01.4.02INTERVIEW PROFILE / ONE INTERVIEWEE

Torsten Rexin

INTERVIEWEE 02

Personal Memory and the Division of Germany

Torsten describes his childhood in Oranienburg, his encounter with Stasi unofficial collaborators, and his later career with the Volkspolizei.

[BACKGROUND TO BE PROVIDED][DATE TO BE PROVIDED][LOCATION TO BE PROVIDED]
Photograph of Torsten and Hans Bauer
[PHOTO CAPTION TO BE PROVIDED]
01.4

Recording & transcript

DEUTSCH / ENGLISH
INTERVIEWEE 02 / MATERIALS

Torsten Rexin

INTERVIEW RECORDING

[RECORDING DATE, LANGUAGE AND CREDIT TO BE PROVIDED]

TRANSCRIPT / TRANSLATION

Full transcript

DE / GERMAN TRANSCRIPT

Meine erste Frage wäre: Könnten Sie über Ihre Kindheit sprechen? Wo wurden Sie geboren, was haben Ihre Eltern beruflich gemacht und was haben Sie in der Schule beziehungsweise während des Abiturs gelernt?

Ich bin ein ganz normales Kind der DDR und wurde 1961 in Oranienburg geboren. Oranienburg liegt nördlich von Berlin. Meine Mutter arbeitete damals als Eisenbahnerin bei der Deutschen Reichsbahn, und mein Vater war Transportpolizist, also als Polizist bei der Eisenbahn beschäftigt. 1961 war eine wilde Zeit.

Berlin befand sich in einem desolaten Zustand. Das prägte die Familie, das Familienleben und den Dienst in jener Zeit. 1964 ist meine Mutter gestorben. Von 1964 an bin ich in einem Kinderheim in der Nähe von Berlin aufgewachsen. Diese Zeit im Kinderheim dauerte bis zur zweiten Klasse. Mein Vater zog dann auf die Insel Usedom.

Dort besuchte ich zehn Jahre lang die in der DDR übliche Polytechnische Oberschule, bis 1978. Anschließend absolvierte ich bis 1980 eine Berufsausbildung mit Abitur. Dort wurde ich zum Tiefbohrer ausgebildet.

Was ist das [Tiefbohrer]?

Dabei geht es um Erdbohrungen, genauer gesagt um Forschungs- und Erkundungsbohrungen auf einem Bohrturm. In der DDR gab es zwölf Bohrtürme sowie zwei weitere, die im Ausland eingesetzt wurden. Auf einem dieser Bohrtürme absolvierte ich meine Berufsausbildung und erwarb gleichzeitig die Hochschulreife. 1980 ging ich an die Offiziershochschule des Ministeriums des Innern in Dresden. Dort wurden Polizeioffiziere für die höhere Laufbahn ausgebildet. Die Ausbildung dauerte bis 1983. Dort wurde ich zum Leutnant ernannt.

Anschließend trat ich im Raum Berlin meinen Dienst als Offizier der Deutschen Volkspolizei an. Ich kam als Zugführer zu einer Spezialeinheit, einer Aufklärungseinheit der Deutschen Volkspolizei. Im weiteren Verlauf meiner Laufbahn wurde ich zum Oberleutnant und später zum Hauptmann befördert. Ab 1988 war ich Hauptmann der Volkspolizei. 1990 wurde ich nach der Übernahme durch den Westen aus der Polizei entlassen.

Danach gründete ich ein kleines Unternehmen, ein Versicherungsmaklerbüro, und beschäftigte mich fortan mit dem Vertrieb von Versicherungen. 1995 ging ich noch einmal für drei Jahre an eine Hochschule und studierte Versicherungswesen. Denn wenn man etwas tut, muss man es auch beherrschen und entsprechend erlernen. Seit 1998 bin ich Versicherungsfachwirt. Seitdem führe ich hier in Bernau meine Versicherungsmaklerfirma und betreue meine Kunden.

Das ist im Wesentlichen mein Lebenslauf. In der Zwischenzeit habe ich natürlich auch geheiratet und zwei Kinder bekommen, die mittlerweile erwachsen sind. Mein älterer Sohn arbeitet ebenfalls bei der Berliner Polizei, und mein jüngerer Sohn arbeitet bei Apple in Wien. Das ist im Grunde eine normale Lebensgeschichte, wie man sie hier erleben kann.

Ich weiß, dass es in der DDR Wehrpflicht gab. Sind Sie zur Armee gegangen, oder wurde das dadurch ersetzt, dass Sie eine polizeiliche Ausbildung absolvierten?

Genau, das war der Ersatz dafür. Es gab eine Wehrpflicht von 18 Monaten, die aber durch diese Laufbahn ersetzt wurde. Die polizeiliche Ausbildung, die wir bei der Bereitschaftspolizei erhielten, umfasste jedoch eine militärische Ausbildung. Sie war überwiegend militärisch und polizeilich, also eine Mischung aus beidem.

Ich habe am Mittwoch mit einem ehemaligen DDR-Bürger über die politische Bildung in der Grundschule gesprochen. Ich würde gern wissen, was Sie in der Grundschule, an der weiterführenden Schule und an der Hochschule über Politik und die politische Propaganda der Sowjetunion gelernt haben. Was haben Sie damals empfunden? Haben Sie alles geglaubt, oder dachten Sie: „Das ist Unsinn, aber ich lebe in diesem Staat und akzeptiere deshalb, was gesagt wird“?

Das ist eine komplexe Geschichte, die sich von der Schulzeit an entwickelt hat. Es gab den Staatsbürgerkundeunterricht – wie politische Bildung auch in anderen Ländern vermittelt wird – und den Geschichtsunterricht. Zur politischen Bildung gehörten während der Schulzeit außerdem Exkursionen zu Konzentrationslagern. Für die unteren Klassen gab es noch das Fach Heimatkunde. Darin wurde den Schülern eine Beziehung zu ihrer Heimat, zur deutschen Heimat und zur deutschen Geschichte vermittelt. Je nachdem, aus welchem Elternhaus die Menschen kamen, hatten sie einen unterschiedlichen Bezug zur Geschichte.

In meiner Geschichte war es so, dass der Staatsbürgerkundeunterricht in Verbindung mit meinen familiären Wurzeln dazu führte, dass wir in einer kommunistischen Familie aufwuchsen und durchaus eine kommunistische Weltanschauung pflegten. Mit der politischen Ausrichtung der DDR waren wir zunächst einverstanden; wir kannten nichts anderes. Insofern gab es auch keinen Widerstand, weder bei mir noch in meiner Familie.

Ich war Mitglied der Freien Deutschen Jugend, Gewerkschaftsmitglied und Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Fast alle Kinder waren in der FDJ. Insofern waren wir mit dem Staatsgefüge der DDR sehr einverstanden. Das setzte sich während der Berufsausbildung mit Abitur und später an der Hochschule fort. Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik wurde auch als Geschichte der Arbeiterklasse vermittelt und war stark an die sowjetische Geschichte angelehnt.

Später begriff man natürlich, dass viele Dinge aus der Sowjetunion übernommen worden waren, und lernte zu differenzieren. Nicht alles, was erzählt wurde, wurde am Ende auch geglaubt. An der grundsätzlichen staatsbürgerlichen Zuneigung zur Deutschen Demokratischen Republik änderte das jedoch nichts – im Gegenteil. Je älter man wird, desto kritischer wird man.

Auch die politische Schulung bei der Polizei, die ich später selbst durchführte, führte zu einem kritischen und sachlichen Blick. „Kritisch-sachlich“ ist wichtig, denn wir versuchten, unsere Soldaten und Wehrpflichtigen ohne Propaganda auszubilden. Ich selbst hatte auch Lehrer, bei denen ich dachte: „Das gehört eher in die Propaganda als in die Wissensvermittlung.“ Solche Lehrer gab es. Jeder ist selbst dazu aufgerufen, kritisch mit dem vermittelten Stoff umzugehen. Mir persönlich gelang es, die Dinge sehr kritisch und differenziert zu betrachten.

Konnten Sie die politische Situation bereits als Kind kritisch sehen, oder erst, als Sie älter waren?

Als Kind kann man das nicht, weil einem die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Später, mit zunehmendem Alter, entwickelt sich das nach und nach. Das hat auch nichts mit der Bundesrepublik zu tun. Man sah innerhalb der DDR mit zunehmendem Alter natürlich ebenfalls die Probleme. [Zum Beispiel?] Man sah die ökonomischen Probleme und die geringe Produktvielfalt in den Geschäften, die insbesondere in den 1980er-Jahren recht spärlich ausfiel. Man fragte sich, warum das so war. Später verstanden wir immer mehr, dass die wirtschaftliche Führung dieses sozialistischen Systems offenbar große Probleme bereitete.

Auch innerhalb der Partei setzte man sich kritisch mit diesen Fragen auseinander. Ich wurde Mitglied der SED. Tatsächlich wurden nicht alle Fragen, die wir sachlich stellten, auch sachlich beantwortet. Unser Parteisekretär wies eine Frage, die ich ihm offiziell gestellt hatte, zurück und sagte: „Das dürfen wir nicht fragen. Das können wir nicht fragen.“

Welche konkrete Frage war das?

Ich fragte: „Wer kontrolliert das Zentralkomitee der SED?“ Diese Frage konnte und wollte er mir nicht beantworten. Ich war damals bereits Polizist, und er war mit der Frage nicht einverstanden. Er verstand nicht, dass auch ein Parteiorgan einer demokratischen Kontrolle unterliegen muss. Eine solche Kontrolle war in der DDR nicht sichtbar.

Was war Ihre eigene Antwort, als Sie diese Frage stellten?

Ich sagte: „Das ist ein Webfehler, ein Fehler in der Struktur dieses sozialistischen Staates.“ Es fehlte die demokratische Kontrolle über die Parteiorgane innerhalb der Partei. Das funktionierte nicht; das muss man ehrlich sagen.

Davon möchte ich jedoch die Motivation des sozialistischen Systems abgrenzen, ein humanistischer und gerechter Staat zu sein. Diese Motivation war deshalb nicht schlecht. Diese Unterscheidung habe ich bereits damals vorgenommen. Dass es in einer Gesellschaft Fehler gibt, ist normal. Diese müssen beseitigt werden, aber man muss darüber sprechen. Über manche Themen wurde nicht gesprochen. Das war ein großer Fehler.

Bedeutet das, dass man bestimmte Fragen nicht stellen durfte, oder hatten die Menschen Angst, darüber zu sprechen?

Ich hatte keine Angst; ich habe gefragt. Ich war auch gut geschützt, weil ich bei der Polizei und in den Parteiorganisationen tätig war. In den Parteiorganisationen der Sicherheitsorgane herrschte durchaus ein kritisches Klima. Es war nicht so, dass die Offiziere und Soldaten – auch die Armeeoffiziere – alles widerspruchslos hinnahmen. Wir stritten in den Parteiversammlungen intensiv um die beste Lösung und darum, wie man eine solche DDR aufbauen könne.

Das war keineswegs homogen. Es war nicht so, dass alle sagten: „Ich mache alles mit, unabhängig davon, was man uns erzählt.“

Sie wurden in Oranienburg geboren, also ziemlich in der Nähe von West-Berlin. Haben Sie als Kind Westfernsehen gesehen?

Nein. Ich bin an der Küste aufgewachsen. Dort konnte man höchstens polnisches oder schwedisches Fernsehen empfangen. Man muss sich die damalige Zeit vor Augen führen: In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren gab es zwei Programme, wobei das zweite Programm erst im Aufbau war. Ich meine das zweite Programm der DDR: DDR 1 und DDR 2. Das zweite DDR-Fernsehprogramm wurde erst Anfang der 1970er-Jahre eröffnet. In der Bundesrepublik gab es damals ARD und ZDF. Auch dort gab es nicht sehr viele Programme. In Berlin konnte man die westlichen Programme sehen, auf Usedom jedoch nicht. Das war technisch nicht möglich.

Volker [Ein vorheriger Interviewpartner] hat mir erzählt, man habe in jeder Region der DDR Westfernsehen sehen können, auch in Dresden.

Gerade zu Dresden gibt es einen schönen Begriff, den man sich merken kann: „Tal der Ahnungslosen“. Dieser Begriff beschreibt die Region um Dresden. Aufgrund ihrer geografischen Lage kamen dort tatsächlich keine westlichen Fernsehsignale an. Deshalb nannte man sie das „Tal der Ahnungslosen“.

In anderen Regionen, insbesondere in Grenzgebieten, konnte man Westfernsehen gut empfangen. In Berlin und der Berliner Umgebung war das völlig normal. Rund um West-Berlin konnte man gut Westfernsehen sehen. Wenn man gelegentlich bei Freunden war, sahen diese natürlich häufig Westfernsehen. Vorrangig wurden Filme wie Der Kapitän vom Tenkesberg und andere Sendungen angesehen. Politisch beschäftigte man sich damit nicht besonders intensiv. Interessant waren vor allem die Musiksendungen und Filme.

In den Sendungen, die man dort sah, gab es also keine besonders starke politische Propaganda? Man interessierte sich eher für Musik und Filme?

Aber es gibt kein starkes politisches Propaganda in den Fernsehsendungen, die man jetzt sieht. Uns interessierten die Filme, die dort liefen, und natürlich die Musiksendungen. Auftritte bestimmter Künstler nahmen wir mit einem Tonbandgerät auf.

Man sah nicht ständig die Tagesschau oder die Tagesthemen. Journalisten, die beruflich damit zu tun hatten, werden sich natürlich die westlichen Nachrichtensendungen angesehen haben, ebenso den sonntäglichen Presseclub. Es gab solche politischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West, aber das sah nicht die gesamte DDR. Vor allem Menschen, die beruflich damit zu tun hatten oder sich politisch dafür interessierten. Es war nicht so, dass die Bevölkerung kollektiv sagte: „Jetzt sehen wir die Tagesthemen.“ Ebenso sahen viele DDR-Bürger nicht Der schwarze Kanal. Am Montagabend schalteten sie dann ab. Die Menschen lebten im Wesentlichen ihr Privatleben. Man darf sich das nicht so vorstellen, als sei alles politisiert gewesen.

Sie selbst haben Westfernsehen gesehen, aber nicht besonders häufig und nicht vor allem wegen der politischen Inhalte?

Nicht vor allem wegen der politischen Inhalte. Später, als ich bei der Polizei war, wurde das schon wichtiger. Mit der entsprechenden Vorbildung und historischen Kenntnissen konnte man sich dann mit Sendungen wie Der schwarze Kanal von Karl-Eduard von Schnitzler, mit der Aktuellen Kamera und auch mit den westlichen Nachrichtensendungen auseinandersetzen. Um diese Sendungen zu verstehen, brauchte man gewisse Kenntnisse.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu heute bestand aus meiner Sicht darin, dass Nachrichtensendungen früher reine Informationssendungen waren. Im Prinzip lief es so ab: An diesem oder jenem Ort ist zu einer bestimmten Uhrzeit dieses oder jenes geschehen – fertig, kein Kommentar. Die Nachrichten wurden nicht bewertet oder, wie man heute sagt, „geframed“. Wenn irgendwo eine Bombe gefallen war und es 25 Tote gab, dann wurde dieses Ereignis gemeldet.

Die Berichte waren ziemlich trocken. Ebenso wurde beispielsweise berichtet, dass ein Betrieb bestimmte positive oder schlechte Ergebnisse erzielt hatte; damit war die Meldung beendet. Es wurde nicht anschließend erklärt, welche Bedeutung dies habe. Das war damals im Westen ähnlich üblich. Für Kommentare gab es gesonderte Formate wie die Tagesthemen und den Presseclub. Dort wurden politische Prozesse diskutiert.

Nachrichten und politische Kommentare waren also zwei getrennte Formate und wurden nicht miteinander vermischt?

Der Presseclub lief immer sonntags vormittags um elf Uhr und dauerte dann drei oder vier Stunden. Die Tagesthemen liefen abends und wurden täglich ausgestrahlt. Aber politische Wertungen waren nicht allgegenwärtig.

Die Menschen in der DDR – auch wir selbst – hatten beispielsweise überhaupt keine Zeitungen aus dem Westen. Sie konnten nicht regulär eingeführt und gekauft werden. Menschen in Berlin, die in West-Berlin gewesen waren, brachten gelegentlich Zeitungen mit. Man konnte sie also beschaffen, aber eben nur über solche Wege.

Haben Sie in der DDR westliche Nachrichten gesehen?

Ich persönlich nur selten. Mit „selten“ meine ich nicht einmal pro Woche, sondern vielleicht ab und zu, etwa einmal in zwei Monaten.

Westliche Zeitungen hatten Sie ebenfalls kaum?

Nein. Gelegentlich sah ich eine westliche Zeitung, vielleicht ein- oder zweimal im Monat, wenn zufällig ein Freund eine solche Zeitung hatte.

Man darf außerdem nicht vergessen, dass wir damals jung waren. Ich bin 1961 geboren. Als junge Menschen kauften wir keine politischen Zeitungen. Uns interessierte damals eher die Bravo. [Was war das?] Eine Illustrierte mit jungen Mädchen und Themen, die junge Menschen interessierten: Musik und Ähnliches. Darin informierte man sich nicht politisch. Uns interessierten Kleidung, technische Geräte, Tonbandgeräte, Kopfhörer oder dergleichen. Ältere Menschen interessierten sich eher für politische Zeitungen.

Man muss sich ein ganz normales Leben vorstellen. Es bestand kein ständiges Bedürfnis nach politischen Nachrichten.

War Westfernsehen verboten? Durfte man es also offiziell nicht sehen? War das strafbar?

Ja, es war verboten. Das stimmt. Es war aber ein offenes Geheimnis, dass alle es sahen. Wo Westfernsehen empfangen werden konnte, haben – etwas zugespitzt gesagt – alle Westfernsehen gesehen. Das war kein Geheimnis.

Man musste natürlich ein wenig aufpassen, aber das Verbot wurde auch nicht wirklich ernst genommen. Wenn man in einer Parteiversammlung ein Beispiel anführte, das nur aus dem Westfernsehen stammen konnte, verriet man damit gewissermaßen, dass man Westfernsehen gesehen hatte. Darüber lachten dann alle, weil alle Bescheid wussten.

Wenn jemand etwa sagte: „In Hamburg ist dies oder jenes passiert“, konnte er das nur aus dem Westfernsehen erfahren haben – es sei denn, Karl-Eduard von Schnitzler hatte am Montag darüber gesprochen. Offiziell war es verboten, aber niemand hielt sich an dieses Verbot.

Das war für die Menschen auch nicht besonders belastend, weil es sie kaum beschäftigte. Im Gespräch unter Freunden konnte jemand sagen: „Du sollst kein Westfernsehen sehen.“ Danach trank man noch ein Bier oder machte etwas anderes. Das wurde eher als Witz verstanden und nicht ernst genommen. Dieses Verbot war nicht durchsetzbar; es war unsinnig.

Als wir uns das letzte Mal in Stadtmitte gesehen haben, fragte ich Sie, ob die Polizei mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet habe und ob Sie damit eigene Erfahrungen hätten – etwa wenn das MfS dabei half, jemanden zu finden, zu verfolgen oder festzunehmen.

Zunächst muss man sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Schutz- und Sicherheitsorganen staatlich organisiert war. Nach meiner damaligen Wahrnehmung studierten Mitarbeiter der Staatssicherheit, weil sie keine eigene Hochschule gehabt hätten, an Hochschulen und Universitäten der Nationalen Volksarmee und der Polizei. Bereits während meines Studiums lernte ich Menschen von der Staatssicherheit kennen und freundete mich mit einigen von ihnen an. Sie waren in Anführungszeichen ganz normale Studenten.

Ein bemerkenswerter Unterschied war, dass sie etwas mehr Geld verdienten, weil sie zwei Dienstgrade hatten: einen Dienstgrad beim MfS und bei uns einen Polizeidienstgrad.

Waren also alle Mitarbeiter der Staatssicherheit zugleich Polizisten?

Nein. Manche waren beispielsweise bei der Armee; das kann man nicht verallgemeinern. Die offiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit, die bei uns in der Polizei tätig waren, hatten jedoch zwei Dienstgrade: einen bei der Staatssicherheit und einen bei der Polizei.

Wir absolvierten gemeinsam die Ausbildung, um später unsere beruflichen Aufgaben erfüllen zu können. Außerdem wurden der Staatssicherheit im Polizeigesetz der DDR dieselben Rechte eingeräumt. Das bedeutet, dass die Staatssicherheit im Prinzip Ermittlungs- und Verfügungsbefugnisse wie die Polizei besaß. Daraus könnte man zunächst schließen, dass eine gut geordnete Zusammenarbeit bestand.

Die Wahrheit ist jedoch, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und dem Ministerium des Innern nicht besonders eng war. Auf der Ermittlungsebene war sie stärker ausgeprägt als ganz oben. Die Ursache lag bei den beiden Ministern: Generaloberst Friedrich Dickel, dem Minister des Innern der DDR, und Generaloberst Erich Mielke, der später Armeegeneral wurde. Sie kannten einander aus dem Spanischen Bürgerkrieg und waren sich nicht besonders grün. Deshalb war die offizielle Vernetzung zwischen den beiden Ministerien gering.

In der Praxis geschah jedoch Folgendes: Jede militärische Einheit in der DDR hatte einen Verbindungsoffizier zur Staatssicherheit. Das war also diese staatlich-strukturelle Verflechtung. Dieser Verbindungsoffizier trat offiziell und in Uniform auf; er arbeitete also nicht im Geheimen. Das war nichts Besonderes.

Er sammelte die Angelegenheiten, die innerhalb der Polizei für die Staatssicherheit von Bedeutung waren, und leitete sie innerhalb seines Dienstbereichs an das Ministerium weiter. Das war die offizielle Zusammenarbeit. Alle Dienststellen der Armee, der Polizei und der Zivilverteidigung hatten einen zuständigen Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Könnte man also sagen, die Staatssicherheit habe alle Operationen und Dienste der Polizei, der Armee und der übrigen Streitkräfte überwacht?

Als „Überwachung“ würde ich das nicht bezeichnen. Dieser Mitarbeiter war der Ansprechpartner für Angelegenheiten der Staatssicherheit. Wenn man im Bereich der Schutz- und Sicherheitsorgane arbeitete, war die Staatssicherheit diesen Organen gegenüber nicht weisungsbefugt. Sie war auch nicht unmittelbar zu deren Überwachung befugt, aber sie war Empfängerin von Informationen.

Man muss sich das so vorstellen: Wenn bei der Polizei eine Angelegenheit bekannt wurde, die über den normalen polizeilichen Bereich hinausging, wurde sie der Staatssicherheit gemeldet.

Natürlich wollte der Verbindungsoffizier zugleich Informationen über die Stabilität des Sicherheitsorgans Polizei oder der Armee erhalten. Seitens der Staatssicherheit bestand daran großes Interesse. Das gehörte zur sogenannten militärischen Abwehr, wie es sie in jedem Land gibt. Es sollte festgestellt werden, ob sich militärische Einheiten von der politischen Ausrichtung und der staatlichen Loyalität entfernten.

In der Bundesrepublik gibt es den Militärischen Abschirmdienst. Auch in den USA und in Russland gibt es vergleichbare Dienste, welche die Zuverlässigkeit der Schutzorgane beobachten. Ein solcher Dienst kann die Organe nicht selbst steuern; das kann nur der Staat. Er kann sie jedoch beobachten. Wenn sich eine militärische Einheit oder Abteilung vom Staat entfremdete, hatte die Staatssicherheit eine Meldepflicht und musste den Ministerrat zum Eingreifen bewegen.

Das war die organisierte Struktur. Konkret ergab sich daraus eine Informationsstruktur. Die Menschen lebten nebeneinander, wohnten in derselben Umgebung und kannten einander persönlich. Man darf sich das nicht nebulös so vorstellen, als hätten die Mitarbeiter irgendwo in einem Keller gesessen.

Ich verwende ein anderes Beispiel und andere Namen, weil die betreffenden Menschen noch leben: Mein Freund „Klaus“, der als Sicherheits- beziehungsweise Verbindungsoffizier tätig war, verabredete sich mit anderen zum Kaffee, Kuchen oder Tee, um Gespräche zu führen und Informationen auszutauschen. Das war bei der Polizei normal und nichts Besonderes.

Einige Polizisten hatten zu diesem Verbindungsoffizier einen offiziellen Kontakt. Eine offizielle Verbindung hatten immer die Kommandeure, die Politoffiziere und die Parteisekretäre. Sie standen innerhalb des Dienstbetriebs offiziell mit der Staatssicherheit in Verbindung. Das war kein Geheimnis, sondern eine Arbeitsbeziehung.

Daneben gab es die Verbindungen, die sich der Verbindungsoffizier zu einzelnen Polizisten als eigene Informationsstruktur aufbaute. Solche Strukturen gab es in allen Einheiten – in manchen funktionierten sie gut, in anderen schlecht. Nicht alle Verbindungsoffiziere arbeiteten gleich gut oder gleich schlecht. Wir sind alle Menschen, und es gibt unterschiedliche Fähigkeiten und Qualitäten für eine solche Arbeit.

Haben Polizisten dem MfS tatsächlich geholfen?

Man muss zunächst verschiedene Ebenen unterscheiden. Die erste war die offizielle Linie. Wenn die Regierung feststellte, dass irgendwo ein Problem bestand, leitete der Verbindungsoffizier dies an den Kommandeur der jeweiligen Einheit weiter und bat um Unterstützung. Dann wurde die Angelegenheit auf offiziellem Weg weitergegeben. Es erging ein Dienstauftrag, dieses oder jenes mit zu beobachten. Das geschah im Rahmen von Ermittlungen; es gab also eine offizielle Kooperation.

Fand diese Kooperation auch in der Realität statt?

Ja. Wir führten viele Einsätze durch. Die meisten gingen von der Polizeiführung aus. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit war selbstverständlich die Hauptaufgabe der Polizeieinheiten im ganzen Land.

Daneben gab es jedoch Mordfälle, Republikflucht oder Straftaten mit Waffengewalt. Wenn beispielsweise jemand versuchte, sich Waffen zu beschaffen, wurden die vorhandenen Informationen genutzt, um einen Ermittlungsauftrag auch an Polizeikräfte zu übertragen. Diese führten die Untersuchungen beziehungsweise Ermittlungen dann gemeinsam mit der Staatssicherheit durch. Das war die offizielle Seite.

Die zweite Seite war – ähnlich wie in Betrieben – die Tätigkeit inoffizieller Mitarbeiter, deren Verbindung zur Staatssicherheit nicht bekannt war. Dafür war innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit eine andere Diensteinheit zuständig. Sie nutzte inoffizielle Mitarbeiter, um Informationen zu sammeln und Ermittlungen zu betreiben.

Diese sogenannten inoffiziellen Mitarbeiter waren nicht offiziell bei der Staatssicherheit angestellt. Sie hatten praktisch eine Erklärung unterschrieben, in der sie sich bereit erklärten, der Staatssicherheit bei der Ermittlung von Straftaten zu helfen. Anschließend verfassten sie Berichte über Personen oder Ereignisse, welche die Staatssicherheit auswertete. Das war der zweite Teil der Zusammenarbeit. Auch innerhalb der Polizei existierten somit ein offizieller und ein inoffizieller Teil.

Meine eigentliche Frage lautet, ob Sie selbst so etwas erlebt haben: Haben Sie beispielsweise nachts der Staatssicherheit geholfen, jemanden aus dem Bett zu holen und festzunehmen, weil sie glaubte, er plane eine Republikflucht oder sei in neofaschistische Aktivitäten verwickelt?

Ein konkretes Beispiel gab es in meinem eigenen Verantwortungsbereich. Auf dem offiziellen Dienstweg wurde über die Kommandeursebene ein Ermittlungsauftrag an mich herangetragen. Mir wurde mitgeteilt, dass es in meiner Diensteinheit einen Mitarbeiter, einen Unteroffizier der Polizei, gebe, der in seiner Freizeit und außerhalb des Dienstes neofaschistischen Aktivitäten nachgehe.

Das wurde mir zunächst mitgeteilt; anschließend nahmen wir an den Ermittlungs- und Beobachtungsmaßnahmen teil. Dabei stellte sich heraus, dass er eine Gruppe gewalttätiger Schläger organisiert hatte. Die Beteiligten trugen Springerstiefel, Lederjacken, nationalsozialistische Kleidung und entsprechende Symbole. Sie hatten ältere Menschen beraubt und Ausländer angegriffen.

Wir erhielten den konkreten Auftrag, die Beweiskette für eine Strafverfolgung zu vervollständigen. Das Besondere an diesem Fall war, dass die Staatssicherheit bereits seit längerer Zeit auf diese Person aufmerksam geworden war und sie beobachtet hatte. Die Schwierigkeit bestand darin, dass er der Enkel eines hohen Offiziers oder Generals der Staatssicherheit war. Deshalb wollte man ganz besonders sicher sein, dass die Anschuldigungen tatsächlich zutrafen.

Es ist nicht gut, jemanden festzunehmen und später festzustellen, dass er unschuldig ist. Die Ermittlungen wurden auf unsere Polizeidienststelle und konkret auf meine Einheit ausgedehnt. Mit unseren polizeilichen Mitteln beobachteten wir ihn innerhalb der Truppe, in der Unterkunft und auch während seiner Freizeit. Unsere Erkenntnisse arbeiteten wir der Staatssicherheit zu. Wir waren dabei gewissermaßen Ermittlungshelfer. Schließlich stellte sich heraus, dass die Vorwürfe in vollem Umfang den Tatsachen entsprachen.

Eines Tages spitzte sich die Lage zu. Der Ermittlungsleiter und ein Staatsanwalt – einen Staatsanwalt lernst du nachher noch kennen – entschieden, dass nun eine Festnahme durchgeführt werde.

Eine Festnahme ist regelmäßig eine gefahrgeneigte Maßnahme. Es kann sein, dass sich die festzunehmende Person mit Waffengewalt wehrt. Manche verhalten sich ruhig, andere Täter neigen jedoch zu Gewalt, widersetzen sich der Festnahme oder nehmen möglicherweise andere Personen als Geiseln. Das lässt sich vorher nicht sicher wissen. Diese Problematik kennen Polizei, Staatssicherheit und andere Sicherheitsorgane weltweit.

Aus diesem Grund muss ein solcher „Zugriff“, wie man auf Deutsch sagt, gut geplant und organisiert werden, damit unbeteiligte Dritte nicht in Gefahr geraten. In diesem Fall war es besonders schwierig, einen Zugriff innerhalb der Polizei zu organisieren, weil die festzunehmende Person selbst Polizist war. Wie jeder andere Polizist hatte er die Möglichkeit, sich Zugang zu einer Waffe zu verschaffen.

Wir planten und organisierten den Zugriff innerhalb unserer Einheit gemeinsam mit den zuständigen Organen der Staatssicherheit. Er wurde schließlich morgens um vier Uhr festgenommen.

Man muss jedoch wissen: Er wurde nicht festgenommen, weil er möglicherweise eine andere politische Meinung hatte, sondern weil er Straftaten begangen hatte. Er hatte Gewalt ausgeübt, Menschen beraubt, gestohlen und andere erpresst; all das war aktenkundig. Er wurde wegen dieser Taten und nicht wegen seiner politischen Haltung festgenommen.

Grundsätzlich ist mir natürlich bewusst, dass die Grenze zwischen beidem fließend sein kann. Der eine sagt: „Ich wurde verhaftet, weil ich eine andere Meinung hatte.“ Wir hatten darüber bereits am Tisch gesprochen. Ein großer Teil dieser Menschen ließ aus der abweichenden Meinung auch eine strafbare Handlung entstehen. Dieser Teil wird in der späteren eigenen Lebensgeschichte häufig vergessen.

Ein kleines Beispiel: Jemand hatte eine andere Meinung über die DDR und plante in Gedanken eine Republikflucht. Bis dahin war das noch nicht strafbar.

Wenn man eine Flucht plante, war das also noch nicht strafbar?

Bis dahin noch nicht. Dann entschloss sich die Person jedoch, sich Waffen zu beschaffen. Das war strafbar. Sie versuchte, Waffen und Munition zu beschaffen, um einen bewaffneten Grenzdurchbruch zu organisieren. An diesem Punkt begann die Straftat. Das ist der entscheidende Unterschied.

Natürlich vergisst eine solche Person bei der späteren Darstellung ihres Lebenslaufs häufig den Teil, an dem die strafbare Handlung begann. Stattdessen wird die politische Entscheidung als Grund der Festnahme dargestellt.

Man muss zugleich sagen, dass solche Menschen auch deshalb festgenommen wurden, weil in den Strafgesetzen aller Länder der Grundsatz steht, dass bereits der Versuch strafbar ist. Wenn jemand ernsthaft versucht, eine Straftat zu begehen, ist dies bereits strafbar und wird für die Sicherheitsorgane relevant.

Manchmal wurde Menschen allerdings ein solcher Versuch auch nur unterstellt. Damit kommen wir zu deiner Frage, an welchen Stellen dieses System mitunter übergriffig war. Häufig hing das auch von einzelnen Personen im ermittelnden Organ ab.

Eine generelle staatliche Anweisung von oben, so vorzugehen, gab es in der Praxis nicht. Aber wie in jedem System entwickelt jeder Ermittlungsbeamte eine eigene Energie und Motivation: „Ich will erfolgreich sein, also muss ich drei Leute verhaften.“ Vielleicht möchte er sich einen Orden verdienen oder verfolgt andere Motive. Auch Polizisten oder Angehörige eines Ermittlungsorgans sind keine besseren Menschen. Sie sind vielleicht besser oder anders geschult. Es besteht aber die Gefahr, dass auch sie aus niederen Motiven etwas tun, das nicht gesetzeskonform ist. Das muss man berücksichtigen.

Die Zahl solcher Personen war jedoch nicht so groß, wie heute behauptet wird. Hans Bauer wird dazu wesentlich mehr erzählen können.

Die Festnahme des genannten Täters war natürlich eine spektakuläre nächtliche Aktion. Daneben gab es weitere Fälle im Zusammenhang mit Republikflucht und mit Vorbereitungen auf Großveranstaltungen. Die entsprechenden Erkenntnisse wurden durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Staatssicherheit zusammengeführt.

Es gab Menschen, die Fußballspiele und Massenveranstaltungen dazu nutzen wollten, gezielt gewalttätige Provokationen zu organisieren. Sie inszenierten Schlägereien; wenn sehr viele Menschen auf der Straße sind, kann ein solcher Prozess leicht außer Kontrolle geraten und zu weiteren Auseinandersetzungen führen. Erstaunlicherweise waren zu solchen Zeitpunkten dann nach meinem Eindruck häufig auch ZDF oder ARD mit einer Kamera vor Ort, um zu dokumentieren, dass in der DDR politische Auseinandersetzungen stattfanden.

Meistens handelte es sich aus meiner Sicht um Kriminalität. Ich möchte nichts beschönigen, und jeder hat seine eigene Geschichte. Weil ich jedoch innerhalb dieses Systems gearbeitet habe, kann ich sagen, dass der Blickwinkel eines Betroffenen selbstverständlich immer ein anderer ist.

Wenn ich selbst betroffen bin, empfinde ich mich als im Recht und gebe dem Staat die Schuld. Die Gesamtbetrachtung geht dabei häufig verloren. Wenn man Erlebnisgeschichte schreibt, sprechen wir von individuellen Erlebnissen. Aus einem einzelnen Erlebnis lässt sich keine Gesamtbeurteilung ableiten. Du sammelst viele verschiedene Beispiele; das wird dir sicherlich helfen, ein Gesamtbild zu entwickeln.

Wenn jemand festgenommen wurde, weil der Verdacht bestand, er habe gegen das Strafgesetz verstoßen: Wurde diese Person von der Polizei oder gemeinsam mit der Staatssicherheit verhört?

Dafür waren die jeweils zuständigen Ermittlungsbehörden verantwortlich. Meistens war es die Kriminalpolizei; in ihrem Zuständigkeitsbereich waren es Mitarbeiter der Staatssicherheit. Sie waren dafür ausgebildet. Bei Einbruch, Diebstahl oder gewöhnlichen Delikten führten geschulte Mitarbeiter der Kriminalpolizei beziehungsweise der Schutzpolizei die Verhöre durch. Es hing davon ab, um welche Tat es sich handelte.

Und wenn es um Republikflucht ging?

Dann übernahm die Staatssicherheit. Das fiel in ihren strafrechtlichen Zuständigkeitsbereich.

Wie war es bei Straftaten im Zusammenhang mit Faschismus? Ich weiß, dass es dafür eine besondere Stelle gab. Ermittelten Staatssicherheit und Polizei dann gemeinsam?

Eine solche Abteilung war bei der Staatsanwaltschaft beziehungsweise der Generalstaatsanwaltschaft als Ermittlungsbehörde der DDR angesiedelt. Einer der dortigen leitenden Staatsanwälte war Hans Bauer, den du heute noch triffst.

Die Staatssicherheit war in solchen Fällen als Ermittlungsorgan tätig. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft beziehungsweise der Generalstaatsanwaltschaft der DDR beauftragt.

Du hast recht: Es gab den besonderen Ermittlungsbereich „alter und neuer Faschismus“. Man suchte in der DDR gezielt nach nationalsozialistischen Kriegsverbrechern aus der Zeit des „Dritten Reiches“ und des Zweiten Weltkriegs und ermittelte gegen sie. Es wurden große Anstrengungen unternommen, diese Menschen zu finden, damit sich Mörder und andere Verbrecher nicht in der Zivilgesellschaft verstecken konnten.

Das ist eine wichtige Information, die im Westen heute nach meiner Auffassung gern verschwiegen wird. Die Ermittlung gegen alte Faschisten und Nationalsozialisten war ein großes Aufgabenfeld des Ministeriums für Staatssicherheit. Diese Arbeit war nicht erfolglos; dabei wurden auch Erfolge erzielt. Dann kannst du es in deinem Aufsatz festhalten. Nach meiner Auffassung ist das eine historische Wahrheit.

In den späten 1980er-Jahren gab es aus politischen und wirtschaftlichen Gründen immer mehr Demonstrationen. Sie waren damals selbst im Dienst. Was taten die Polizisten?

Das kann ich genau erklären. Die gewöhnlichen Schutzpolizisten hatten mit diesem Thema zunächst wenig zu tun. Schutzpolizisten waren im Grunde in die Gesellschaft integriert. Sie lebten dort mit ihren Kindern, kannten die Menschen in ihrer Umgebung und wussten, worüber in Kneipen, Kirchen und anderswo gesprochen wurde. Auch sie hatten eine offizielle Verbindung zur Staatssicherheit.

Wir bei der Bereitschaftspolizei hatten mit solchen Auseinandersetzungen und Themen immer dann zu tun, wenn es zu Brennpunkten, Höhepunkten oder Konflikten kam. Unsere Aufgabe bestand darin, die Einsatzorte zu sichern und eine Eskalation zu vermeiden, damit nichts Schlimmeres geschah und niemand zu Schaden kam.

Das Besondere in der DDR war leider, dass die Partei- und Staatsführung die Gefahren, die sich für die Polizisten ergaben, häufig unterschätzte. Unsere Polizisten fuhren manchmal tatsächlich nur in Uniformbluse und Halbschuhen zu Einsätzen, im Wesentlichen, um Präsenz zu zeigen und deutlich zu machen, dass die Staatsmacht anwesend war.

Wir waren selbstverständlich auch in der Lage, körperlich einzugreifen, und hatten die entsprechende Ausrüstung: Schlagstöcke, Helme, Schilde und alles Weitere, was benötigt wurde. Diese Mittel wurden aber so gut wie nie beziehungsweise nur sehr selten eingesetzt. Die Bilder, die davon heute über die Bildschirme gehen, zeigen nur eine verschwindend geringe Zahl der Einsätze.

Gegen Ende der DDR, insbesondere 1989, kamen solche Einsätze etwas häufiger vor, aber auch damals nicht ständig. Der Einsatz körperlicher Mittel war eine seltene Ausnahme. Wir waren jedoch dazu in der Lage.

Eingegriffen wurde insbesondere dann, wenn die öffentliche Ordnung bereits gestört oder zerstört war, also wenn ein Konflikt bereits begonnen hatte. Wir wurden auch vorbeugend eingesetzt, etwa bei Fußballveranstaltungen, um uns zwischen streitende Gruppen zu stellen und zu verhindern, dass sie aufeinandertrafen.

Wie in allen Staaten gehörte außerdem der Schutz von Staatsgästen und Großveranstaltungen zu unseren Aufgaben. Wir hatten zugleich eine militärische Aufgabe. Deshalb verfügte unsere Polizei über Schützenpanzerwagen, Scharfschützengewehre und weitere Mittel, die eine starke Polizeieinheit aus ihrer Sicht benötigte.

Ich persönlich führte im Berliner Raum, in Bernau und der Umgebung die Scharfschützenausbildung für die Polizei durch. Wir verfügten also über entsprechende Einsatzkräfte.

Dies gehörte auch zur Antiterroreinheit, die ab 1983 aufgebaut wurde. Vorher besaß die DDR keine solche Antiterroreinheit.

War die Gründung eine Reaktion auf einen Terroranschlag?

Man beurteilte die internationale Lage und zog auch Lehren aus dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München, der etwa zehn Jahre zuvor stattgefunden hatte. Außerdem sammelte die Staatssicherheit Erkenntnisse, denen zufolge verstärkt mit Waffengewalt gegen das System der DDR vorgegangen werden sollte. Diese Informationen lagen vor, und daraus ergab sich die Notwendigkeit, eine Antiterroreinheit aufzubauen.

Auch hier gab es wieder eine Art Wettbewerb: Die Staatssicherheit verfügte über eine eigene Antiterroreinheit, und das Ministerium des Innern begann 1983 ebenfalls mit dem Aufbau einer solchen Einheit.

Wie groß war diese Einheit?

Es war eine kleine Truppe – „klein“ bedeutete in diesem Fall etwa 100 Mann. Sowohl die Staatssicherheit als auch das Ministerium des Innern verfügten über eine solche Truppe. MdI: Ministerium des Innern.