01.4.01INTERVIEW PROFILE / ONE INTERVIEWEE

Ingolf

INTERVIEWEE 01

Leaving the GDR

Ingolf recalls his childhood in the GDR, his parents’ occupations, and his experiences with the education system, explaining what drove him to leave East Germany in pursuit of studying economics and recounting his harrowing escape.

[BACKGROUND TO BE PROVIDED][DATE TO BE PROVIDED][LOCATION TO BE PROVIDED]
Photograph of Ingolf
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01.4

Recording & transcript

DEUTSCH / ENGLISH
INTERVIEWEE 01 / MATERIALS

Ingolf

INTERVIEW RECORDING

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TRANSCRIPT / TRANSLATION

Full transcript

DE / GERMAN TRANSCRIPT

Ich habe 25 Jahre in der DDR gelebt und dort natürlich sehr viel erlebt. Als ich das Land verlassen habe, war ich bereits erwachsen und ein denkender Mensch. Was du am Anfang erzählt hast – dass es viele Leute gibt, die die DDR im Nachhinein vielleicht sogar ein bisschen verherrlichen –, kann ich gut nachvollziehen. Ich erzähle das auch immer im Museum, wo ich als Referent tätig bin.

Die Kindheit und die grundlegenden Bedingungen waren in Ordnung. Man konnte mit guten Noten Abitur machen und studieren, solange man nicht aus der Reihe tanzte. Ich kenne tatsächlich niemanden, der die DDR bereits in seiner Kindheit oder in den ersten Schuljahren aus politischen Gründen abgelehnt hätte. Dafür war man entweder zu klein, oder man spürte als Kind schlicht keine Nachteile. Man lebte in einer behüteten Welt. Etwa 97 Prozent der Kinder besuchten einen Kindergarten. Sie hatten genug zu essen und genug Spielsachen. Ich spreche von den späten 1960er- und den 1970er-Jahren. Ich bin 1963 geboren und war bis 1970 im Kindergarten. Ich erinnere mich an diese Zeit als eine normale, sogar glückliche Zeit; damit bin ich nicht der Einzige. Wenn Kinder damals unglücklich waren, hatte das vielleicht private Gründe – Spielkameraden, die sie nicht mochten, Erzieherinnen oder Ähnliches –, aber keine politischen.

Für Kinder wurde viel getan. Der Kindergartenbesuch war kostenlos; nur ein sehr geringes Essensgeld wurde verlangt. Es gab genügend Spielsachen und eine flächendeckende Betreuung, weil die Eltern arbeiten mussten. Es gab zugleich eine Pflicht zur Arbeit und ein Recht auf Arbeit – auch das war etwas wert. In diesem Zusammenhang sollte man erwähnen, dass in der DDR alle eine Wohnung hatten, auch wenn sie einfach oder sogar heruntergekommen war. Wohnungen konnte man grundsätzlich nicht kaufen; privates Wohnungseigentum gab es nicht, die Wohnungen waren staatlich. Nur sehr wenige besaßen Häuser, die im Krieg nicht zerstört worden waren. Es gab auch Einfamilienhäuser, und manche konnten eines bauen, doch normalerweise hatte man dafür nicht die Mittel. Mehr als 90 Prozent der Menschen wohnten in Mietwohnungen, grundsätzlich in staatlichen Wohnungen. Die Mieten waren sehr niedrig.

Wie hoch war die Miete eigentlich?

Meine Miete betrug 27 Mark. Ich hatte eine Wohnung in Ost-Berlin, in der Brunnenstraße, nahe der Mauer. 27 Mark entsprechen 13,50 Euro.

Wie groß war die Wohnung?

Sie war nicht groß, vielleicht 35 oder 40 Quadratmeter: ein großes Zimmer, eine Küche und eine Außentoilette. Um die Miete musste man sich keine Gedanken machen. Eine große Neubauwohnung mit 100 Quadratmetern kostete 106 Mark Miete, bei einem Durchschnittseinkommen von 850 bis 900 Mark. Im Durchschnitt gab man ungefähr acht Prozent seines Einkommens für die Miete aus. Heute sind es in Berlin nach den neuesten Zahlen bei einer Mietwohnung zwischen 35 und 40 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das war ein Pluspunkt der DDR: die Sozialleistungen, in diesem Fall die niedrigen, staatlich gestützten Mieten und der kostenlose Kindergarten. Alle hatten eine Wohnung und Arbeit. Solche positiven Dinge spielten für ein Kind eine Rolle. Es gab keine Armut in dem Sinne, dass Menschen hungerten. Der Lebensstandard war zwar niedriger als in der Bundesrepublik, aber als Kind konnte man das noch nicht vergleichen. Das Leben war behütet, zunächst auch noch in der Schule.

Beginnen wir mit der ersten Frage: Könnten Sie etwas über Ihre Kindheit erzählen? Was haben Ihre Eltern nach der Gründung der DDR beruflich gemacht?

Meine Eltern wurden 1932 und 1933 geboren, meine Mutter also im Jahr der Machtübernahme Hitlers. Beide waren voll berufstätig, wie fast alle Menschen in der DDR. Meine Mutter war Sekretärin in einem Kombinatsbetrieb. Mein Vater war Parteifunktionär der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die in der DDR die Macht innehatte.

Welche Funktion hatte Ihr Vater?

Seine Berufsbezeichnung lautete Parteisekretär. [War das eine hohe Position?] In der Parteihierarchie war es eine mittlere Position. Interessant ist, dass mein Vater vom Sozialismus überzeugt war. Dazu gibt es eine Geschichte: 1954, sieben Jahre vor dem Mauerbau, ging seine Familie in die Bundesrepublik, also in den Westen. Vor dem Mauerbau ging das relativ einfach über West-Berlin. Er war der Einzige, der in der DDR blieb. Damals war er 20 oder 21 Jahre alt und glaubte an die Idee des Sozialismus. Er wollte in diesem Land den Sozialismus aufbauen – sogar um den Preis, dass seine Familie fortging. Er ließ seine Mutter, seinen Stiefvater und seine jüngeren Halbgeschwister ziehen und entschied sich bewusst dafür, in der DDR zu bleiben.

Wie war das Leben Ihrer Eltern? Wie viel verdienten sie in ihrer gesellschaftlichen Stellung?

Meine Eltern heirateten wie sehr viele Menschen in der DDR früh, ich glaube mit 20 oder 21 Jahren. Sie heirateten 1954, im selben Jahr, in dem mein Vater seine Familie in den Westen ziehen ließ. Das machten in der DDR wirklich viele. Bei einer Heirat erhielt man einen Ehekredit und wurde bei der Wohnungsvergabe bevorzugt. Meine Eltern hatten ein recht gutes Auskommen. Mein Vater verdiente als SED-Funktionär etwas mehr als der Durchschnitt, nicht exorbitant viel, aber etwas mehr. Meine Mutter verdiente ungefähr den Durchschnittslohn. Wir waren drei Kinder; ich habe zwei Geschwister. Davon konnte man ganz normal leben.

In welcher Stadt lebten Sie – in Schwerin?

Ja. In Schwerin wurde sehr viel neu gebaut, vor allem in Plattenbauweise. Das geschah in vielen größeren Städten der DDR, auch in Berlin.

Zum Beispiel an der Frankfurter Allee?

Die Stalinallee war die Vorzeigestraße. Später entstanden in großer Zahl die Plattenbausiedlungen Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. In Schwerin hieß ein solches Gebiet Großer Dreesch; dort lebten etwa 60.000 Menschen, also fast die Hälfte der Einwohner der Stadt. Wir wohnten nicht dort, sondern in einer anderen Plattenbausiedlung in Schwerin-Lankow. In den ersten Jahren lebten wir in einem Mehrfamilienhaus, in dem man sich ein einziges Bad mit den Nachbarn teilen musste. 1970 waren meine Eltern froh, in eine Plattenbausiedlung umziehen zu können, unter anderem wegen der Heizung und eines eigenen Badezimmers.

Aber weiterhin in Schwerin?

Genau.

Wie war das Schulleben in der DDR? Was lernten Sie politisch über den Sozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die Berliner Mauer und die Teilung Deutschlands?

Beginnen wir mit der Schule. Mit sechs oder sieben Jahren wurde man eingeschult; ich wurde mit sechs eingeschult. In der sogenannten Unterstufe, also der Grundschule, lernte man zunächst die Grundlagen. Politik kam später im Unterricht hinzu. Ich glaube, ab der vierten Klasse gab es Staatsbürgerkunde als erstes politisches Fach. Als Kind war man außerdem Mitglied der Pionierorganisation. Zunächst bei den Jungen Pionieren. Die FDJ kam ab der achten Klasse.

Waren die Jungen Pioniere verpflichtend?

Formell nicht. Praktisch war man automatisch dabei. Wenn die Eltern das nicht wollten, mussten sie ausdrücklich beantragen, dass ihr Kind nicht aufgenommen wurde; sonst wurde es einfach Mitglied der Pionierorganisation. Etwa 99 Prozent der Kinder waren dabei. Die Eltern widersprachen meist schon deshalb nicht, weil das Kind sonst zum Außenseiter geworden wäre. Es wäre aus der Gemeinschaft ausgeschlossen gewesen, und das hätte Folgen haben können, wenn man später etwa Abitur machen wollte.

Das galt vermutlich auch für die FDJ.

Klar. An meiner Schule waren alle bei den Pionieren, ab der ersten Klasse bei den Jungen Pionieren. Das war eine Mischung aus Freizeitgestaltung und Politik; die politische Botschaft wurde dosiert eingestreut. Die Propaganda war zurückhaltend und dadurch wirkungsvoll. Man unternahm zum Beispiel Wanderungen und andere schöne Dinge, ein bisschen wie bei den Pfadfindern. Zugleich wurde das Bild des vorbildlichen Pioniers geprägt: Wir sind tüchtig, nützlich und wertvoll für die Gesellschaft, und wir pflegen die Freundschaft mit der Sowjetunion. Das spielte eine große Rolle. Als Kind machte das alles Spaß. Es gab Ferienlager. Politisches zeigte sich etwa darin, dass wir Friedenstauben aus Papier bastelten und sie ins Fenster klebten, um zu zeigen: Wir leben im Frieden, weil wir im Sozialismus leben.

Zu Beginn der Pioniernachmittage wurde der Pioniergruß gesprochen: „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“, und wir antworteten: „Immer bereit!“ Man wurde in das Kollektiv aufgenommen und lernte: Wir gehören zusammen, es gibt eine Gemeinschaft. Als Kind dachte man nicht daran, aus diesem Kollektiv auszuscheren.

So haben Sie es empfunden?

Nicht nur ich. Ich kenne niemanden, der als Kind aus politischen Gründen dagegen gewesen wäre. Die geringe Dosis Propaganda stellte man nicht infrage.

Als Sie etwas älter wurden, lernten Sie mehr über Politik und Geschichte. Wie sprachen die Lehrer über den Bau der Berliner Mauer, und was empfanden Sie dabei?

Das ist ein interessanter Punkt, weil die Mauer in der DDR gar nicht „Mauer“, sondern „antifaschistischer Schutzwall“ genannt wurde. Als Kind dachte man, da gebe es einen Wall, der uns – wie der Name sagte – vor den Faschisten in der Bundesrepublik schütze. Man bekam das Gefühl, dort lebten viel mehr Faschisten.

Als Kind hielten Sie das für möglich?

Ja, und vielleicht war es sogar teilweise so. Die Entnazifizierung war in der Bundesrepublik natürlich weniger weitreichend als in der DDR. Aber als Kind hatte man keine Vergleichsmöglichkeiten. Man dachte, alles habe seine Richtigkeit und dieser Schutzwall beschütze uns. Das habe ich tatsächlich geglaubt. Als Zehn- oder Elfjähriger sagte ich meiner Mutter einmal: „Gott sei Dank leben wir in der DDR.“

Meine Mutter hatte eine Schwester in der Bundesrepublik, Eva, und die gesamte Familie meines Vaters lebte ohnehin dort. Aufgrund dessen, was uns erzählt wurde, glaubte ich: Wir leben im Sozialismus, das ist das bessere System; die Menschen im Westen werden unterdrückt und ausgebeutet und müssen erst noch ihre Revolution vollziehen, um unseren Stand zu erreichen. Ich stellte mir vor, ihr Lebensstandard sei geringer und sie seien vielleicht arbeitslos oder obdachlos. Das gab es in der DDR tatsächlich nicht. Ich dachte als Kind, ich lebte auf der richtigen Seite. Einmal fragte ich meine Mutter sogar, ob ihre Schwester, unsere Tante Eva, hoffentlich nicht arbeitslos oder obdachlos sei. Meine Mutter sagte: „Mach dir keine Sorgen, ihr geht es gut.“

Die Wahrheit erfuhr man scheibchenweise. Weil ich so viele Verwandte in der Bundesrepublik hatte, kamen sie uns besuchen. Mein Vater wollte das zunächst nicht, weil er SED-Funktionär war. Aber er hatte eine Schwester in Köln, meine Tante Brigitte, die sehr an ihm hing, und sie kam öfter zu Besuch. Dadurch stellten sich mir die ersten Fragen: Was ist das für ein „antifaschistischer Schutzwall“, wenn sie herüberkommen und uns besuchen kann? Ich erfuhr, dass Bürger aus dem Westen in die DDR reisen konnten. Zugleich merkte man an vielen Eindrücken, dass sie einen anderen Lebensstandard hatten. Man hatte gelernt, sie seien unterdrückt und ausgebeutet, doch im Durchschnitt ging es ihnen im Ergebnis besser.

Zum Beispiel bei der Kleidung oder bei Waren, die es in der DDR nicht gab?

Genau. Sie brachten schöne Dinge mit, etwa Jeans, Kaffee oder Schokolade. Dann gibt es die berühmte Bananengeschichte: In Ostdeutschland gab es nur selten Bananen oder exotische Früchte wie Ananas. Was mich besonders faszinierte, waren die Urlaubsfotos. Die Verwandten zeigten gern, wo sie gewesen waren, und schickten Postkarten.

Was dachten Sie dabei?

Ich dachte: Da will ich unbedingt auch hin. Das war für mich als Kind der erste Einschnitt. Ich wollte all das sehen, fand es spannend und heftete die Postkarten an meine Wand. Nach und nach sickerte die Erkenntnis durch, dass das nicht möglich war. Es gab kein einzelnes Aha-Erlebnis. Anfangs dachte ich einfach, ich wolle Tante Brigitte in Köln besuchen. Meine Mutter sagte: „Nein, das geht nicht. Das weißt du doch.“ Als Kind hatte ich das aber nicht gewusst. Ich fragte dann tatsächlich auch einmal in der Schule nach.

Bei einem Lehrer?

Genau. Ich weiß nicht mehr, in welchem Fach, höchstwahrscheinlich in Staatsbürgerkunde. Ein Argument des Lehrers habe ich nie vergessen. Auf meine Frage, warum Westdeutsche in die DDR reisen dürften, obwohl es doch den „antifaschistischen Schutzwall“ gebe, sagte er: „Sie dürfen sich ansehen, wie wir den Sozialismus aufbauen. Davon können sie noch viel lernen.“ Als Kind glaubt man das vielleicht eine kurze Zeit, stellt es aber bald infrage.

Auf die Frage, warum wir nicht in die Bundesrepublik oder in den Westen reisen dürften, wurde mir erklärt, dort sei es viel zu gefährlich und man könne meine Sicherheit nicht gewährleisten. Auch das glaubte man vielleicht noch ein halbes oder ein Jahr lang. Dann zweifelte man zunehmend, ob es wirklich stimmte, und erfuhr die Wahrheit, etwa durch die Medien.

Wann haben Sie es erkannt?

Nach und nach. Es gab kein bestimmtes Datum, an dem ich alles verstand. Zunächst wusste ich auch nicht, was geschah, wenn jemand illegal floh, oder was die Mauer in Berlin tatsächlich bedeutete. Ich wohnte in Schwerin und kannte die Mauer als Kind nicht aus eigener Anschauung. An der innerdeutschen Grenze gab es keine Mauer, sondern eine Sperranlage und sogar ein Sperrgebiet. Menschen, die in den letzten Dörfern an der Grenze zur Bundesrepublik lebten, hatten besondere Ausweise oder Passierscheine, mit denen sie ihr eigenes Dorf betreten durften. Andere konnten gar nicht dorthin fahren; selbst die letzten Ortschaften in der DDR durfte man nicht einfach besuchen. Das wusste ich als Kind nicht.

Irgendwann begriff man die Wahrheit und ihre Folgen: Ich konnte beispielsweise auch nicht nach Spanien reisen. Tante Brigitte schickte uns tatsächlich Postkarten aus Spanien. Italien war damals ein sehr beliebtes Reiseland für Westdeutsche, und auch von dort bekamen wir Postkarten. Weil wir so viele Verwandte hatten, sammelte ich viele Karten, durfte sie behalten und begann zu träumen.

Das war merkwürdig: Die Westdeutschen hatten vielleicht nicht unbedingt ein besseres Leben, aber sie konnten reisen. Für den Lebensstandard interessierte ich mich als Kind nicht besonders stark. Ich fand es schön, gute Schokolade oder vielleicht echte Jeans zu bekommen; Jeans wurden allerdings auch in der DDR produziert. Als es für mich entscheidend wurde, wusste ich, dass man auch dort Jeans kaufen konnte. Die große Frage war für mich, warum ich nicht reisen durfte. Das konnte ich nie wirklich akzeptieren.

Haben Sie Westfernsehen gesehen oder Westradio gehört? War das normal, oder konnte man es nur zu bestimmten Zeiten empfangen?

Man konnte von Anfang an Westfernsehen empfangen. In den 1960er-Jahren besaßen zunächst nicht alle Menschen in der DDR einen Fernseher; nach und nach kauften sie einen. Ich weiß nicht mehr, wann wir unseren bekamen, aber wir hatten schon in den 1960er-Jahren einen, denn ich sah als Kind das Sandmännchen.

Westfernsehen wurde aus West-Berlin ausgestrahlt, das mitten in der DDR lag. Dort standen große Sendemasten, die auch im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg Programme in die DDR übertrugen. Ebenso gab es an der innerdeutschen Grenze große Sendemasten. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung konnten Westfernsehen oder Westradio empfangen. In den 1960er-Jahren versuchte der Staat, das zu verfolgen und einzudämmen. Wir sahen damals vermutlich noch kein Westfernsehen, obwohl wir es technisch wohl hätten empfangen können; mein Vater war ein überzeugter Parteigenosse.

Sie konnten es also empfangen, sahen es aber zunächst nicht?

Genau. Ab 1970 war ich in der Schule. Wenn die Eltern tagsüber arbeiteten, stellte ich als Kind fest, dass man am Fernseher nur ein wenig drehen musste, um Westfernsehen zu empfangen. Mein Vater wollte das nicht, aber wir taten es heimlich. Mitte der 1970er-Jahre sahen immer mehr Menschen Westfernsehen, und es wurde zu einem offenen Geheimnis. Auch meine Eltern duldeten es schließlich. In den 1980er-Jahren sah selbst mein Vater nur noch Westfernsehen. Das war gesellschaftlicher Konsens und wurde nicht mehr verfolgt – wie sollte das auch gehen, wenn alle es sahen? Für die Parteiführung war es natürlich ein Problem. Schon als Kind hatte man dadurch neben den Verwandten eine weitere Informationsquelle. Eltern redeten mit ihren Kindern nicht gern über Politik, selbst wenn sie eine abweichende Haltung hatten, weil sie keine Schwierigkeiten wollten. Aber die Informationen kamen trotzdem an.

Erinnern Sie sich, was Sie als Erstes im Westfernsehen sahen?

Nein. Ich weiß nur noch, dass es für ein Kind faszinierend war; an die erste Sendung erinnere ich mich nicht.

Sprachen Sie mit Schulfreunden darüber? Westfernsehen war ein offenes Geheimnis. Konnte man auch über die Propaganda und den „antifaschistischen Schutzwall“ sprechen und darüber, ob man das glaubte?

Das geschah, aber auch hier gab es kein Datum, an dem man plötzlich alles wusste. Man erkannte nach und nach, was in diesem Land nicht stimmte oder was man selbst als falsch empfand. Mein allererster Knackpunkt war die fehlende Reisefreiheit. Etwas später begriff ich, was die Berliner Mauer tatsächlich bedeutete: dass man eingesperrt war, nachdem etwa 2,7 Millionen Menschen das Land verlassen hatten, und dass man an der Mauer sogar erschossen werden konnte. Selbst als ich wusste, dass man nicht reisen durfte, verstand ich die Konsequenzen zunächst noch nicht vollständig.

Wie die meisten redete man nicht sofort über alles. Das Erkennen war ein Prozess. Natürlich hatte man Freunde und ahnte, wer ähnlich dachte. Mit Menschen, denen man vertraute, konnte man darüber sprechen. Bei mir begann der politische Austausch mit Klassenkameraden, von denen ich wusste, dass sie ungefähr wie ich dachten, wohl erst ab der achten Klasse, als ich etwa 14 Jahre alt war.

In der achten Klasse traten Sie der FDJ bei. Was haben Sie später studiert?

Das ist ebenfalls interessant. Ab der neunten Klasse konnte man auf die Erweiterte Oberschule, die EOS, wechseln, also auf das Gymnasium. Ich wollte ursprünglich die EOS besuchen und anschließend in der DDR Journalismus studieren. Das war noch in der achten Klasse mein Wunsch. Damals war ich noch nicht so kritisch gegenüber der DDR wie später. In der neunten oder zehnten Klasse, mit etwa 15 oder 16 Jahren, begriff ich, was Journalismus in der DDR bedeutete.

Was bedeutete er?

Dass man keine Kritik schreiben durfte. Die Innenpolitik war eine reine Märchenstunde: In der DDR funktionierte angeblich alles. Im DDR Museum haben wir eine innenpolitische Seite der Geraer SED-Bezirkszeitung Volkswacht: ausschließlich Erfolgsmeldungen. Der Plan wurde immer übererfüllt, Wissenschaftler erfanden ständig Neues, Bauern fuhren Spitzenerträge ein, und manchmal schien die Ernte größer als die Aussaat. Die Propaganda war so plump, dass man sie schon mit 14 oder 15 Jahren anzweifeln konnte. Ich zweifelte sie an.

Eigentlich wollte ich Sportjournalist werden. Aber ich wusste: Wenn ich Journalismus studiere, muss ich zunächst ein gewöhnlicher Journalist sein und „klassenkonform“, wie das genannt wurde. Ich musste eine gefestigte Haltung zum sozialistischen Staat haben. Diese Haltung wurde bei mir immer schwächer. Bei der Vorstellung, Journalismus zu studieren, hatte ich zunehmend das Gefühl, völlig eingeengt zu werden. Mir wurde klar, dass ich keine Meinungsfreiheit haben würde.

In der Schule wusste jeder, dass man kritische Fragen besser nicht äußerte. Man behielt sie für sich oder sprach höchstens mit engen Freunden darüber. Es ging darum, nur eine bestimmte Meinung zu haben, und darauf hatte ich überhaupt keine Lust. Ich wusste schließlich nicht mehr, was ich in der DDR überhaupt studieren wollte. Ich war völlig desillusioniert.

Haben Sie trotzdem Journalismus studiert?

Nein. Ich wusste, das wäre auf jeden Fall die falsche Entscheidung. Innerlich entfernte ich mich immer weiter vom System. Mit 17 oder 18 dachte ich bereits: Ich gehöre nicht mehr in dieses Land.

Wegen der fehlenden Meinungsfreiheit?

Meinungsfreiheit und Reisefreiheit waren die wichtigsten Punkte.

Das konnten Sie nicht mehr ertragen?

Nein. Ich musste aber irgendetwas studieren, denn wer Abitur machte, dessen Weg war praktisch vorgezeichnet: Man studierte. Natürlich hätte ich auch einen Ausbildungsberuf ergreifen können, aber dann wären die elfte und zwölfte Klasse gewissermaßen verschenkt gewesen. Ich wusste tatsächlich nicht, was ich studieren sollte, weil ich so desillusioniert war. Als mich mein Klassenlehrer und meine Mitschüler fragten, was ich studieren wolle, antwortete ich: „Kneipe“, weil ich innerlich dachte, in diesem Land könne man nur trinken.

Ich bewarb mich deshalb an der Handelshochschule Leipzig für die Fachrichtung Gastronomie. Das passte immerhin zu einer Kneipe. Gastronomie muss man natürlich nicht studieren, aber ich dachte, dann wäre ich wenigstens in diesem Bereich. Damals fand ich, Gastronomie und der in der DDR verbreitete Alkoholkonsum passten zusammen; viele Menschen tranken aus, wie ich meinte, verständlichen Gründen sehr viel Alkohol.

Ich wurde an der Handelshochschule Leipzig aufgenommen, allerdings nicht in der Fachrichtung Gastronomie, sondern für ein allgemeineres Studium. Letztlich studierte ich Sozialistische Betriebswirtschaft, was ich äußerst langweilig fand.

Was lernten Sie dort genau?

Etwa die Hälfte der Fächer waren politische Fächer: Marxismus-Leninismus, Politische Ökonomie des Sozialismus, Politische Ökonomie des Kapitalismus und Ähnliches. Für mich waren das Propagandafächer. Ich fand sie furchtbar langweilig und glaubte nicht daran. Das Studium wechseln konnte man nicht. Wenn ich abgebrochen hätte, hätte ich keine andere Studienmöglichkeit, keine Berufsausbildung und keinen Abschluss gehabt – ich wäre in der DDR wieder bei null gewesen. Deshalb studierte ich zu Ende.

Student war ich trotzdem recht gern. In Leipzig gab es einen großen Studentenkeller mit vielen Kulturangeboten. Ich arbeitete dort an der Bar und lernte viele Menschen kennen. Es gab ein kleines Gefühl von Freiheit: Liedermacher traten auf, darunter auch kritische Künstler, es gab Jazzfestivals und Ähnliches. Das Studentenleben fand ich in Ordnung. Mit dem späteren Beruf wollte ich eigentlich nichts zu tun haben, aber ich hatte keine Wahl mehr.

Nannte man die Einrichtung eine Universität?

Eine Hochschule, genau.

Teilten Sie Ihre politischen Ansichten mit Freunden? Bildeten Sie eine kleine Gruppe?

Während des Studiums weniger. Wir waren in Seminargruppen organisiert, wieder als kleines Kollektiv. In meiner Seminargruppe gab es nur wenige Menschen, die ähnlich dachten. Ich war bereits sehr kritisch, eigentlich schon grundsätzlich gegen das System, und konnte mit niemandem völlig offen darüber sprechen. Außerdem wusste ich, dass zwei Menschen in meiner Seminargruppe für das Ministerium für Staatssicherheit arbeiteten. In ihren Sozialversicherungsausweisen gab es einen entsprechenden Stempel. Ich hatte die Ausweise zu Beginn einmal einsammeln müssen und dabei den Stempel gesehen.

Danach dachten Sie vermutlich, Sie dürften nichts Antisozialistisches sagen?

Man musste aufpassen. Ein gewisses Maß an Kritik war erlaubt. Man konnte sich etwa darüber beschweren, dass bestimmte Waren beim Einkaufen fehlten; das taten alle, und die Mängel waren offensichtlich. Den Staat durfte man natürlich nicht infrage stellen.

Kannten Sie als Student Gruppen, die gegen den Sozialismus waren?

Nein, jedenfalls nicht in meinem studentischen Umfeld. Aus meiner früheren Schulklasse hatte ich eine sehr gute Freundin, die in Rostock studierte. Wir besuchten uns häufig, und sie dachte ähnlich wie ich. In Leipzig gab es in meiner Welt aber keine politische Gruppe, in der ich mich wirklich hätte austauschen können. Man lebte eher nach dem Motto: Augen zu und durch.

Sie studierten also letztlich nicht Gastronomie, sondern Betriebswirtschaft. Welche Arbeit übten Sie danach aus?

Mein Abschluss hieß Handelsökonom, ein merkwürdiges Wort. Es war ein Hochschulabschluss, dessen Studium ein Jahr kürzer als üblich dauerte. Im Westen wurde er später als Fachhochschulabschluss anerkannt.

Ich wollte unbedingt nach Ost-Berlin, denn innerhalb der DDR war die Hauptstadt für mich das erreichbare Maximum. Das gelang mir. Ich begann in einem Handelsbetrieb zu arbeiten, in einem Kombinat.

Was bedeutete das?

In diesem Betrieb wurde im Prinzip organisiert, welche Handelsbetriebe welche Waren oder Produktionsmittel erhielten. Es ging um Bedarfslenkung und die Verteilung von Konsumgütern beziehungsweise von Gütern, die der Handel benötigte.

War das ein staatlicher Betrieb?

Alles war staatlich. Es gab nur staatliche Kombinate und volkseigene Betriebe.

Haben Sie dort 15 oder 20 Jahre gearbeitet?

Nur zwei Jahre. Ich begann 1987 und floh 1989. Interessant ist, dass ich in den ersten Monaten direkt gegenüber dem Reichstag arbeitete, natürlich auf der DDR-Seite.

Was machten Sie dort genau?

Der Betrieb hieß VEB Kombinat Handelstechnik Berlin. Es ging um die Verteilung von Handelsausstattungen – also um das, was Betriebe und übergeordnete Einrichtungen für den sozialistischen Handel benötigten. Meine Aufgabe war es, diese Verteilung gemeinsam mit anderen zu koordinieren.

Pikanterweise befand sich ein Sitz des Kombinats in der Clara-Zetkin-Straße, im vorletzten Haus vor der Mauer, mit Blick auf den Reichstag auf der anderen Seite. Zugleich wohnte ich selbst an der Mauer: in der Brunnenstraße nahe der Ecke Bernauer Straße, auf Ost-Berliner Seite. Die Bernauer Straße war geteilt. Wenn ich aus dem Haus auf die Straße trat und nach rechts sah, sah ich die Mauer.

Auf dem Weg zur Arbeit, vom S-Bahnhof Friedrichstraße oder mit dem Fahrrad, sah ich den Reichstag und davor die Mauer. Ich sah die Mauer ständig.

Wie fühlte sich das an?

Es war frustrierend. Jedes Mal wurde einem klar: Dort ist die Welt zu Ende. Wenn ich versuche, diese Mauer zu überwinden, werde ich erschossen. Das war mir und eigentlich jedem bewusst. Ich hätte es nicht versucht. Aber wenn einem das ständig vor Augen geführt wird, entstehen große Frustration, große Fragen und Zweifel am System. Ich staune bis heute über Menschen, die das ausblenden konnten.

Natürlich dachte auch ich nicht jeden Tag bewusst daran, doch die Grenze war sichtbar. Besonders deutlich war es, weil der Reichstag so nahe war. Ich sah die große schwarz-rot-goldene Fahne dort oben. Sie wehte für mich ein wenig wie ein Symbol der Freiheit.

Sie lebten also nahe der Bernauer Straße. Hatten Sie als Erwachsener von Fluchtversuchen gehört, etwa durch Tunnel oder mit einem Auto? Überlegten Sie, selbst so etwas zu versuchen, um in die Freiheit zu gelangen?

Ich war sehr realistisch und ziemlich klug. Ich war ein guter Schüler und hatte viele Einsen. Deshalb wusste ich genau, dass das für mich nicht möglich war. „Schwierig“ wäre noch untertrieben: Es ging nicht, es sei denn, man baute ein Flugzeug oder einen Heißluftballon – und dazu war ich nicht in der Lage.

Ich wäre früher aus der DDR geflohen, wenn ich eine realistische Möglichkeit gehabt hätte. Ich wusste, dass man ab 18 Jahren einen Ausreiseantrag stellen konnte. Mit 18 wollte ich das noch nicht unbedingt, aber mit 22 oder 23 wäre ich sofort gegangen, wenn es irgendwie möglich gewesen wäre. Eine Flucht hätte jedoch mein Leben gefährdet, und ich hatte keine Idee, wie ich sie mit einer vernünftigen Erfolgschance hätte schaffen können.

Eine Möglichkeit sah ich in den sogenannten Besuchsreisen ins westliche Ausland, wenn man dort Verwandte hatte. Ich bat Tante Brigitte, mich offiziell zu ihrem 50. Geburtstag einzuladen. Sie schickte mir die Einladung, und ich beantragte die Reise. Wäre sie genehmigt worden, wäre ich sofort im Westen geblieben. Natürlich erhielt ich keine Genehmigung: Ich war Anfang 20, und die Staatssicherheit war nicht naiv. Vermutlich wurde ich überprüft. Junge Menschen ließ man in der Regel nicht einfach zum 50. Geburtstag einer Tante reisen, also einer Verwandten zweiten Grades.

Ich hätte auch gern jemanden aus dem Westen geheiratet, um hinüberzukommen. Eine Freundin von mir tat das. Sie lernte 1988 in einer Kneipe in Ost-Berlin einen West-Berliner kennen. West-Berliner kamen gern zu Besuch. Die beiden trafen eine Abmachung; sie waren nicht verliebt, und er, Micha, war sogar schwul. Trotzdem heiratete er Andrea, und bereits nach ein oder zwei Monaten durfte sie in den Westen ausreisen. Das hätte ich ebenfalls gern gemacht.

Sie kannten also Menschen, denen die Flucht gelang?

Ja, mehrere. Im Frühjahr 1988 flohen beispielsweise zwei Freunde von mir, Silke und Axel, über Ungarn und Jugoslawien. Das war sehr mutig. Auch die ungarisch-jugoslawische Grenze war stark bewacht. Jugoslawien war blockfrei und gewährte Reisefreiheit; vielleicht war die Flucht dort etwas weniger riskant, aber noch immer gefährlich.

Ungarn war relativ liberal und hob als erstes Land den Schießbefehl auf, was natürlich auch in der DDR bekannt wurde. Die Grenze von Ungarn nach Jugoslawien war vielleicht die durchlässigste Stelle des Eisernen Vorhangs. Silke und Axel schafften es. Als sie in Jugoslawien waren, fuhren sie mit dem Zug nach Belgrad und gingen zur westdeutschen Botschaft. Dort erhielten sie als DDR-Bürger einen vorläufigen bundesdeutschen Reisepass und konnten nach Italien weiterreisen.

Auch das blieb riskant. Selbst wenn man weit vor dem Mauerfall in Prag oder Budapest in die westdeutsche Botschaft gelangt wäre, hätte ein bundesdeutscher Pass an der Grenze auffallen können. Die Botschaften in Ungarn, besonders aber in der Tschechoslowakei und anderen sozialistischen Staaten, wurden von den jeweiligen Sicherheitskräften stark überwacht.

Solche Geschichten hörte ich und spielte natürlich mit dem Gedanken, auf diese Weise zu fliehen. Für die Route über Jugoslawien fehlte mir aber der Mut. Man hätte es riskieren können, doch es war sehr gefährlich. Manche flohen schwimmend über die Ostsee; einige schwammen etwa 35 Kilometer. Darüber habe ich kürzlich eine Dokumentation gesehen. Für mich kam das nicht infrage, schon weil ich nicht besonders gut schwimmen konnte.

Kommen wir zu Ihrer eigenen Flucht. Sie war politisch, nicht wirtschaftlich motiviert. Wie bereiteten Sie sie vor? Kontaktierten Sie zuerst Verwandte im Westen?

Ich hatte neben Tante Brigitte auch einen Onkel in West-Berlin und weitere Onkel und Tanten väterlicherseits im Westen. Aber ich rief niemanden an. Wenn ich jemanden im Westen angerufen hätte, hätte ich nicht gewusst, ob das Gespräch abgehört wurde.

Zunächst muss der Wunsch vorhanden sein, das Land zu verlassen; den hatte ich schon lange. Dann hörte ich, dass Ungarn im Mai 1989 offiziell nicht mehr auf Flüchtlinge schießen ließ. Viele DDR-Bürger fuhren nach Ungarn und versuchten, dort über die Grenze zu gelangen. Vielen gelang es, anderen nicht. Ich war skeptisch und floh deshalb zunächst nicht auf diesem Weg.

Am 10. September 1989 öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich. Die DDR-Bürger, die sich in Ungarn befanden, reisten sofort nach Österreich aus. Niemand wusste, ob die Grenze bald wieder geschlossen würde. Ich sah die Berichte in Ost-Berlin im Westfernsehen, bei ARD oder ZDF, und war extrem aufgeregt. Ich musste sofort mit Freunden sprechen, von denen ich wusste, dass sie ebenfalls fliehen wollten.

Inzwischen hatte ich einen Kreis von Menschen, die ähnlich dachten, zum Teil oppositionell waren und ebenfalls fortwollten. Wir hatten keine Telefone – ich jedenfalls nicht, und meine Freunde auch nicht. Deshalb trafen wir uns an bestimmten Wochentagen in Kneipen oder Diskotheken. Sonntags trafen wir uns zum Beispiel in der WABE, einer Diskothek beziehungsweise einem Kulturhaus in Prenzlauer Berg.

Ich ging dorthin und suchte meine Freunde. Ich fand unter anderem meine alte Schulfreundin Silvia, die inzwischen ebenfalls in Ost-Berlin lebte. Völlig nervös sagte ich: „Was machst du hier? Ungarn hat die Grenze geöffnet, wir müssen los!“ Sie war viel gelassener und sagte, wir könnten am nächsten Wochenende fliehen. Für mich kam es überhaupt nicht infrage, so lange zu warten. Ich war völlig aufgewühlt, schlief die ganze Nacht nicht und dachte nur: Ich muss sofort nach Ungarn.

Am Montagabend war ich bei meiner Freundin Sabine zum Essen eingeladen. Ich arbeitete damals bereits nicht mehr; vier Monate vor meiner Flucht hatte ich meinen Arbeitsplatz aufgegeben. Ich war so desillusioniert, dass ich nicht einmal mehr in diesem Land arbeiten wollte.

Als Sie Ihren Arbeitsplatz aufgaben, konnten Sie sich damals vorstellen, dass die Berliner Mauer vielleicht noch hundert Jahre bestehen würde? War das nicht riskant?

Wie fast alle Menschen konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Berliner Mauer geöffnet werden würde. Das konnte sich wirklich niemand vorstellen. Das Risiko war mir egal. Ich dachte nicht über die Konsequenzen nach. Ich wollte in der DDR kein normales Leben führen. Ich wollte dort überhaupt nicht mehr leben und konnte mir weder mit noch ohne Arbeit eine Zukunft vorstellen. Ich wollte auch nicht mehr für die DDR arbeiten.

Meine Stasi-Akte habe ich leider bis heute nicht eingesehen, aber ich bin sicher, dass es eine gibt, weil ich im damaligen Sprachgebrauch als „asozial“ galt, nachdem ich nicht mehr arbeitete.

Sabine hatte ebenfalls nicht regulär gearbeitet. Sie hatte sich für ein Kunststudium beworben und gerade die Zulassung erhalten. Privat nähte sie Kleidung und verkaufte sie auf Schwarzmärkten oder Flohmärkten; damit konnte man viel Geld verdienen.

Gab es viele solcher Schwarzmärkten in der DDR?

Gerade Kleidung wurde häufig inoffiziell genäht und verkauft. Man besorgte sich Schnitte aus dem Westen, sah im Fernsehen, was modern war, und fertigte es selbst an. Die DDR-Bevölkerung war sehr erfinderisch.

Während Sabine und ich aßen, lief die ganze Zeit Westfernsehen. Es wurde über die Menschen berichtet, die über die nun offene Grenze nach Österreich ausgereist waren. Wir fanden das ungeheuer aufregend und beschlossen beim Essen, sofort zu gehen. Ich kehrte in meine Wohnung zurück und packte eine Tasche; Sabine tat dasselbe.

Am nächsten Morgen ging ich in ein Reisebüro in Ost-Berlin und verhielt mich dort nicht besonders geschickt. Auf die Frage, wohin ich reisen wolle, antwortete ich: nach Budapest, und zwar mit dem Flugzeug, weil ich so schnell wie möglich ankommen wollte.

Hatten Sie ein Auto?

Nein, nicht einmal einen Führerschein. Ich war 25. In diesem Alter hatte man in der DDR gewöhnlich ohnehin kein Auto, weil man sehr lange darauf warten musste. Die Mitarbeiterin fragte, wann ich nach Budapest fliegen wolle, und ich sagte: „Jetzt.“ [War das nicht auffällig und Merkwürdig?] Natürlich. Sie sagte, den nächsten Flug nach Budapest könne sie mir am Samstag anbieten. Ich wurde nervös und fragte, ob es einen Flug nach Prag gebe; von dort wollten wir mit dem Zug weiterfahren. Sie suchte für Sabine und mich zwei Tickets heraus und fragte, ob wir auch eine Rückfahrt buchen wollten. Zum Glück sagte ich ja. Ich buchte eine Rückfahrt mit dem Zug nach Dresden – ursprünglich dachte ich nur, damit etwas Geld zu sparen. Der Flug sollte am Dienstagabend gegen 20 Uhr gehen.

Wir fuhren zum Flughafen. Nachdem ich bereits eingecheckt hatte und auf dem Weg zum Flugzeug war, wurde ich aus der Schlange geholt und zu einem Verhör mitgenommen. Die Männer stellten sich nicht ausdrücklich als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vor, aber mir war klar, wer sie waren. Vielleicht zeigten sie kurz einen Ausweis; daran erinnere ich mich nicht mehr. Sie befragten mich fast eine Stunde lang: wohin ich reisen wollte, warum und was ich dort vorhatte. Sie vermuteten natürlich, dass ich fliehen wollte – und damit lagen sie richtig. Vielleicht war ihnen mein Verhalten im Reisebüro aufgefallen.

Beim Einchecken selbst war ich nicht mehr besonders nervös. Schließlich fragte ich, weil der Abflug näher rückte: „In fünf Minuten startet das Flugzeug. Ich muss jetzt zum Gate.“ Die beiden Männer spielten die klassische Rollenverteilung „Good Cop, Bad Cop“: Ein Blonder war der freundliche, ein Schwarzhaariger der bedrohliche Vernehmer. Der Schwarzhaarige sagte: „Sie werden heute nirgendwohin fliegen. Vielleicht werden Sie überhaupt nicht mehr fliegen.“ Das war eine klare Drohung.

Ich fragte nach meiner Freundin Sabine. Sie saß bereits im Flugzeug, wurde aber wieder herausgeholt. Offenbar hatten sie zunächst nur mich im Verdacht.

Der Flieger startete ohne uns. Sabine und ich wurden in einen Lada gesetzt; zwei Personen saßen vorn, zwei hinten. Höchstwahrscheinlich brachte man uns nach Lichtenberg zur Stasi-Zentrale, möglicherweise auch nach Hohenschönhausen. Das kann ich nicht sicher sagen, weil es dunkel war und uns niemand erklärte, wohin wir fuhren.

Wir kamen in eine Art Haft- und Verhörbereich. Es gab mehrere Zellen, und jeder von uns wurde allein untergebracht. Zwischen Zelle und Verhörraum wechselten wir uns ab: Einer saß in der Zelle, der andere wurde verhört. Ich glaube eher, dass es Lichtenberg als Hohenschönhausen war, aber sicher weiß ich es nicht.

Sie wollten uns nachweisen, dass wir das Land verlassen, also fliehen wollten. Im September 1989 war das noch eine ernste Straftat. Wir hätten im Gefängnis landen können; zwei Jahre waren damals, wie ich heute weiß, eine übliche Strafe für Republikflucht. Das wusste ich zu jener Zeit nicht.

Wir waren dennoch relativ gut vorbereitet, ohne uns stundenlang abgesprochen zu haben. Wir behaupteten, Freunde in Budapest besuchen zu wollen. Unser Gepäck passte zu einem vermeintlichen Urlaub. Wir hatten keine Zeugnisse oder andere belastende Unterlagen dabei, sodass bei einer Durchsuchung nichts Eindeutiges zu finden war.

Sabine erklärte konsequent, sie stehe zur DDR. Sie habe gerade nach fünf Jahren Vorbereitung die Zulassung für ein sehr begehrtes Kunststudium erhalten, ich glaube in Dresden, und deshalb keinen Grund, das Land zu verlassen. Sie sagte: „Darüber brauche ich mit Ihnen gar nicht zu reden. Ich will mein Kunststudium antreten. Natürlich stehe ich zu diesem Land, und natürlich will ich mit Ingolf nur Urlaub bei seinen Freunden in Budapest machen.“

Ich wählte eine andere Taktik und erzählte weitgehend die Wahrheit. Ich sagte, dass ich desillusioniert sei, vieles in der DDR kritisch sähe und meinen Arbeitsplatz aufgegeben hätte, weil ich nicht wisse, wie es weitergehen solle. Ich war sehr ehrlich – bis auf den entscheidenden Punkt, dass ich fliehen wollte. Vielleicht wirkte ich gerade deshalb glaubwürdig.

Ich hatte tatsächlich Freunde in Budapest, Tibor und Gabi, die ich schon bei früheren Reisen besucht hatte. Ich sagte, ich wolle sie besuchen und vielleicht noch an den Balaton fahren. Außerdem besaß ich Rückfahrkarten. Als die Vernehmer fragten, warum die Rückfahrt nur bis Dresden gebucht sei, erklärte ich, dort einen Freund zu haben – was ebenfalls stimmte. Die Geschichte war schlüssig. Ich war tatsächlich kritisch, verschwieg aber, dass ich das Land verlassen wollte.

Ich sagte sogar: „Ich werde dieses Land nicht verlassen. Vielleicht möchten Sie, dass ich es verlasse, aber ich werde es nicht tun.“ Außerdem erzählte ich von meiner Mitarbeit in einer Jugendgruppe im Umfeld der Umwelt-Bibliothek. Ich dachte, das wüssten sie ohnehin. Ich erklärte, ich wolle, dass die DDR ein besseres Land werde, und werde deshalb nicht fortgehen. Das war meine Geschichte.

Das Verhör dauerte die ganze Nacht. Irgendwann konzentrierten sie sich auf mich; Sabine erschien ihnen nicht mehr so interessant. Sie hofften vermutlich, dass ich irgendwann einknicken würde. Dann fanden sie in meinem Gepäck einen Zettel, den ich heute noch habe. Sie glaubten, damit hätten sie den Beweis, “Jetzt is der fällig” dachten sie.

Was stand auf dem Zettel?

Dort stand ungefähr: „Lieber Ingolf“ – oder „Lieber Ingolo“, das war mein Spitzname –, „versuche, dich doch unauffällig zu uns durchzuschlagen. Danke für die Karte. Gruß, Bernhard.“ Der Zettel war aus einem niederländischen Kalender herausgerissen. Ich hatte ihn einfach in meinem Gepäck, und die Stasi-Mitarbeiter fanden ihn.

Was dachten sie?

Sie glaubten, er beweise meine geplante Flucht. Wegen des niederländischen Kalenders hielten sie ihn für eine Nachricht aus dem Westen. Als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass er von meinem Freund Bernhard aus Ost-Berlin stammte, und verstand zugleich, was die Vernehmer dachten: Jemand aus dem Westen fordere mich auf, mich „unauffällig zu uns durchzuschlagen“.

Die wahre Geschichte war völlig harmlos und in diesem Zusammenhang absurd. Etwa zwei Wochen zuvor wollten wir in eine Diskothek in Ost-Berlin gehen. Man musste manchmal eine Stunde anstehen; die Schlange führte eine Treppe hinauf. Bernhard stand schon seit etwa 45 Minuten an und war fast am Eingang, während ich gerade unten ankam. Er sah mich und schrieb: „Lieber Ingolo, versuche, dich unauffällig zu uns durchzuschlagen.“ Er meinte, ich solle mich in der Warteschlange zu ihm nach vorn bewegen.

Es war reiner Zufall, dass ich diesen Zettel aus einem niederländischen Kalender noch bei mir hatte. Andererseits konnte man beim ersten Lesen tatsächlich auf die Idee kommen, es handle sich um eine Aufforderung zur Flucht.

Wie reagierten Sie [Ingolf], als man Ihnen den Zettel vorlegte?

Ich freute mich, weil ich wusste, dass er mich nicht belastete und dass sich die Vernehmer nun darauf konzentrieren würden. Sie hatten mich schon stundenlang verhört und legten ihn mit der Haltung auf den Tisch: Jetzt ist er fällig, jetzt haben wir den Beweis.

Ich fing an zu weinen – reine Schauspielerei. Die beiden glaubten, sie hätten mich gebrochen. Ich spielte großes Theater, bekam eine Pause und, glaube ich, sogar etwas zu essen. Dann kam der blonde „Good Cop“ und sagte sinngemäß: „Machen Sie Ihrem Herzen Luft. Erzählen Sie uns, was Sie in Ungarn wirklich vorhaben. Wir finden schon eine Lösung.“ Er gab sich als mein Freund aus und wollte ein Geständnis.

Ich erzählte daraufhin die wahre Geschichte des Zettels, aber absichtlich etwas unglaubwürdig und unter gespielter Nervosität. Zugleich nannte ich viele überprüfbare, wahre Details: die Diskothek, das Datum und Bernhard. Ich fing zwischendurch wieder an zu weinen, damit sie sich weiter auf diesen Zettel konzentrierten. Auf keinen Fall sollten sie in meine Wohnung fahren, denn dort lagen Hinweise auf meine Fluchtabsicht. Ich hatte zum Beispiel einen Zettel hinterlassen: „Nehmt euch, was ihr braucht.“ Das hätte ich nicht erklären können [wenn ich nicht flüchten wollte].

Ich ließ mir viel Zeit und erzählte vielleicht eine halbe Stunde oder länger. Danach geschah zunächst nichts. In der Zelle hatte ich keinen Kontakt zu Sabine. Nur beim Wechsel zwischen Verhör und Zelle sahen wir uns kurz an und verständigten uns mit Blicken: Wir halten durch und sagen nichts.

Erst nach dem Mauerfall erfuhr ich, was in dieser Zeit geschehen war. Gegen vier oder fünf Uhr morgens fuhren die Mitarbeiter tatsächlich zu Bernhard, holten ihn aus dem Bett und nahmen ihn zum Verhör mit. Sie legten ihm den Zettel vor und fragten, ob er der genannte Bernhard sei und was die Nachricht bedeute. Er wusste nichts von meiner Fluchtabsicht; davon hatte ich niemandem erzählt. Also berichtete er wahrheitsgemäß, wie der Zettel entstanden war.

Gegen sechs oder sieben Uhr, als es schon hell wurde, kam der blonde Vernehmer und sagte, die Sache habe sich erledigt. Entschuldigt hat er sich, glaube ich, nicht. Er fuhr uns mit einem Dienstwagen zum Flughafen und setzte uns in den nächsten Flieger nach Prag. Das ging sogar ohne neue Tickets; er zeigte offenbar nur seinen Dienstausweis. Im Nachhinein staune ich darüber. Gegen neun oder zehn Uhr flogen wir nach Prag. Die Nacht mit der Staatssicherheit war der schwierigste Teil meiner Flucht. Sie hätte sehr viel schlimmer ausgehen können, aber es blieb bei dieser einen aufregenden Nacht.

Was zeigen Sie mir dort in Ihrem DDR-Personalausweis?

Bei einem Umzug wurde die neue Adresse eingetragen, außerdem gab es Reisestempel. Hier ist der Stempel vom 13. September 1989, dem Tag, an dem ich mit dem Flugzeug in Prag ankam.

In Prag stiegen wir in den Zug nach Budapest; die Zugtickets hatten wir bereits. Wir hatten zwei Nächte nicht geschlafen: nicht während des Verhörs und auch nicht in der Nacht davor, als wir vor Aufregung unsere Sachen gepackt hatten. Im Flugzeug redeten wir überhaupt nicht miteinander. Wir waren voller Adrenalin, zugleich erschöpft und wie gelähmt. Erst im Zug nach Budapest begannen wir wieder zu sprechen.

In Budapest kamen wir gegen 23 Uhr am Bahnhof an. Dort warteten Ungarn mit Autos und boten an, DDR-Bürger für 400 Mark direkt an die österreichische Grenze zu fahren. 400 Mark war genau der Höchstbetrag, den DDR-Bürger für eine Ungarnreise in Forint, die ungarische Währung, umtauschen durften. Die Fahrer wussten also genau, wie viel Geld die Reisenden bei sich hatten, und verlangten den gesamten Betrag.

Ich hätte das Geld irgendwie aufbringen können, wollte aber nicht sofort 400 Mark bezahlen. Außerdem dachte ich, es wäre gut, meine Freunde in Budapest tatsächlich zu besuchen. Sabine wollte dagegen unbedingt sofort fort, aus Angst, die Grenze könne wieder geschlossen werden.

Ich schlug vor, von einer Telefonzelle aus die westdeutsche Botschaft anzurufen. Budapest lag noch in einem sozialistischen Land, dennoch erreichte ich jemanden. Ungarn war ohnehin toleranter und hatte sich mit der Öffnung der Grenze im Grunde aus dem bisherigen System gelöst. Ob ein solches Telefonat früher möglich gewesen wäre, weiß ich nicht.

Eine Mitarbeiterin der westdeutschen Botschaft fragte sofort: „Wo sind Sie? Von wo rufen Sie an?“ Ich sagte: „Aus Budapest.“ Darauf antwortete sie sinngemäß: „Dann ist alles in Ordnung. Wenn Sie sich in Budapest befinden, haben Sie nichts mehr zu befürchten. Die politische Lage wird sich in den nächsten Tagen keinesfalls wieder ändern; die Grenze nach Österreich bleibt offen. Es ist jetzt 23 Uhr. Wissen Sie, wo Sie schlafen können?“ Ich erklärte, dass ich Freunde in der Stadt habe. Sie sagte, wir sollten zu ihnen gehen und am nächsten oder übernächsten Tag nicht zur Botschaft, sondern zur Zugliget-Kirche kommen. Dort sei alles vorbereitet.

Auf dem Gelände dieser Kirche kampierten bereits viele Ostdeutsche. Kirchengelände waren auch in der DDR und besonders in Ungarn oft ein wenig dem direkten staatlichen Zugriff entzogen. Eingeschlafen bei meinen Freunden zuhause hatte ich trotzdem nicht, weil ich viel zu aufgedreht war. Am nächsten Tag gingen wir zur Kirche. Das große Gelände war voller Zelte, die DDR-Bürger dort zurückgelassen hatten, nachdem Ungarn die Grenze geöffnet hatte und sie sofort aufgebrochen waren.

Wir meldeten uns in einem Zelt der westdeutschen Botschaft an und erhielten dort bereits bundesdeutsche Reisepässe. Die Situation war skurril: eine weitgehend verlassene Zeltstadt mit verschiedenen Hilfszelten. Mit Wartemarken wurden Busfahrten nach Österreich organisiert. Wir mussten noch einen Tag warten und übernachteten auf dem Gelände.

Beim Ausfüllen des Passantrags wurden wir darauf hingewiesen, als Wohnort nicht den Was trugen Sie ein?

Ich dachte zunächst, ich würde zu Tante Brigitte fahren, und schrieb „Köln“ in den Pass. Tatsächlich fuhr ich nie nach Köln. Ich hatte mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wohin ich wollte. Ich floh, weil ich fliehen und frei sein wollte. Einen Plan hatte ich nicht.

Schließlich entschied ich mich, nicht nach Köln zu fahren, sondern nach West-Berlin zu fliegen. Ich dachte, ich gehöre nach Berlin. Ich war Ost-Berliner gewesen und wollte nun in West-Berlin leben. Im Pass stand deshalb als Wohnort Köln, obwohl ich dort nie wohnte. Das war irgendwie komisch. Der weitere Weg war nicht mehr so abenteuerlich, eher etwas skurril.

Ein Reisebus mit einem österreichischen Reiseleiter brachte uns über die Grenze. Er sagte: „Wir sind in der Freiheit angekommen.“ Die Leute öffneten ihre Sektflaschen, und es entstand eine große Euphorie. Bei einer Rast in Österreich hörten Menschen, dass wir aus der DDR kamen, und machten uns Geschenke.

Danach fuhren wir nach Bayern. Zunächst übernachteten wir nicht in einem eigentlichen Aufnahmelager, sondern in einer Turnhalle. In Deggendorf wurden die Ankommenden registriert und verteilt. Die Abläufe waren inzwischen relativ geregelt, weil häufig über die Fluchtbewegung berichtet worden war und immer mehr Menschen ankamen. Man durfte angeben, wohin man weiterreisen wollte, und erhielt eine Fahrkarte.

Ich nahm kein Zugticket nach Köln, sondern ein Flugticket von Nürnberg nach West-Berlin. In Nürnberg rief ich meinen Onkel an, einen Bruder meines Vaters. Seine erste Frage lautete: „Wo bist du?“ Das war damals die entscheidende Frage. Ich sagte, ich sei in Nürnberg. Er wunderte sich nicht und fragte nur: „Jetzt kommst du zu mir, oder?“ Ich antwortete: „Ich fliege heute Abend nach West-Berlin. Kann ich bei dir wohnen?“

Er kannte mich und wusste, dass ich mich in der DDR nicht zu Hause fühlte. Er hatte uns zuvor öfter besucht. Zum Glück war er frisch geschieden und hatte noch eine große Wohnung mit genügend Platz. Daher konnte ich zunächst bei ihm wohnen.

Auf dem Flug nach West-Berlin waren wir elf Flüchtlinge. Der Kapitän begrüßte uns per Durchsage als elf neue Bürger West-Berlins. Bei der Landung war es dunkel. Das Flugzeug flog eine Schleife um West-Berlin, um in Tegel zu landen. Man sah die hell erleuchtete Mauer. Der amerikanische Kapitän erklärte für uns sinngemäß: „Ihre neue Heimat ist von Licht eingerahmt. Auf der einen Seite ist es dunkel; dort liegt Ihre alte Heimat, Ost-Berlin. Dort, wo all die Lichter sind, liegt Ihre neue Heimat. Herzlich willkommen.“ Wir kamen zwar nicht alle aus Ost-Berlin, aber er erzählte es so. Es war sehr pathetisch und zugleich beeindruckend.

In Tegel holte mich mein Onkel ab. Zufällig war auch meine Tante Brigitte aus Köln gerade bei ihrem Bruder zu Besuch, sodass mich beide empfingen. Damit war meine Flucht beendet.

War West-Berlin für Sie ein Schock – etwa wegen der vielen Autos im Vergleich zu Ost-Berlin?

Nein. Uns Ost-Berlinern war das alles bekannt. Wir wussten genau, wie der Westen und West-Berlin aussahen. Ich werde oft gefragt, ob ich einen Kulturschock erlebt oder etwas besonders aufregend gefunden habe. Für mich war alles normal, weil ich gut informiert war.

Ich kannte beispielsweise die U-Bahn und das Musical Linie 1, von dem ich auch einen Film gesehen hatte. Ich hatte viele Filme gesehen; manche westlichen Filme wurden sogar in DDR-Kinos gezeigt. Fast alle sahen Westfernsehen und waren gut informiert, und ich war besonders gut informiert. Es gab überhaupt keinen Schock. Im Gegenteil: Ich fühlte mich sofort zu Hause.

Meine letzte große Frage betrifft das MfS. Hatten Sie das Gefühl, beobachtet zu werden?

Das MfS sollte zwar geheim arbeiten, war aber eigentlich kein Geheimnis. Alle wussten, dass es überall präsent war. Man wusste, dass Menschen überwacht und ausspioniert wurden. Ich persönlich ging allerdings realistisch davon aus, dass nicht genügend Personal vorhanden war, um ausgerechnet mich ständig abzuhören.

Was ist mit Inoffiziellen Mitarbeitern?

Von ihnen wusste ich ebenfalls. Teilweise wusste ich sogar, wer einer war. In meiner Seminargruppe erfuhr ich es zufällig. Einer, Torsten , gab es später sogar zu. Als wir einmal gemeinsam trinken waren, erzählte er, dass er IM sei, behauptete aber, nichts zu verraten. Das hätte er eigentlich nicht offenlegen dürfen.

Als ich in Ost-Berlin zu arbeiten begann, nahm mich eine Sekretärin sofort beiseite und warnte mich vor einer anderen Sekretärin namens Bangel [Name im Originalton unklar]. Sie sei eine Zuträgerin oder IM.

Bei manchen Menschen ahnte man so etwas. Wenn jemand nie kritisch war, besonders neugierig erschien, sich ausgesprochen staatstreu verhielt und auf eine bestimmte Weise nachfragte, entstand der Verdacht. Man spürte, dass etwas nicht stimmte, und wusste zumindest, welchen Menschen man nicht vertrauen sollte. Später stellte sich bei manchen tatsächlich heraus, dass sie IM gewesen waren. Das war nicht in Ordnung, aber es war die Realität, auf die man sich einstellte.

Kannten Sie Menschen, die von der Staatssicherheit überwacht oder ausspioniert wurden?

Niemanden aus meinem engsten persönlichen Umfeld. Durch meine zumindest passive Mitarbeit im Umfeld der Umwelt-Bibliothek kannte ich jedoch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die überwacht wurden – etwa Bärbel Bohley oder Marianne Birthler und andere bedeutende Oppositionelle. Einige kannte ich aus der DDR, wenn auch nicht unbedingt persönlich. Wer besonders kritisch und zugleich einigermaßen bekannt war, wurde überwacht. Nicht jede Wohnung wurde abgehört; dafür fehlte das Personal. Aber über solche Personen wurden Berichte geschrieben und Akten angelegt.

Gab es Akten über alle DDR-Bürger?

Nein. Nach meinem Wissen gibt es knapp drei Millionen Akten, während die DDR am Ende etwas mehr als 16 Millionen Einwohner hatte. Der Großteil der Bevölkerung hat keine Stasi-Akte. Wer unauffällig lebte, sich politisch heraushielt, nicht aneckte, seine Meinung für sich behielt oder dieselbe Meinung wie der Staat vertrat, konnte ein normales Leben führen und hatte wahrscheinlich keine Akte.

Glauben Sie, dass eine Akte über Sie existiert?

Wahrscheinlich. Ich wurde festgehalten und verhört, gab meine Arbeit auf, hatte Kontakt zu Oppositionellen und versuchte über die Einladung meiner Tante in den Westen zu gelangen. Außerdem war mein Vater Parteisekretär der SED. Das sind Indizien dafür, dass sicher eine Akte über mich angelegt wurde.

Ich müsste sie einmal beantragen. Andererseits hatte ich auch etwas Angst davor, sie zu lesen. Ich glaubte, ein gutes Gespür dafür gehabt zu haben, dass keiner meiner engen Freunde mich verraten hatte, und von meinen engsten Freunden weiß ich das auch. Trotzdem wollte ich die Vergangenheit nicht unbedingt noch einmal vollständig durchgehen. Für meine heutige Tätigkeit sollte ich es vielleicht doch tun.

Haben Sie hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter im Alltag gesehen oder erlebt, wie jemand verhaftet wurde?

Eine Verhaftung habe ich nicht unmittelbar miterlebt. In meinem Ost-Berliner Freundeskreis dachten viele ähnlich wie ich; viele flohen später, Bernhard allerdings nicht. Wir sprachen natürlich über die Staatssicherheit. Aber dass jemand vor unseren Augen verhaftet wurde, erlebte keiner. Solche Festnahmen wurden auch nicht öffentlich inszeniert, sondern eher im Verborgenen durchgeführt.

Hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter glaubte man dagegen recht gut zu erkennen. Etwa 80.000 Menschen arbeiteten hauptamtlich für die Staatssicherheit und verdienten damit ihr Geld, in höheren Rängen, etwa als Major, zum Teil sehr viel. Manche machten aus ihrer Zugehörigkeit keinen Hehl: fast immer Männer, häufig mit Lederjacke und manchmal Sonnenbrille, unterwegs in einem Lada. So nahm man sie im Alltag wahr.

Für mich war das normal. Ich lebte in Ost-Berlin an einem Ort, an dem man viele Berührungspunkte mit der Mauer und der Staatssicherheit hatte. In der Provinzstadt Schwerin, in der ich geboren wurde, spielte das in meinem Alltag vermutlich eine geringere Rolle.

Nach Ihrer Flucht bestand die DDR noch ungefähr zwei Jahre. Was geschah mit Ihrem Vater? Die Staatssicherheit wusste sicher, dass sein Sohn geflohen war. Hatte das Konsequenzen?

Ja, sie wusste es. Mein Vater musste sich verantworten und wurde gefragt, ob er von meinem Plan gewusst habe. Er wusste nichts, denn ich hatte meine Eltern natürlich nicht über meine Flucht informiert. Er machte glaubhaft klar, dass er nichts damit zu tun hatte, und das stimmte. Damit waren die unmittelbaren Konsequenzen im Wesentlichen beendet.

1987 oder 1988 wären die Folgen möglicherweise größer gewesen. Als er Mitte September 1989 befragt wurde, geriet die DDR bereits stark ins Wanken. Viele Menschen gingen auf die Straße.

Hatte man damals das Gefühl, die DDR könne innerhalb von ein oder zwei Jahren enden?

Nicht direkt. Im Laufe des Jahres 1989 ahnten die Menschen aber immer stärker, dass etwas geschehen würde. Niemand wusste, was. Niemand wusste, dass die Mauer am 9. November geöffnet werden würde; das war unvorstellbar, auch für die Westdeutschen. Es wirkte später wie ein Wunder und zugleich wie ein Versehen.

Schon im Frühjahr hatten Menschen begonnen, auf die Straße zu gehen, obwohl sie noch mit Verhaftungen rechnen mussten. Dass sie es wagten, war ein Signal für andere. Woche für Woche wurden es mehr, etwa bei den Montagsdemonstrationen. Alle spürten, dass diese Entwicklung irgendwohin führen würde, ohne zu wissen, wohin. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Im Mai 1989 wurde allen klar, was es bedeutete, dass Ungarn nicht mehr schoss, und viele Menschen flohen erfolgreich.

Sabine, die mit mir floh, hatte bereits zuvor versucht, über Ungarn zu entkommen. Davon erzählte sie mir erst, als wir im Westen waren, weil sie Angst vor möglichen Konsequenzen hatte und mir nicht vollständig vertraute. Ich war etwas verärgert und dachte, sie hätte es mir erzählen können. Sie entgegnete, ich erzählte manchmal zu viel weiter. Man war also stets vorsichtig.

Mein Vater erlitt keine größeren Konsequenzen. Er musste sich verantworten und sich, glaube ich, in irgendeiner Form von mir lossagen.

Waren Sie am Tag des Mauerfalls an der Berliner Mauer?

Nicht direkt am 9. November. Die Öffnung erfolgte sehr spät, ich glaube gegen 22:30 Uhr. Ich war zu Hause bei meinem Onkel in Spandau und bekam es nicht sofort mit. Wahrscheinlich schlief ich bereits. Ich gehöre also zu den Menschen, die in dieser großen Nacht schon im Bett waren. Das ist die Wahrheit, auch wenn sie nicht besonders spannend klingt. Am nächsten Tag, dem 10. November, war ich natürlich dort.

Reisten Sie danach wieder nach Ost-Berlin?

Natürlich fuhr ich nach dem Mauerfall nach Ost-Berlin und besuchte die Stadt. Interessanterweise hatte ich dort noch meine Wohnung in der Brunnenstraße. Ich hatte nichts abgemeldet. Ich war verschwunden, aber die Mietwohnung existierte weiter.

Wenn man flieht, schließt man mit seinem bisherigen Leben ab. Man hat keinen Plan B und weiß: Das ist jetzt endgültig. Den Wohnungsschlüssel hatte ich noch, weil ich die Wohnung abgeschlossen hatte und offiziell in den Urlaub gefahren war. Nach dem Mauerfall ging ich noch einmal hinein und holte Unterlagen. Der Rest interessierte mich nicht; dort wohnen wollte ich nicht mehr.

Ich empfand die Wohnung als unheimlich. Sie gehörte für mich zu einer abgeschlossenen Vergangenheit. Sie war klein, lag im zweiten Hinterhof direkt an der Mauer, und zwischen den Höfen war kaum Platz. Auch die Wohnung selbst hatte mich eingeengt.

In der DDR hatte ich mich in mehrfacher Hinsicht eingesperrt gefühlt: durch diese Wohnsituation, durch das „große Gefängnis“ des Landes und dadurch, dass ich auch noch an der Mauer arbeitete. Diesem Gefühl wollte ich mich nicht mehr aussetzen. Ich nutzte die Wohnung nicht mehr. Irgendwann wurde sie von irgendjemandem aufgelöst; von wem, weiß ich nicht.

Welche Arbeit übten Sie nach Ihrer Ankunft in West-Berlin aus?

Zunächst arbeitete ich in der Markt- und Meinungsforschung. Mein Abschlusszeugnis beziehungsweise Diplom holte ich nach dem Mauerfall aus der alten Wohnung. Andere Flüchtlinge, die ihre Zeugnisse nicht mitgenommen hatten, konnten sie später bei ihren Hochschulen beantragen. Ich besaß meines nun wieder.

Ich arbeitete zunächst nicht in einem akademischen Beruf, sondern bei infas in der Markt- und Meinungsforschung. infas ist ein Meinungsforschungsinstitut in Bad Godesberg bei Bonn. Das Institut führte unter anderem Wahltagsbefragungen und Wahlauswertungen durch.

Als Mitarbeiter von infas wertete ich im März 1990 die erste freie Volkskammerwahl der DDR aus. Das war eine merkwürdige Konstellation: Ich war DDR-Bürger und zugleich Bürger der Bundesrepublik. Meine DDR-Staatsbürgerschaft hatte ich nicht abgegeben; nach dem Grundgesetz galten DDR-Bürger ohnehin grundsätzlich auch als Deutsche beziehungsweise Bundesbürger und mussten nicht eingebürgert werden.

Während ich die Wahl für infas auswertete, ging ich selbst noch als DDR-Bürger wählen. Ich fuhr in die Brunnenstraße, holte die Wahlunterlagen aus dem Briefkasten, gab mit meinem noch vorhandenen DDR-Ausweis meine Stimme ab und fuhr wieder zurück. Wir saßen im Palast der Republik, darunter die Mitarbeiter der Meinungs- und Wahlforschungsinstitute, und werteten die Ergebnisse weiter aus. Die Zeit nach der Wende war wirklich verrückt.