin fahren; dort haben wir einen Raum.“
Dort war natürlich auch Gottfried Gartenschläger, von dem ich nicht wusste, dass er ein Spitzel war. In seiner Gegenwart gab ich das Interview. Als es beendet war, sagte ich zu den Niederländern: „Passt auf: Wenn die Stasi herausbekommt, was ich hier gesagt habe, kann ich eingesperrt werden. Wenn sie mich wirklich einsperrt, gebt die Filme bitte an Wolf Biermann weiter. Er wohnt jetzt in Hamburg; ich habe seine Adresse. Biermann soll dann im Westfernsehen berichten, dass ich eingesperrt worden bin.“ Biermann trat damals ständig im Westfernsehen auf und berichtete über die Stasi. Die Niederländer versprachen mir das ausdrücklich.
Doch der Spitzel Gartenschläger berichtete der Stasi sofort alles. Die Stasi entschied: „Den sperren wir nicht ein, den bürgern wir aus.“ Ich musste mich bei der Stasi einfinden. In dem Büro schrien sie mich an: „Sie sind ein subversives Element! Sie haben behauptet, die DDR sei eine Diktatur und Honecker ein Diktator. Sie werden hier kein Astrophysiker! Sie können dorthin gehen, wo all die Imperialisten und Kapitalisten sind. Das gefällt Ihnen vielleicht besser.“
Ich wurde tatsächlich ausgebürgert und musste die DDR innerhalb einer Woche verlassen – unter der Auflage eines lebenslangen Einreiseverbots. Bei einer Hausdurchsuchung nahmen sie mir meine Diplomarbeit und mein Abschlusszeugnis weg. Sie haben alles mitgenommen! Sie wussten genau: Wenn er [Günther] in den Westen kommt und behauptet, er habe studiert, kann er es nicht nachweisen. In Westdeutschland gibt es zwar Demokratie, aber auch Bürokratie. Man muss alles schriftlich nachweisen. Ich hatte nichts: keine Studienunterlagen, gar nichts. Das hatten sie bereits vorausgesehen.
Ich wusste ganz genau: Wenn ich jetzt ausreise, sehe ich meine Eltern nie wieder. Damals dachten alle, die Mauer würde ewig stehen. Niemand glaubte, dass sie in einer einzigen Nacht fallen würde. Ich jedenfalls glaubte es nicht. Ich wusste, ich würde meine Eltern und meine drei Brüder nie wiedersehen. Ich hatte außerdem eine Freundin; wir wollten heiraten. Ihr musste ich sagen: „Du musst dir einen anderen Mann suchen. Wir können nicht heiraten.“ Die Stasi hatte mir auch gedroht: „Wenn Sie nicht freiwillig gehen, haben wir Methoden, mit denen Sie ganz anders hinüberkommen.“ Nach einigen Tränen war mir klar, dass ich meine Freundin nicht heiraten konnte. Dann reiste ich aus.
Eigentlich wollte ich gar nicht im Westen sein. Ich hatte dort auch keine Verwandten. Ich hatte nur die Adresse von Wolf Biermann in Hamburg. Also ging ich tatsächlich zu ihm. Er war so berühmt, dass ihm der Hamburger Senat ein großes Haus geschenkt hatte. Dort kam ich in der ersten Zeit unter; er erkannte mich auch wieder. Dort lernte ich übrigens auch die Schauspielerin Eva-Maria Hagen kennen, die Mutter von Nina Hagen.
Ich bekam relativ schnell eine Wohnung in Hamburg. Aber ich wollte immer wieder nach Berlin zurück. Ich konnte nur nach West-Berlin ziehen. 1984 zog ich nach West-Berlin. Ich wohnte in Kreuzberg, nur drei Kilometer Luftlinie von meinen Eltern entfernt. Dazwischen stand die Mauer. Ich konnte meine Eltern nicht sehen. In der DDR hatte fast niemand ein Telefon; ich konnte sie nicht einmal anrufen. Ich schrieb Briefe, aber die Stasi fing sie alle ab. Kein einziger Brief kam an.
An der Universität im Westen fragte man mich nach meinen Unterlagen. „Ich habe in der DDR studiert.“ – „Wo sind denn Ihre Unterlagen?“ – „Die hat die Stasi.“ – „Dann fahren Sie hinüber und holen Sie sie.“ – „Ich habe Einreiseverbot!“ Die Universität wollte mein Studium einfach nicht anerkennen. Ich konnte kein Astrophysiker werden.
1986 bekam ich von Zeiss Westdeutschland das Angebot, als Reisevertreter in Südamerika zu arbeiten. Ich nahm es an und arbeitete dort 25 Jahre lang.
Dann kam der 9. November 1989. Ich war gerade in Ecuador. Weil ich meine Freundin im Osten nicht heiraten konnte, hatte ich eine Ecuadorianerin geheiratet, mit der ich bis heute verheiratet bin. Diesen Tag werde ich nie vergessen.
Meine Frau Wilma kam plötzlich aufgeregt auf mich zu. Zwischen zwei Reisen war ich gerade zu Hause, in Wilmas Haus in Esmeraldas. Die Stadt liegt direkt am Pazifik, fast auf der Äquatorlinie. Wilma sagte: „Schau einmal, was ich hier im Fernsehen sehe! In Berlin kommen alle herüber – von Osten nach Westen!“ Zunächst konnte ich es gar nicht glauben. Dann war mir klar: Die Mauer ist offen.
Natürlich wollte ich sehr schnell nach Berlin. Ich musste nur noch eine Reise auf die Galápagosinseln beenden, aber Anfang Dezember 1989 flog ich nach Berlin. Damals existierte die DDR noch. Ich ging zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zwischen Kreuzberg und Berlin-Mitte. Ich fragte mich: Lassen sie mich überhaupt hinüber? Die Grenzer saßen immer in solchen Aluminiumkästen. Ich zeigte meinen Pass vor. Sie stempelten ihn ab, ohne überhaupt im Computer nachzusehen, wer ich war. Ich sah es an ihren Gesichtern: Die Grenzsoldaten waren völlig demoralisiert, weil sie wussten, dass es nun mit der DDR zu Ende ging. Sie ließen mich einfach hinüber. So sah ich nach mehr als sieben Jahren meine Eltern wieder. Das war eine große Freude.
1991 konnte ich dann meine eigene Stasi-Akte einsehen. Erst da sah ich schwarz auf weiß, wer der Spitzel gewesen war: Gottfried Gartenschläger, der Pfarrer. Damals wurde überall in der Presse über ihn berichtet. Eine Zeitung titelte: „Missionar der Stasi“. Das wollte ich euch noch erzählen.
Bevor wir hier hinausgehen, möchte ich noch kurz Folgendes erklären: Die meisten Gefangenen, die hier inhaftiert waren – die politischen Gefangenen –, blieben etwa sieben bis zehn Monate hier. Wenn man beispielsweise wegen „Republikflucht“ verurteilt wurde, bekam man bis zu sechs Jahre Gefängnis. Man blieb jedoch nicht hier im Untersuchungsgefängnis. Nach dem Prozess, der in einem Gerichtsgebäude stattfand, wurde man in eine Strafvollzugsanstalt überführt. Diese konnte sich in einer anderen Stadt befinden, etwa in Bautzen, Leipzig, Potsdam oder Ost-Berlin.
Ein besonders berüchtigtes Gefängnis befand sich in Bautzen. Man nannte es das „Gelbe Elend“. Dort war man nicht mehr allein in einer Zelle, sondern mit bis zu acht Gefangenen zusammen. Man konnte dort auch mit Kriminellen zusammengesperrt sein. Jeden Tag musste man arbeiten, meist stundenlange Akkordarbeit am Fließband.
Weil man ein „Politischer“ war, konnte Folgendes geschehen: War man beispielsweise zu sechs Jahren verurteilt worden und hatte zwei Jahre in Bautzen abgesessen, wurde man in die Stadt gebracht, die damals Karl-Marx-Stadt hieß und heute wieder Chemnitz heißt. Dort setzte man einen zusammen mit anderen politischen Gefangenen in einen Sammelbus und fuhr die Gruppe nach Westdeutschland. So kam man frei. Man wurde also nicht von hier aus entlassen, sondern aus dem Strafvollzug.
Insgesamt wurden 34.400 Menschen aus der DDR freigekauft. Umgerechnet in D-Mark waren das 2,4 Milliarden D-Mark, die der Westen an die DDR gezahlt hat. 2,4 Milliarden D-Mark!
When the Wall was built, they were now GDR citizens, walled in. They couldn't get out at all anymore. They couldn't travel to Bern, Paris or Madrid, nor to Rio de Janeiro or New York. Therefore, most people who lived in the GDR suffered especially from this lack of freedom to travel. You just couldn't get out.
You also know why the Wall was actually built. It was built in 1961 under Ulbricht to stop the mass exodus. If the GDR had not built the Wall, even more people would have fled. You also saw the short film shown beforehand: By 1961, almost three million GDR citizens had already fled to the West.
Why did they flee? After the Second World War, the Soviet Union did not bring peace and freedom to the GDR, but a new dictatorship. That is what people mainly fled from. It was a mass exodus. Had the GDR not built the Wall, even more people would have fled. Then one could really have assumed that the GDR would have economically collapsed after four to six years. Many skilled workers took off. They especially took off. They had simply had enough.
I was born in East Berlin in 1960. When the Wall was built, I was one year old. I practically grew up in the GDR, but mentally rather in the West, because I could watch Western television every day. Even as a student I could not bear the propaganda of the GDR television.
You constantly heard: "The Socialist October Brigade has again overfulfilled the plan by 120 percent." Yet we had an economy of scarcity in the GDR. How could that fit together?
That naturally also showed up in school. Our history teacher explained to us why the Wall had been built. Do you know what he said? "The Wall is the Anti-Fascist Protection Rampart. With the building of the Wall, peace in Europe was saved." That was the official propaganda in the GDR media: As if there had been very many fascists in the West and the Wall had had to be built so that the imperialists and fascists would not come into the GDR.
No! I knew: If the Wall had not been built, then Walter Ulbricht would have sat alone in the GDR with his Lotte. We made such jokes.
What was even more macabre: The GDR citizens did not have a passport at all, but only an identity card. When you became a pensioner, you got a passport and could travel to the West. If pensioners stayed in the West because they had relatives there, the Federal Republic of Germany paid their pension, and the GDR no longer needed to pay it. Isn't that macabre? You already knew that as a student.
That already started in school: If you had to write an essay in German class on the topic "Why was the Wall built?", all students wrote what the teachers wanted to hear: that the Wall had been built as an Anti-Fascist Protection Rampart. Hardly anyone wrote – although everyone knew it – that the Wall was built to stop the flight movement and to preserve the power of the own state party. If you had written that, you would not have gone to prison immediately as a student, but the German teacher would have said: "Watch out, you are not representing the correct class standpoint. You have to write a statement." When you got older, however, you could get into very big trouble if you claimed something like that. The lie already started in school. You were raised to lie.
If you didn't go along with that, you couldn't study anyway. You could only study if you had joined the FDJ, the Free German Youth, i.e., the youth organization. Once a week you had an FDJ meeting and were indoctrinated a little.
Angela Merkel was also in the FDJ, you know that. She also received a blue shirt and had to participate in the FDJ meetings. What you didn't have to do, however – and what Angela Merkel did anyway, which is all the more remarkable –, was to take on a function. Angela Merkel even became FDJ Secretary for Agitation and Propaganda. She really was that. I naturally did not do that.
Anyway, I was able to study. Physics was my major, biology my minor. In 1982 I completed my studies; back then I was only 22 years old. I thought, now I would become an astrophysicist. I had applied to the Central Institute for Astrophysics in Potsdam, where my father also worked.
Then, however, there was an incident that changed my entire life. When I was still a student, I went to a Young Congregation. Not because I was a particularly devout Christian, but because the church was the only institution that was separated from the state. It had its own rooms. There were dedicated pastors there who led a Young Congregation in which one discussed things quite differently. We discussed whether Germany could be reunified and the GDR democratized. This movement developed under the wings of the church and became stronger and stronger.
In my case, the leader of this Young Congregation was named Gottfried Gartenschläger. I must explain this: the GDR was administratively divided into 15 districts. Every district capital – Leipzig, Dresden, Potsdam, Erfurt and so on – had its own Stasi prison. In East Berlin there were even three Stasi prisons. In total, there were 17 Stasi prisons in the GDR. This one here was just one of 17. 2,500 Stasi personnel worked here alone. You can multiply that by 17.
In total, there were 91,000 full-time Stasi employees in the GDR. If you put that into proportion to the population of 17 million, the GDR was the most closely guarded state in the world. You have to imagine that. The cells in all 17 prisons were always occupied down to the last cell. Only political prisoners sat there. There were no murderers or other criminals here.
The big difference between the Stasi and the BND was that the Stasi had police power and was allowed to arrest people. The BND is not allowed to arrest anyone, but only to observe. The Stasi not only had 91,000 full-time employees, but also about 189,000 informers. They were not permanently employed, usually received no money, and yet spied on other people.
I too was constantly spied on by someone without knowing it. In my case, it was the pastor himself who led the Young Congregation: Gottfried Gartenschläger. He was a high-level Stasi informer. I could not have imagined even in my dreams that even a pastor would do such a thing. But he did it.
As a student, at the age of 14, I met a political protester in the GDR: Wolf Biermann. The older ones will still remember him. Wolf Biermann described himself as a communist, because his father was also a communist and was murdered by the National Socialists in a concentration camp. In contrast to others, however, Biermann criticized Stalinism. He wrote songs and accompanied himself on the guitar. In the GDR he therefore received a performance ban and could only sing in his room.
I got to know him and visited him in the Chausseestraße, where he lived in East Berlin. When you had visited Biermann and came out of the house, a People's Policeman immediately approached you and said: "Your identity card, please!" Just because you had come out of Biermann's house. Then he read all the data out very loudly: what my name was, where I lived as well as where and when I had been born. He had namely [original recording unclear] a microphone in his uniform and spoke all the data into it. That way the Stasi immediately knew who had visited Biermann. It went that far.
I simply didn't want to go along with that anymore. When I came out of the house once, I got so annoyed that I quickly ran away. The policeman ran after me. I will never forget that. He shouted: "Stop! Stop!" I called out: "I am in a hurry!" I ran up Friedrichstraße to the S-Bahn. He continued calling: "Stop! You stop!" I asked: "Do you mean me?" - "I mean you! I mean you!" He was completely out of breath. "You stop! Identity card!" - "Right here in the middle of the street?" - "Yes, in the middle of the street!" If you did something like that, you were already brave in the GDR. All this bullying simply made me sick to my stomach.
Biermann was later allowed to travel to Cologne once and gave a big concert there. There he sang, among other things, the "Stasi Ballad". As a result, he was stripped of his GDR citizenship and no longer let in. The people in charge thought they were rid of him now. But there was a large resolution that many actors signed – including me – and which was directed against Biermann's deprivation of citizenship.
[The interviewee plays a song on a device.] Shall we play it briefly? Then you'll know what kind of person we were dealing with here. I'll search briefly on the Internet. Here, for example, is the "Stasi Ballad": "Humanly I feel connected to the poor Stasi dogs..." This song naturally did not please the Stasi.
When I had finished my studies in 1982, I wanted to take up my position as an astrophysicist in Potsdam. That, however, did not happen. In September 1982, I wanted to meet a friend at the World Clock on Alexanderplatz. The GDR authorities had set up this World Clock there, on which one could read the time all over the world – one still couldn't travel out. The clock is still standing there and is an important meeting point.
I was just about to leave when three gentlemen approached me. One was carrying a large camera on his shoulder. It turned out that they were Dutch television journalists. They asked me: "Are you a real East Berliner?" - "Yes." - "Would you be willing to give an interview as a normal citizen of the GDR?" I answered: "Yes, I would be willing to do that, but not here on Alexanderplatz. There is too much Stasi here. Today the Young Congregation is meeting. We can take the subway there; we have a room there."
There, of course, was also Gottfried Gartenschläger, of whom I did not know that he was an informer. In his presence, I gave the interview. When it was finished, I said to the Dutchmen: "Watch out: If the Stasi finds out what I said here, I can be locked up. If they really lock me up, please pass the films on to Wolf Biermann. He lives in Hamburg now; I have his address. Biermann should then report on Western television that I have been locked up." Biermann was constantly appearing on Western television back then and reporting on the Stasi. The Dutch explicitly promised me that.
But the informer Gartenschläger immediately reported everything to the Stasi. The Stasi decided: "We won't lock him up, we will strip him of his citizenship." I had to report to the Stasi. In the office they shouted at me: "You are a subversive element! You claimed the GDR is a dictatorship and Honecker a dictator. You will not become an astrophysicist here! You can go where all the imperialists and capitalists are. Perhaps you will like that better."
I was indeed stripped of my citizenship and had to leave the GDR within a week – under the condition of a lifelong entry ban. During a house search, they took away my diploma thesis and my graduation certificate. They took everything! They knew exactly: When he gets to the West and claims he studied, he cannot prove it. In West Germany there is democracy, true, but also bureaucracy. You have to prove everything in writing. I had nothing: no study documents, nothing at all. They had already foreseen that.
I knew quite exactly: If I leave now, I will never see my parents again. At that time everyone thought the Wall would stand forever. Nobody believed that it would fall in a single night. I, at least, didn't believe it. I knew I would never see my parents and my three brothers again. I also had a girlfriend; we wanted to get married. I had to say to her: "You have to look for another man. We cannot get married." The Stasi had also threatened me: "If you do not go voluntarily, we have methods with which you will cross over quite differently." After a few tears it was clear to me that I could not marry my girlfriend. Then I left.
Actually, I didn't even want to be in the West. I had no relatives there either. I only had Wolf Biermann's address in Hamburg. So I actually went to him. He was so famous that the Hamburg Senate had given him a large house. I stayed there in the beginning; he recognized me again too. By the way, I also met the actress Eva-Maria Hagen there, the mother of Nina Hagen.
I got an apartment in Hamburg relatively quickly. But I always wanted to go back to Berlin. I could only move to West Berlin. In 1984 I moved to West Berlin. I lived in Kreuzberg, only three kilometers as the crow flies away from my parents. In between stood the Wall. I couldn't see my parents. In the GDR almost nobody had a telephone; I couldn't even call them. I wrote letters, but the Stasi intercepted all of them. Not a single letter arrived.
At the university in the West, they asked me for my documents. "I studied in the GDR." - "Then where are your documents?" - "The Stasi has them." - "Then travel over and get them." - "I have an entry ban!" The university simply did not want to recognize my studies. I could not become an astrophysicist.
In 1986 I received an offer from Zeiss West Germany to work as a traveling representative in South America. I accepted it and worked there for 25 years.
Then came November 9, 1989. I was in Ecuador at the time. Because I couldn't marry my girlfriend in the East, I had married an Ecuadorian, to whom I am married to this day. I will never forget that day.
My wife Wilma suddenly came up to me excitedly. Between two trips I was just at home, in Wilma's house in Esmeraldas. The city is situated directly on the Pacific, almost on the equator line. Wilma said: "Look at what I see here on television! In Berlin everyone is coming over - from East to West!" At first I couldn't believe it at all. Then it was clear to me: The Wall is open.
Of course I wanted to go to Berlin very quickly. I only had to finish one more trip to the Galapagos Islands, but at the beginning of December 1989 I flew to Berlin. At that time the GDR still existed. I went to the Heinrich-Heine-Straße border crossing between Kreuzberg and Berlin-Mitte. I asked myself: Will they let me cross at all? The border guards always sat in such aluminum boxes. I presented my passport. They stamped it without even checking in the computer who I was. I saw it on their faces: The border soldiers were completely demoralized, because they knew that the GDR was now coming to an end. They simply let me cross over. Thus, after more than seven years, I saw my parents again. That was a great joy.
In 1991 I was then able to view my own Stasi file. Only then did I see in black and white who the informer had been: Gottfried Gartenschläger, the pastor. At that time, there were reports about him everywhere in the press. A newspaper headlined: "Missionary of the Stasi". I still wanted to tell you that.
Before we go out here, I would like to briefly explain the following: Most of the prisoners who were incarcerated here – the political prisoners – stayed here for about seven to ten months. If, for example, you were convicted of fleeing the republic, you got up to six years in prison. You didn't, however, stay here in the remand prison. After the trial, which took place in a courthouse, you were transferred to a penal institution. This could be located in another city, for example in Bautzen, Leipzig, Potsdam or East Berlin.
A particularly notorious prison was located in Bautzen. It was called the "Yellow Misery". There you were no longer alone in a cell, but together with up to eight prisoners. You could also be locked up together with criminals there. Every day you had to work, mostly hours of piecework on an assembly line.
Because you were a "political", the following could happen: If you had been sentenced to six years, for example, and had served two years in Bautzen, you were brought to the city that was called Karl-Marx-Stadt back then and is called Chemnitz again today. There they put you together with other political prisoners in a collection bus and drove the group to West Germany. That is how you were freed. So you were not released from here, but from the penal system.
A total of 34,400 people were ransomed from the GDR. Converted into D-Mark, that was 2.4 billion D-Mark that the West paid to the GDR. 2.4 billion D-Mark!